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03. Dezember 2009

20 Jahre Slow Food

Im Zeichen der Schnecke: Vor 20 Jahren hob Carlo Petrini die internationale Slow-Food-Bewegung aus der Taufe

Auch die Schnecke kommt voran, langsam, aber stetig. Was jeder Freizeitgärtner weiß (und fürchtet), Carlo Petrini aus dem Piemont hat daraus das Symbol einer einzigartigen Erfolgsgeschichte gemacht. Mit der Schnecke als Wappentier hob der Eisenbahnersohn und studierte Soziologe vor zwei Jahrzehnten in Paris die internationale Slow-Food-Bewegung aus der Taufe - Rückbesinnung auf gastronomische Traditionen, «gute, saubere, faire Lebensmittel», dies hatte sich der links angehauchte frühere Messdiener auf die Fahnen geschrieben.

Slow Food hat seitdem Karriere gemacht, weltweit Bündnisse mit Bauern und Fischern geschlossen. «Lokales» Produzieren ist so längst salonfähig. Jetzt kann Slow Food feiern, mit dem Terra-Madre-Day am 10. Dezember.    

Die Philosophie der Schnecke ist ebenso schlicht wie überzeugend: Gutes und bewusstes Essen mit lokalen und saisonalen Produkten im Kochtopf - das sind Grundpfeiler in Petrinis «Neuer Gastronomie» in ihrem mitunter spielerisch aussehenden, aber ernst gemeinten Kampf gegen Fast Food und die Nahrungsmittelkonzerne.

Im Zeitalter von Klimaschock, Globalisierung und Ernährungskrise kann das «Small-is- Beautiful»-Denken Anhänger im Sturm gewinnen: Der erste weltweite Terra-Madre-Day (Tag der Mutter Erde) wird zum 20. Geburtstag von Slow Food als «Kollektiv-Event» in 150 Ländern gefeiert: Fans der Schnecke, Bauern, Köche, Wissenschaftler und Neugierige machen mit oder sind eingeladen - zu Picknicks, Menüs, Konzerten, Filmen, Hofführungen und Debatten.    

Denn die Weinbergschnecke, das Logo der Langsamkeit, hat längst alle Kontinente erreicht, mit 100 000 Mitgliedern in 1300 Vereinen und mehr als 2000 lokalen «Lebensmittelbündnissen», die nachhaltig gesunde Nahrungsmittel fördern. «Eine globale Revolution kann allein aus lokalen Wurzeln erwachsen, und unsere Bündnisse können mit ihren Initiativen die Oppositionsbewegung gegen die Verirrungen der Agrar- und Lebensmittelindustrie stärken.»

Das propagiert Petrini aus Bra im Piemont, der mit Protestaktionen gegen ein Fastfood-Lokal an der Spanischen Treppe in Rom 1986 begann. Inzwischen ist der 60-Jährige der internationale Chef eines «weltweiten Netzwerks für den Wandel». Er lehnt die Globalisierung nicht ab, sondern will sie für seine Sache nutzen.

Petrini hat oft genug gehört, sein Verein sei elitär, etwas für jene genuß-verwöhnten Besserverdienenden, die sich Teures brutzeln können. «Alle haben ein Recht auf Qualität, es geht nicht darum, die Märkte der Reichen zu bedienen, wir müssen biologisch produzieren, Qualität für alle, auch und vor allem für die Ärmsten», hämmert er seinen Bauern, Fischern, Aktivisten und Anhängern ein. Ist es also elitär, weniger und dafür besser zu essen, Natur zu schützen, durch kurze Wege («Null Kilometer») lokal produzierter Nahrung Energie zu sparen, Arten zu erhalten und Bauern ein faires Einkommen zu sichern?

In einem «Terra Madre»-Buch zum Jubiläum gibt Petrini alle seine Losungen aus, die verhindern helfen sollen, «dass wir von der Nahrung gefressen werden»: Demokratie von unten für eine Revolution vom Land her, keine Verschwendung von Nahrung, schlichter Genuss ohne Exzesse im Zeitalter des Konsums. Alle, nicht nur die Landwirte müssten ihr Leben wieder aktiv gestalten - da spricht auch die 68er Generation.

Doch zunächst einmal wird jetzt gefeiert, gekocht, gekostet und sensibilisiert für biologische Vielfalt, umweltverträgliche Nahrung, nachhaltigen Handel und faire Preise. Allein in Deutschland laden Dutzende Slow-Food-Events ein, und vieles davon klingt schon sehr lecker: Da gibt es Huhn, «das noch nach Huhn schmeckt», Brot und andere Spezialitäten aus dem Holzofen, eine Bio-Schafskäserei öffnet ihre Pforten, dazu Kochkurse, Konzerte oder ein Gang durch Weinberge.

Der Kampf gegen genetisch veränderte Organismen mündet in Ulm etwa in ein Menü aus Linsen, Reis und Gemüse. Denn das Credo heißt nicht nur, dass lokale Bauern und Verbraucher an einem Strang ziehen, der «langsame Esser» soll auch weniger Fleisch kaufen. Wie sagt der Slow- Food-Chef: «Die Nahrung wird der Schlüssel sein, um unser Leben wieder in die Hand zu bekommen.» Das erfordert politische Lobbyarbeit und Aufklärung nach außen, um die bedrohte Vielfalt auf dem Teller zu sichern. Und alles unter dem Motto: «Up with Slow, Down with Fast» - «Für langsam, gegen schnell». (Hanns-Jochen Kaffsack, dpa)