06. März 2016

Tag der gesunden Ernährung Interview zu Food Trends

Glutenfrei, rohvegan, Paleo oder doch besser Low-Carb? Die Frage nach der optimalen Ernährung treibt viele um. Mit negativen Folgen, wie Ernährungswissenschaftlerin Maike Ehrlichmann beobachtet hat.

Von Antonia Lange und Gisela Gross

Diäten und Ernährungsvorgaben setzen Menschen einer Ökotrophologin zufolge unter Druck und begünstigen ungesundes Essverhalten. Zunehmend setze sich in der Wissenschaft die Erkenntnis durch, dass es die eine gesunde Ernährung gar nicht gibt, sagte die Hamburger Ernährungswissenschaftlerin Maike Ehrlichmann.

Was ist für Sie gesunde Ernährung?

Für mich steht im Zentrum, dass unser Körper über ein funktionierendes System verfügt, das darüber bestimmt, wann wir welches Essen brauchen. Das funktioniert intuitiv bei Kindern und in der Natur. Auch wer mal länger krank war, weiß danach genau, worauf er Appetit hat. Das ist in den seltensten Fällen Curry-Wurst.

Warum greift man im Alltag dann doch dazu?

Auf die inneren Signale zu hören, müssen viele erst wieder lernen. Das System ist gestört: zum Beispiel durch Stress, Werbung und Zusätze wie Süßstoffe, Aromen und Glutamat. Auch durch Essregeln wie «Kein Brot zum Abendessen». Stattdessen gibt es dann später drei Magnum auf dem Sofa. Es herrscht eine maßlose Verwirrung, welche Ernährung gut ist - warum hieß es vor zehn Jahren fettarm, warum jetzt Low-Carb? Die Leute sind überfüllt von Vorschlägen und machen am Ende gar nichts. Wegen überhöhter Vorstellungen halten sich viele Leute für undiszipliniert und sind frustriert. Dabei müsste man nur die Störfaktoren beseitigen.

Sie geben Ihren Klienten keine Mengen vor?

Nein. Wir brauchen viel individuellere Wege. Auch Professoren sagen inzwischen: Vergessen Sie die Kalorien. Ich habe beobachtet: Wer selbst bestimmt über sein Essen, isst total anders und lernt wieder, auf sich zu hören. Wichtig ist auch, nicht immer von Gesundheit zu sprechen. Das löst sofort Druck und oft Ablehnung aus. Für viele ist Aussehen eine viel größere Motivation.

Heißt ihr Buch deshalb «Ehrlich essen macht schön»?

Ja, wobei wir Schönheit neu definiert haben, auf Zellebene. Nur gut versorgte gesunde Zellen sind schön und strahlen das auch aus. Die meisten unserer Rezepte sind auch herzschützend und krebsvorbeugend. Aber wir sagen «schön», weil damit bisher die Regel verbunden war: Iss so wenig wie möglich. Wir dagegen finden es okay, Kartoffeln zu essen. Wir raten für den Anfang zu zehn ganz normalen Lebensmitteln, mit denen man kochen kann, ohne viel nachdenken zu müssen. Anstatt sich mit Chia-Samen oder anderen abstrusen Lebensmitteln zu beschäftigen. Das bringt eine enorme Erleichterung. dpa

Zur Person:

Maike Ehrlichmann ist Ernährungswissenschaftlerin, Autorin und als Coach in Kiel und Hamburg tätig. Sie studierte in Kiel und Fulda. Unter Expats im Ausland bemerkte sie, dass gerade Frauen, die sich besonders viel mit der «richtigen» Ernährung beschäftigten, besonders mit Gewichtsschwankungen zu kämpfen hatten.

Von Paleo bis Pulver - Was ist beim Essen im Trend?

CLEAN EATING: Anhänger setzen auf unverarbeitete Lebensmittel, mit denen frisch gekocht wird. «Auf Getreide versuchen wir weitmöglichst zu verzichten. Und wenn, dann gibt es Vollkorn oder besser noch Quinoa als Alternative», heißt es auf der gleichnamigen Internetseite. Die Ansätze sprechen zumindest nicht gegen die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), wie DGE-Expertin Antje Gahl sagt. Bei verarbeiteten Lebensmitteln ist die DGE aber nicht so streng. Tiefkühl-Spinat etwa sei unbedenklich.

PALEO: Bei einer paleolithischen Ernährung kommt nur auf den Tisch, was es schon in der Steinzeit gab. Zucker, Nudeln, Reis, Kartoffeln und Brot sind tabu. In Berlin öffnete mit dem «Sauvage» einst das erste Paleo-Restaurant Deutschlands. Ernährungswissenschaftler betonen aber, unser Körper habe nicht mehr dieselben Bedürfnisse wie vor zwei Millionen Jahren.

PULVER: Inzwischen gibt es Pulver, das mit Wasser aufgegossen Nahrung ersetzen soll. Das Berliner Unternehmen nu3 brachte mit «Compleat» jüngst einen solche Raumfahrernahrung auf den Markt. Zuvor sorgte ein Software-Ingenieur in den USA mit einem Essensersatz namens «Soylent» für Schlagzeilen. «Man kann schon austüfteln, dass in Nahrungsersatz die wichtigsten Nährstoffe drin sind», sagt Ernährungswissenschaftler Guido Ritter von der Fachhochschule Münster. Eine dauerhafte Alternative sei das aber nicht.

FREI VON: Egal ob ohne Gluten oder ohne Laktose - DGE-Expertin Gahl beobachtet einen «Frei von»-Trend. Mittlerweile greifen ihr zufolge nicht nur Betroffene zu solchen Produkten. Der Verzicht ist eher ein Zeitgeistphänomen, denn von Laktoseintoleranz ist hierzulande nur etwa jeder Fünfte betroffen. Lediglich zwei bis drei Prozent der Deutschen vertragen laut DGE das Klebereiweiß Gluten nicht, das etwa in Weizen steckt.

ROH: Das heißt, kein Lebensmittel wird über 42 Grad erhitzt. In Berlin öffnete mit dem «Rawtastic» jüngst ein reines Rohkost-Restaurant, das sogar Pizza und Kuchen anbietet. Nur roh macht aber nicht froh: «Es gibt einige Lebensmittel, die roh Giftstoffe enthalten», sagt Ernährungsberaterin Gahl. Andere gäben bestimmte Nährstoffe wiederum nur erhitzt frei.

VEGAN: Fleisch, Fisch, Honig, Eier, Milch - tierische Lebensmittel sind für Veganer tabu. Der Vegetarierbund Deutschland (Vebu) geht hierzulande von 900 000 Veganern aus. Das entspricht 1,1 Prozent der Bevölkerung. «Für einen gesunden Erwachsenen ist es durchaus machbar, sich vegan zu ernähren», sagt Gahl. Vitamin B12, das vor allem in tierischen Produkten vorkomme, müsse aber zugesetzt werden.

VEGGAN: Der Trend zur veganen Ernährung treibt neue Blüten: Unter #veggan veröffentlichten Veganer im Netz Fotos ihrer Mahlzeiten mit eigentlich verpönten Eiern - auf deren Nährstoffe wollen die sogenannten Ovo-Vegetarier nämlich nicht verzichten. #veggan ist eine Neuschöpfung aus vegan und dem englischen Wort egg (Ei).

SUPERFOOD: Lebensmittel wie Chia-Samen, Goji- oder Açai-Beeren sollen einen besonders hohen Gehalt an gesundheitsfördernden Stoffen haben. Inzwischen gibt es eigene Lokale und Kochbücher mit solchen «Superfoods». «Sie können den Speiseplan sicherlich ergänzen und vervielfältigen», sagt die DGE-Expertin Gahl. «Aber man sollte sich keine Wunder davon erhoffen.» Auch heimische Produkte wie Paprika und Brombeeren könnten mit einem hohen Vitamingehalt aufwarten.

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