Beer & Brau
19. Juli 2010

200 Jahre Oktoberfest in München

In zwei Monaten beginnt das Oktoberfest in München: Die Wiesn hat heuer 200. Geburtstag

Hunderte Kubikmeter Beton werden gemischt, kilometerweise Kabel verlegt - und in zwei Monaten werden Millionen Liter Bier durch durstige Kehlen rinnen: München rüstet sich für das größte Volksfest der Welt. Mitten im Hochsommer begannen am Montag offiziell die Aufbauarbeiten für das Oktoberfest, das in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen feiert. Am 18. September heißt es «Ozapft is», für Nicht-Bayern: Das erste Bierfass ist angezapft.    

Zum Jubiläum dauert das Fest einen Tag länger bis zum 4. Oktober, und es wird noch größer als sonst: Eine historische Wiesn soll neben Bierzelten und schnellen Fahrgeschäften an die Ursprünge des Festes erinnern, das aus der Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen 1810 entstand. Wirte und Schausteller hoffen auf ein besonders gutes Geschäft. Festleiterin Gabriele Weishäupl geht davon aus, dass das Jubiläum noch mehr Besucher anlocken könnte als die sonst üblichen sechs Millionen Gäste.    

Jetzt werden die zerlegten Festzelte aus den Containern geholt, in denen sie über den Winter gelagert waren. Nur vom Winzerer Pfändl steht schon das Gerüst - weil das Zelt neu ist, durfte der Aufbau ausnahmsweise schon am vergangenen Wochenende beginnen. Bauarbeiter schrauben Zeltteile zusammen, schwitzen in der Julihitze - von Feierlaune ist nichts zu spüren. «Vielleicht kommt das noch», sagt Dekorateur Gerhard Wodak. «Erstmal sind wir in Arbeitslaune.» Bisher sei alles «ganz normal», meint auch Toni Pletschacher, der mit seiner Zeltbaufirma jedes Jahr dabei ist.    

Ein Vierteljahr lang ist die Theresienwiese Wodaks Arbeitsplatz - seit 35 Jahren. «Es kommt einfach immer wieder das Wiesnfieber.» Manche seiner Kollegen sind knapp ein halbes Jahr da: Das Aufräumen nach dem Mega-Fest dauert bis in den November. So müssen die Böden für die Bierzelt-Küchen jedes Jahr neu betoniert und nach dem Fest wieder komplett abgerissen werden. «Sonst hätten wir ja keine Arbeit», kommentiert Pletschacher den monatelangen Baumarathon für das gut zweiwöchige Fest.    

Auch jenseits der Festwiese laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Schuhplattler und Goaßlschnalzer proben für ihren Auftritt. Die Münchner Brauereien haben ein bernsteinfarbenes Spezialbier gebraut, das wie früher aus Holzfässern in handgemachte Steinmaßkrüge fließen wird. 8,80 Euro kostet eine Maß, und auch in den Bierzelten der «normalen» Wiesn erreicht der Bierpreis zum Jubiläum historisches Niveau. Zwischen 8,30 Euro und 8,90 Euro müssen die Gäste für die Maß hinblättern, so viel wie nie zuvor.

Raucher müssen sich heuer erstmals zusammenreißen. Obwohl für das Volksfest eine «Gnadenfrist» gilt, wollen die Wirte das neue bayerische Rauchverbot freiwillig umsetzen. Allerdings soll niemand aus dem Bierzelt geworfen werden, wenn er sich eine Zigarette ansteckt. Schließlich sei die Wiesn «kein Straflager, sondern ein Vergnügungszentrum», sagt Wirtesprecher Toni Roiderer.  

Wie früher gibt es heuer «Rumfordsuppn» aus Kartoffeln, Kraut und Erbsen, der «Lohnwürstelbrater» brät gegen Entgelt mitgebrachte Würste. Und es gibt Pferderennen, vor 200 Jahren Höhepunkt der Hochzeitsfeier. «Diese Tradition ist unter die Räder gekommen, obwohl sie die Geburtsstunde des Oktoberfestes war», erläutert Oberbürgermeister Christian Ude (SPD).    

Nicht ohne Hintersinn ließ man damals das Volk an dem Fest teilhaben: Es sollte nach der Erhebung Bayerns zum Königreich das Gemeinschaftsgefühl fördern und die Ausrichtung auf das Herrscherhaus in München unterstreichen. Der Zusammengehörigkeit stiftende Charakter ist bis heute erhalten: Italiener schunkeln mit Australiern, Bayern mit den sonst geschmähten Preußen, zum Anstich sitzen Politiker aller Parteien einträchtig beieinander.

Auch manche Ehe ist, ganz der Tradition entsprechend, aus dem Fest hervorgegangen: In der Enge der Zelte, mit ein paar Maß, kommt man sich leicht näher. Zum Gedenken an Ludwig I und seine Therese, die schließlich ihren 200. Hochzeitstag hätten, wird Ude denn auch drei Paare trauen, die wie Prinz und Prinzessin aus Bayern und Sachsen kommen.    

Genau zur Halbzeit der Jubiläumswiesn gibt es auch einen traurigen Jahrestag. Am 26. September jährt sich das Wiesnattentat von 1980, bei dem 13 Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. Der 30. Jahrestag könnte die Debatte um die Hintergrunde neu anheizen. Denn ob der von der Justiz als Einzeltäter präsentierte Rechtsextremist Gundolf Köhler wirklich allein für einen der schwersten Terrorakte der deutschen Nachkriegszeit verantwortlich war, ist nach wie vor umstritten. (Sabine Dobel, dpa)

Zur Geschichte des Oktoberfestes