31. August 2009

Wein im Web: Meinung contra News

"Lesen, das ist das, was man im Internet am wenigsten mag": Das Dogma von Magazin und Meinung contra News und Infos im Netz

Dieser herrliche Spruch des Tages animiert mich zu einem kleinen Diskurs über Sinn und Unsinn der Weinmagazine in Print und Web. Michael Pleitgen von der Weinakademie Berlin hat sich noch einmal die neue Printausgabe des Vinum-Magazins vorgenommen und an ihr kein gutes Haar gelassen.

Zu recht. Immer wieder müssen die Leser solcher Magazine die immer gleiche Aufmachung der alten Themen ertragen. Das ist erschreckend, nicht nur bei einem Neuanfang. Es ist erschreckend, dass sich die Redakteure trotzdem noch über ein Auflagen-Minus im zweistelligen Bereich wundern.

Viele Magazine versuchen sich online zu präsentieren, indem auf der homepage die Artikel des aktuellen Heftes zu lesen sind. Diesen nonsense bringt Michael Pleitgen in einem Satz auf den Punkt: "Gratis, das findet die Gemeinde vielleicht noch schön, aber Lesen, das ist das, was man im Internet am wenigsten mag."

Ja, das ist der Satz des Tages, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse: "Lesen, das ist das, was man im Internet am wenigsten mag."

Genau das wollen diese sogenannten Magazin-Macher nicht wahrhaben: im Web zählen ausschließlich harte Informationen, also solider und schneller Service für den User. Der möchte weder belehrt werden noch sich über vermeintliche Skandälchen erregen, sondern sucht harte Fakten zum richtigen Thema zur richtigen Zeit.

Und bleibt da, wo er sie findet. Zwar kann man mit meinungsstarkem Lobbyismus durchaus Effekte erzielen, das sind aber meistens Strohfeuer, die sich kaltlaufen, wenn sie nicht immer wieder aufs Neue entfacht werden. Von alleine brennt da nichts.

Ich vergesse folgenden Satz nicht, den mir einer dieser Vinum-Haudegen im Rahmen des Verkaufs des Magazins abschätzig entgegen schleuderte: "Sie machen doch nur Häppchen-Journalismus!"

Bullshit. Jeder erfahrene Profi-Schreiber kann aus der Praxis bezeugen: Nichts ist schneller geschrieben als ein Erlebnis-Bericht in Form einer Reportage aus einem Weingut oder ein Meinungsstück wie dieses.

Nein: extrem zeitaufwändig ist es, gute und neue Infos zu recherchieren. Das ist ein erstes Angebot, das der User zu schätzen weiß. Kommt dazu noch Hintergrund hinzu, nimmt der Leser die News auf und packt sie in seinen Erfahrungsschatz. Bei einem Aha-Erlebnis ist er dankbar und kommt wieder zu der Stelle, an der er fündig wurde, um neue News zu tanken. Das ist die Droge des Webs.

Manche glauben den Sinn des Webs in Aufgeregtheiten nach immer dem gleichen Schema gefunden zu haben: "Frechheit, bei mir hat jemand abgeschrieben!" Oder: "Ätsch, der hat einen Fehler gemacht." Oder: "Hilfe, mein Zitat ist geklaut!" Und dann noch nicht einmal verlinkt, Herr Lehrer - Skandale aus der Vorschule.

Oder sie sehen den Sinn in der Aufdeckung vermeintlicher Skandale, um andere niederzumachen. Zumeist mit Hilfe von Weglassen oder Verheimlichen von Infos, um sich die Story zurechtzubiegen. Denn die Lebenserfahrung zeigt: Die Welt besteht nicht aus Verschwörungen!

Der User durchschaut diese Pseudo-Diskussionen, die zwar einen gewissen lautstarken Traffic erzeugen, aber dann ganz schnell wieder verpuffen.

Zeitnaher nützlicher Service und Infos, garniert mit Hintergrundwissen, das Ganze permanent und kostenlos abrufbar, das sind die Grundlagen des online Erfolgs. Wissen das die Macher der großen Gourmet-Verlage?

Grüße, Niko

Kommentare (3)

  1. frank weinery am 31.08.2009
    Ich habs schon immer gewusst. Gute Texte = Kurze Texte. Thanks
  2. Dirk Würtz am 31.08.2009
    Da bin ich aber auch sowas von 1005tig Deiner Meinung!Magazine müssen aktuell, schnell und sachlich sein. That´s it!
  3. Der Marqueee am 31.08.2009
    Hallo Niko,
    so ganz kann ich Deinen Thesen nicht zustimmen, jedenfalls nicht so absolut, wie sie sich da oben präsentieren. Ich kopiere hier mal rein, was ich bei Dirk Würtz in den Kommentaren dazu geschrieben habe:

    \"Ich finde, gerade Dein Blog (also D. Würtz\') ist ein schönes Gegenbeispiel für die These, die Leser im Web 2.0 wollten vor allem \"News tanken\". News&Leserservice sind EIN möglicher Ansatz, um im Netz erfolgreich zu sein. Ein anderer lautet: Meinung, Haltung und Individualität. Und ich finde, gerade Dein Blog – das ja alles andere als als erfolglos ist – ist dafür ein Paradebeispiel. Vielleicht mache ich ja den Fehler, einfach nur von mir auf andere zu schließen, aber es würde mich doch wirklich sehr wundern, wenn die Mehrzahl der Leser HIER wegen der reinen News aufschlügen. Dass es bei Niko völlig anders aussieht, ist unbestritten...\"

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