Ich schätze Dich als Revoluzzer, glasklaren Aufklärer in Sachen Wein und revolutionärem online Wein-Verkäufer.
Umso mehr überrascht es mich, wie empfänglich Du und ihr kommentierenden Weinblogger für dunkle Verschwörungstherorien geworden seid und ihr euch von einem ausgewiesenen Wein-Lobbyisten - der durch undurchsichtige Wein-Wettbewerbe in die öffentliche Kritik geraten ist, instrumentalisieren lasst. (By the way, genau wie die anderen Medienpartner DWI, over-blog und das Magazin Divino war ich vom Winzersekt-Wettbewerb zunächst begeistert und wir gingen alle davon aus, das er zu Ende geführt wird).
Also zu den Fakten:
Es wurden im Fall vom Gault Millau KEINE Sperrfristen gebrochen, zumindest weder von Bloggern, noch von Journalisten.
Beide Bücher - also Restaurant- und Wein-Guide - gingen bereits Tage vor den Fristen über die Tresen der Buchhändler. Die einzigen Sperrfristen, die - warum auch immer - gebrochen wurden, sind entsprechende Verträge zwischen Verlag und den Grossisten/Buchhändlern/Buch-Barsortimenter.
Ich selbst habe den Restaurant-Guide am Sonnabend, den 14. 11., und den Weinguide am Montag, 16.11., gekauft. Erst die Winzer auf der Big Bottle Party in Hamburg am Sonntag haben mich darauf aufmerksam gemacht, das es auch den WeinGuide bereits gibt. Hätte ich dies vorher gewusst, hätte ich ihn mir ebenfalls bereits am Sonnabend gekauft und wäre noch zwei Tage schneller gewesen.
Wer eine Information erhält, sei es, dass er das Buch Tage vorher im Buchhandel kauft, oder die Informationen aus anderen Quellen zugespielt bekommt, kann selbstverständlich frei darüber berichten. Er ist einfach schneller, ein Profi nannte dies "News fit to print".
Er bricht damit weder eine Sperrfrist noch verstößt er gegen einen Kodex oder gar Berufsethos.
Besonders schlimm ist, wenn einer der Kommentierenden Euch auffordert, einen "Fehler gemeinsam zu ignorieren" und das "im Sinne des Verlags und im Sinne des Berufsethos" - dann überschreitet er damit sogar die Grenzen von Lobbyismus und entlarvt sich als Anhänger eines Denkens, das totalitäre Regimes vorexerzieren. Will er damit Blogger zu brav männchenmachenden Subjekten degradieren, die nur auf das Wohl ihres Arbeitsgebers bedacht sind? Das wird er nicht schaffen. Aber solches Gedankengut erschreckt mich als Journalist, als Blogger ist es mir geradezu peinlich!
Anders verhält es sich, wenn jemand in eine Sperrfrist eingewilligt hat, also einen Vertrag unterschreibt, wie es beispielsweise bei Fernsehproduktionen, Fotografen auf Top-Events oder dem legendären Harry Potter üblich ist. Aber eine Sperrfrist über Twitter? Gern zitiere ich Eckhard Supp: "Darüber kann ich nur noch wiehern".
Interessanterweise habe ich mein Rezensionsexemplar des Restaurant-GM am 18. November, und des WeinGuides noch einen Tag später, jeweils lange nach meinen Veröffentlichungen, erhalten.
Deswegen empfinde ich es als extrem stillos, wenn ausgerechnet die Pressesprecherin des Verlages von Journalisten und Bloggern gleichermaßen beschimpft wird, warum sie angeblich Informationen nur an gewisse Journalisten herausgäbe. Was sich aus den oben genannten Fakten nun erübrigt. Und extrem stillos bleibt.
Meines Wissens sind keine Exemplare an Blogger und Journalisten vorab herausgegangen. Offensichtlich aber an gewisse Lobbyisten, sonst hätten diese am Telefon uns alle nicht mit ihrem ominösen Wissen um Sperrfristen belästigen können.
Alles andere sind Mythen, Legendenbildung und mittelalterliche Angstmache.
Genau das, wogegen Revoluzzer antreten müssen, Bangemachen gilt nicht.
Nebenbei habe ich noch einen Mythos auf Würtz-Wein gefunden. Über die Winzer, die im Sommer den Streit um den Gault Millau eröffneten, wertest Du: "Viel Lärm um nichts also, damit dürfte auch dem letzten klar geworden sein, warum es da eigentlich ging".
Nicht so vorschnell, diese Winzer, sind NICHT eingeknickt! Warum auch?
Der Gault Millau hat sich selbstverständlich die Flaschen auf den üblichen Wegen besorgt oder die Weine auf den Gütern anonym verkostet - und dann die Weine bewertet. Genau das muss er tun. Solch ein Guide ist ein Instrument der Verbraucher-Aufklärung! Auch ein Koch kann nicht verlangen, dass er vom Gault Millau oder Michelin nicht mehr bewertet wird. Ein Guide MUSS bewerten, sonst macht er sich überflüssig!
Gerade die Blogger Szene sollte sich nicht von interessengesteuerten Lobbyisten beeinflussen lassen, (ich habe mein Teil dabei gelernt), sondern muss über das berichten, was ihr wichtig ist. Was Du auch in den nächsten, folgenden Absätzen über die Besten-Listen tust: gottseidank, da isser wieder, der Revoluzza Dirk, wie ich ihn kenne!
Dabei muss sich selbstverständlich JEDER an geltende Gesetze in Deutschland und nach den Richtlinien des Presserates halten. Sperrfristen sind in Deutschland seit 2006 nicht mehr relevant. Laut Presserat dürfen Sperrfristen nicht Werbezwecken dienen. Daher benutzen Profis wie die Redaktionen von Gault Millau und Michelin einen einfachen Trick: sie veröffentlichen die Informationen erst zu einer sogenannten "Sperrfrist" auf ihren homepages. So können sie das Erscheinen selbst kontrollieren und kein Medium kann vorher berichten.
Diese Richtlinien gelten selbstverständlich für alle, die öffentlich publizieren. Es gibt keine Sonderregelungen für Blogger, daher bedarft es auch keines speziellen Ehrenkodex.
Genügend unabhängige Blogger und Journalisten zertrümmern weiterhin Mythen und sammeln Fakten.
Jeder muss sich selbst entscheiden, ob er Revoluzzer oder Wasserträger ist.
Bitte mehr Aufrichtigkeit, mehr Stil, mehr Mut zur Aufklärung!
Euer Niko
PS: Beachtet bitte meine Sperrfrist auf Twitter. Jeder Blogger darf erst ab 6. Dezember, 6 Uhr, diesen Offenen Brief verbreiten! Verstöße werden mit 5000 Euro Strafe geahndet, ich überweise die Summe nach der Sperrfrist auf das Spenden-Konto des Gault Millau.
PPS: Kompliment an Sigi Hiss, der sich weigerte, mir das pdf zu schicken. Nun musste ich also auf ihn verlinken, obwohl es eigentlich die journalistischen Lorbeeren der Weinwirtschaft und ihres Chefredakteurs Dr. Hermann Pilz sind! Kompliment also für das einscannen des Textes, schnell gelernt!
Nun zu den Mythen
Habe gerade darüber nachgedacht, ob ich mich als Winzer darüber aufregen würde, wenn Weinliebhaber und Medien (ob nun on- oder off-line) über einen neuen Wein aus Lisson berichten würden, den Sie schon bei einem Händler gekauft haben - auch wenn ich ihn eigentlich erst bei einer anstehenden Messe der "Öffentlichkeit" vorstellen wollte.
Eigentlich könnte es mich doch nur freuen, dass die Flasche genügend Aufmerksamkeit erregt hat, um gleich gekauft, geöffnet, getrunken und öffentlich kommentiert zu werden.
Allenfalls bei Besuchern, die ihn vor Ort verkostet haben und die ich in Hinblick auf meine bevorstehende Kampagne (mit entsprechenden Presseeinladungen) gebeten hätte, meinen "skoop" nicht zu verwässern, wäre ich etwas verärgert - weil ich da auf das persönliche Vertrauen gesetzt hätte.
Wenn dann die Vorabbesprechungen so viel Wirnel ausgelöst hätten, würde ich mir vielleicht sagen, dass ich auf mein teures fristgebundenes "event" hätte verzichten können, da ich die Zugkraft meiner "Marke" unterschätzt habe...
Abzuwägen wäre dann höchstens noch, ob mir ein eventuelles zukünftiges "Eingeschnapptsein" der Pressevertreter, die nur auf persönliche Einladung zu einem Event mit Kostenübernahme reagieren, mittelfristig mehr Schaden zufügt, als das spontane Interesse und Engagement der Vorprescher - und wessen Berichterstattung für meine Zielgruppe, die "einfachen" Weinliebhaber, also die Kunden, die schließlich mein Produkt bezahlen, glaubhafter und damit kaufentscheidender ist.
Im Zweifel wäre dann doch höchstens meine Werbeagentur oder Abteilung sauer, dass ihre Bemühungen durch das schon bestehende Interesse ad absurdum geführt wurde.
Die könnte ich dann damit beruhigen, dass es ohne ihre vorherige gute Arbeit ja nicht soweit gekommen wäre.
Na ja, aber ich kultiviere ja auch nur Trauben und mache Wein daraus (und bin nebenbei meine eigene Werbe- und Vertriebsabteilung) - also in solchen Medien- und Marketingstrategien und Spitzfindigkeiten ein blutiger Laie...
Den Gault Millau kaufe ich übrigens auch in Frankreich nicht, ich stehe nicht drin, also brauche ich auch kein Belegexemplar im Keller, das für meine Kunden Wiedererkennungswert und Gruppenbestätigung signalisiert - außerdem gibt es hier wirklich zu viele Weinführer, um sie alle aufzureihen:-).
Nikos (vorab?) veröffentlichte Listen aus Deutschland habe ich überflogen - an meiner Gewohnheit, meinen Riesling bei Steffens-Kess zu bestellen, der über seine Arbeit selber ausführlich blogt und dem ich vertraue - vor allem, seit ich die ersten Weine hier probieren konnte, ändert auch ein Weinführer nichts. Als Kunde bin ich wohl atypisch, da nicht sehr sprunghaft:-).
Die Kommentarlawine, die dieses Thema bei Dirk losgetreten hat (ähnlich wie die über Rankingmechanismen bei Michael Pleitgen), zeigt doch eigentlich nur, dass auf den sogenannten Weinblogs in Deutschland hauptsächlich Blogger und sonstige Veröffentlicher sich gegenseitig lesen und kommentieren, wenn es um Klickraten und ihre Hackordnung geht - Wein scheint da nicht mehr wirklich im Mittelpunkt zu stehen.
Was denkt denn die eigentliche Zielgruppe, der Weintrinker, darüber, fühlt der sich überhaupt noch angesprochen und gut informiert?
Lieber Niko,
ein offener Brief an mich, nicht schlecht, ich fühle mich geehrt :-)
Sperrfrist hin, Sperrfrist her, für mich war das ein willkommener Auslöser um mir - öffentlich auf meinem Blog - Gedanken um einige grundsätzliche Dinge zu machen und Fragen zu stellen, auf deren Beantwortung ich gehofft hatte. Ernstgemeinte Fragen, die teilweise ja dann auch beantwortet wurden. So habeich ja auch dann die wesentlichen Kommentare selbst wieder kommentiert um auf das eigentliche Thema wieder zurückzukommen. Dass das so schwierig und auch emotional wird hatte ich nicht erwartet. Das gibt es wohl einige von mir unterschätzte Befindlichkeiten. Wie auch immer!
Fakt ist, ich habe und ich werde mich nicht instrumentalisieren lassen. Ich habe meine Meinung gesagt, wie eigentlich immer. Dass das in diesem speziellen Fall aussieht wie ein "instrumentalisieren" kann ich verstehen. Macht nix.
Ich bin froh, dass Du in Deinem "offenen Brief" auf den Kernpunkt meines postings eingegangen bist, nämlich die "Regeln" die es gibt (oder eben nicht. Darum ging es, darum geht es. Solche Diskussionen kann man aber allem Anschein nach nicht im Netz und schon gar nicht auf einem Blog unaufgeregt führen.
Und noch mal zum GM: Ich habe kein Exemplat vorher bekommen. Warum auch?
Gruss nach Berlin
Dirk
P.S. Ich habe die arme Pressesprecherin, die übrigens sehr nett ist, am Dienstag getröstet und ihr gesagt sie soll sich ja nicht ärgern lassen...
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