Ob Soßentomate «Stierherz» oder dunkelviolette «Black Altai» für den griechischen Bauernsalat: Wenn es um Tomaten geht, kann Gemüsebäuerin Benedicta von Branca Hobbyköchen selbst die ausgefallensten Wünsche erfüllen. 160 verschiedene Sorten des auch Paradiesapfel genannten Fruchtgemüses baut die 46-Jährige auf ihrem Hof im brandenburgischen Beeskow (Oder- Spree) an - «so viel wie wahrscheinlich niemand sonst in Deutschland», sagt von Branca. Ihre Kunden nennen sie Tomatenfrau.
Alle paar Tage verkauft von Branca auf Berliner Wochenmärkten ihr Gemüse: rote, gelbe, grüne und sogar schwarze Tomaten, groß und dickbauchig oder klein wie Murmeln. Manche Tomaten sind süß, manche sauer, manche sind beides. Noch bis Mitte September ist auf von Brancas Hof Erntezeit.
Trotz des sandigen Bodens in der Mark würden ihre Früchte meist gut gedeihen, sagt sie. «Bei Tomaten ist weniger oft mehr.» Vor allem Geduld sei nötig sowie relativ wenig Wasser und Dünger. Dann würden die Tomaten umso aromatischer. Auf von Brancas Tomatenfeldern, teils abgedeckt mit Plastikplanen, kann man das liebliche Tomatenaroma sogar riechen.
Tomaten essen die Deutschen gerne und viel. Angebaut wird das Gemüse aber hierzulande vergleichsweise selten. «Nur zehn Prozent der hier verkauften Tomaten stammen aus Deutschland, der Großteil wird aus Spanien, Italien und den Niederlanden importiert», sagt der Obst- und Gemüsereferent beim Deutschen Bauernverband, Hans-Dieter Stallknecht. «Das hat was mit dem Klima zu tun.»
In Italien und Spanien gedeihen die Tomaten wegen der wärmeren Temperaturen einfach besser. In den Niederlanden wird das mediterrane Klima in riesigen Gewächshäusern künstlich erzeugt. Dazu wird reichlich gedüngt und bewässert. Das Produkt in den Supermärkten sieht dann meist gleich aus: runde, knallrote Einheitstomaten.
«Es ist ein Irrglaube, dass rot automatisch lecker bedeutet», sagt von Branca. Zwar sei da die sehr schmackhafte Tomato Costuloto Fiorentino. «Aber es gibt viele rote Tomaten, die nach gar nichts schmecken.» Doch viele Deutsche hätten sich einfach an das fade Massengemüse in den Supermärkten gewöhnt. «Die meisten Leute wissen gar nicht mehr, wie gut Tomaten schmecken können.»
Es ist eine Entwicklung, die auch Verbraucherschützer beunruhigt. «Das Geschmacksempfinden der Menschen für verschiedene Obst- und Gemüsesorten geht immer mehr verloren. Künstlicher Geschmack und Standardlebensmittel in Form von Fast-Food-Produkten und industriell gefertigten Lebensmitteln fördern das», sagt die Referentin für Ernährungspolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin, Jutta Jaksche.
Viele Kinder wachsen heute mit Fertiggerichten auf, auf klassische Weise mit frischen Zutaten bekocht werden sie von ihren Eltern immer seltener. Wer aber noch nie «geschmackreich» gegessen habe, werde das auch nicht vermissen, sagt Jaksche.
Sie fordert vom Handel bei loser Ware wie Obst und Gemüse mehr Hinweise für den Verbraucher, was geschmackliche Eigenschaften betrifft. Momentan erfährt der Kunde bei Tomaten, Äpfeln oder Zucchini in der Gemüseabteilung allenfalls, aus welchem Land die Ware stammt - wenngleich das eine Hilfe bei der Geschmacksorientierung sein kann. Laut Jaksche gibt es den Trend, verstärkt Lebensmittel aus der Region zu kaufen. «Das bewirkt oft auch eine Rückbesinnung auf alte Sorten. Die Menschen werden wieder mit alten Geschmacksrichtungen konfrontiert.»
Auch Tomatenfrau von Branca beobachtet diesen Trend an ihrem Gemüsestand auf dem Wochenmarkt. «Viele Leute haben spürbar umgedacht und fragen gezielt nach bestimmten Sorten, die ihnen besonders gut schmecken», sagt sie. «Sie sind übersättigt vom Einheitsgeschmack.» (Haiko Prengel, dpa)
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