Sehr geehrte Staats- und Regierungschefs,
Wie lassen sich nichtübertragbare Krankheiten vermeiden, ohne gleichzeitig die Grundfesten und die Lebendigkeit unserer Kultur zu zerstören? Diese Frage weise zu beantworten, ist Ihre Herausforderung am 25. September bei der Tagung der Vereinten Nationen zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten sowie zur Förderung der psychischen Gesundheit. Der Wein steht im Zentrum dieser Frage. Nur allzu oft reduziert man ihn auf ein Molekül Alkohol oder bezeichnet ihn als Droge. Viel zu selten bedenkt man, was er verkörpert. Die Mitglieder der Académie Internationale du Vin, die aus zwanzig Nationen kommen, möchten Sie ausdrücklich davor warnen, Wein auf ein Gesundheitsrisiko zu reduzieren und seine kulturelle und soziale Dimension außer Acht zu lassen. Das nämlich steht auf dem Spiel.
WEIN ZU „DENORMALISIEREN“, BEDEUTET, EIN ERBE ZU ZERSTÖREN: EIN KULTURERBE DER MENSCHHEIT
Wein verkörpert achttausend Jahre Menschheitsgeschichte. Er ist Keim der Geselligkeit, der Freude und des Teilens, steht für unsere Beziehung zum Boden, widerspiegelt großartige Landschaften. Als universelle Sprache verbindet er Georgien mit dem antiken Griechenland, Oregon mit der Toskana, Frankreich mit Neuseeland… Wein ist zugleich einzigartig und global, denn er drückt überall dasselbe aus: Geduld, Demut vor der Natur und das tiefe Bedürfnis, gemeinsam zu feiern. Ein Glas Wein anzubieten, bedeutet, andere an den eigenen Tisch einzuladen. Eine Geste, die für Frieden und für das Glück der Geselligkeit steht. Maßvoll Wein zu trinken, heißt, jene sensorische Kultur fortzuführen, die Kontinente, Völker und Generationen eint, bedeutet Genuss statt Missbrauch. Es bedeutet, bewusst zu verkosten, statt bis zur Bewusstlosigkeit zu trinken und Gesundheit durch die Brille sozialer Beziehungen zu betrachten. Denn: Gesundheit ist untrennbar mit Lebensfreude verbunden.
WEIN ZU „DENORMALISIEREN“, BEDEUTET, EINE WISSENSCHAFTLICHE DEBATTE NICHT ZUZULASSEN
Ein aktueller Bericht der NASEM (National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine der USA) besagt, dass „ein maßvoller Konsum im Vergleich zu einem völligen Verzicht auf Alkohol mit einer geringeren Gesamtmortalität verbunden ist“. Wir ergreifen keine wissenschaftliche Partei, doch wir bedauern - wie viele Experten – dass der Abstimmung keine wirklich groß angelegte, randomisierte Studie zugrunde liegt, die ein objektives Urteil auf der Grundlage verifizierter Zahlen erlauben würde.
WEIN ZU „DENORMALISIEREN“, BEDEUTET, FÜR PROHIBITION UND GEGEN BILDUNG ZU SEIN
Es ist wichtig, Sucht und Missbrauch vorzubeugen und vulnerable Gruppen zu schützen. Diese Verantwortung für Aufklärung übernehmen wir uneingeschränkt. Nur durch Bildung lernen KonsumentInnen, Wein zu verkosten und maßvoll zu schätzen, um selbst BotschafterInnen der Mäßigung zu werden. Wissen hilft uns, maßvoll zu genießen und Kontrolle zu bewahren. Das ist der Grund, sehr geehrte Staats- und Regierungschefs, warum wir Sie dazu aufrufen, Ihre Stimme für einen ausgewogenen Ansatz abzugeben: Exzesse bekämpfen, aber den Wert des maßvollen Umganges anerkennen.
Risiken vorbeugen, aber die Nähe von Mensch und Natur bewahren; die Gesundheit schützen, aber den Reichtum der Weinkultur respektieren. Wein zu bewahren, heißt, eine Zivilisation zu verteidigen, eine Lebenskunst, ein lebendiges Weltkulturerbe, ein Stück Geschichte, das seit Jahrtausenden von Generation zu Generation weitergeschrieben wird.
Für die Académie Internationale du Vin
Guillaume d’Angerville, Präsident & Véronique Sanders, Kanzlerin
Juan José Abó de Juan – Abadía Retuerta (Spanien), Guillaume d’Angerville – Domaine Marquis d’Angerville (Frankreich), Angel Anocibar – Abadía Retuerta (Spanien), Jane Anson – Schriftstellerin (Vereinigtes Königreich), Juancho Asenjo – Schriftsteller (Spanien), Hans Astrom – Klein Constantia Estate (Schweden), Franky Baert – Sammler (Belgien), Jesus Barquin – Equipo Navazos (Spanien), Alexander van Beek – Château Giscours (Niederlande), Joshua Bergström – Bergstrom Wines (USA), Michel Bettane – Journalist (Frankreich), Etienne Bizot – Bollinger (Frankreich), Hubert Boidron – Maison Boidron (Frankreich), Wojciech Bonkowski – Kritiker (Polen), Bruno Eugène Borie – Château Ducru Beaucaillou (Frankreich), Claude Bourguignon – LAMS (Frankreich), Philippe Bourguignon – Schriftsteller (Frankreich), Willi Bründlmayer – Weingut Bründlmayer (Österreich), Christopher Cannan – Clos Figueras (USA), Robert Gyula Cey-Bert – Schriftsteller (Ungarn), Jean-André Charial – Oustau de Baumanière (Frankreich), Gérard Chave – Domaine Jean-Louis Chave (Frankreich), Jean Louis Chave – Domaine Jean-Louis Chave (Frankreich), Jean-Pierre Chevallier – Château de Villeneuve (Frankreich), Donatella Cinelli Colombini – Fattoria del Colle (Italien), Corinne Clavien Desfayes – Önologin (Schweiz), Raoul Cruchon – Domaine Henri Cruchon (Schweiz), Frans de Cock – Sammler (Belgien), Jean-Philippe Delmas – Château Haut Brion (Frankreich), Paul Draper – Ridge Vineyards (USA), Thomas Duroux – Château Palmer (Frankreich), Kurt Feiler – Weingut Feiler-Artinger (Österreich), Mariano Fernandez Ammunategui – Produzent (Chile), Pierre-Henry Gagey – Louis Jadot (Frankreich), Angelo Gaja – Vini Gaja (Italien), Alberto Graci – Graci (Italien), Claude Geoffray – Château Thivin (Frankreich), Theodore Georgopoulos – Professor (Griechenland), Salvatore Geraci – Azienda Agricola Palari (Italien), Evangelos Gerovassiliou – Ktima Gerovassiliou (Griechenland), Anthony Hanson – Redner (Vereinigtes Königreich), Gaston Hochar – Château Musar (Libanon), Emilienne Hutin – Domaine Les Hutins (Schweiz), Joyce Kékkö-Van Rennes – Wijmkasteel Genoels-Elderen (Belgien), Andreas Keller – Redakteur (Schweiz), Anthony Lacey – Mistral Wine (Vereinigtes Königreich), Dominique Lafon – Domaine des Comtes Lafon (Frankreich), Alois Clemens Lageder – Weingut Alois Lageder (Italien), Jean Baptiste Lecaillon – Louis Roederer (Frankreich), Jeannie Cho Lee MW – Journalistin (Korea), Pierre-Marie Lledo – Neurobiologe (Frankreich), Maria José Lopez de Heredia – Bodega López de Heredia (Spanien), Juan Carlos Lopez de Lacalle – Bodega Artadi (Spanien), Reinhard Löwenstein – Weingut Heymann-Lowenstein (Deutschland), Jorge Lucki – Journalist (Brasilien), Philippe de Lur Saluces – Château de Fargues (Frankreich), Elie Maamari – Château Ksara (Libanon), Axel Marchal – Professor, Universität Bordeaux (Frankreich), Franco Martinetti – F. Martinetti Viniculture (Italien), Ton Mata – Recaredo (Spanien), Laszlo Meszaros – Domaine de Disznoko (Ungarn), Etienne de Montille – Domaine de Montille (Frankreich), Eva Moosbrugger – Schloss Gobelsburg (Österreich), Jasper Morris MW – Schriftsteller (Vereinigtes Königreich), Fiona Morrison MW – Journalistin (Vereinigtes Königreich), Roberto de la Mota – Revancha & Mendel Wines (Argentinien), Dorli Muhr – Weingut Dorli Muhr (Österreich), John Olney – Ridge Vineyards (USA), Raymond Paccot – Domaine La Colombe (Schweiz), Alvaro Palacios – Alvaro Palacios (Spanien), Filipa Pato – Filipa Pato & William Wouters (Portugal), Jean-Pierre Perrin – Château de Beaucastel (Frankreich), Dominique Piron – Domaine du Vieux Bourg (Frankreich), Bruno Prats – Agraringenieur (Frankreich), Pietro Ratti – Cantina Renato Ratti (Italien), Josep Roca i Fontané – Celler de Can Roca (Spanien), Pierre-André Roduit – Domaine du Grand-Brûlé (Schweiz), Raoul Salama – Château de Balleure (Frankreich), John Salvi – Schriftsteller (Vereinigtes Königreich), Véronique Sanders – Château Haut Bailly (Frankreich), Erik Sauter – Schriftsteller (Niederlande), Carl von Schubert – Weingut Maximin Grünhaus (Deutschland), Michael Schuster – Weinberater (Vereinigtes Königreich), Marc-André Selosse – Professor (Frankreich), Jacques Seysses – Domaine Dujac (Frankreich), Michael Silacci – Opus One (USA), Peter Sisseck – Dominio de Pingus (Dänemark), Diana Snowden Seysses – Domaine Dujac & Snowden Vineyards (USA), Felipe de Solminihac – Viña Terra Noble (Chile), Oliver Spanier – Battenfeld Spanier (Deutschland), Serena Sutcliffe MW – Sotheby’s (Vereinigtes Königreich), Pierre Tari – Sammler (Schweiz), Ivo Varbanov – Ivo Varbanov Wines (Bulgarien), Christine Vernay – Domaine Georges Vernay (Frankreich), Quim Vila Betriu – Vila Viniteca (Spanien), José Vouillamoz – Genetiker (Schweiz), Yannis Voyatzis – Boutari Wineries (Griechenland), Maurizio Zanella – Ca’ del Bosco (Italien).
Gegründet im Jahr 1971, ist die Académie Internationale du Vin ein gemeinschaftlicher und verantwortungsbewusster Thinktank, der rund hundert Mitglieder aus etwa zwanzig verschiedenen Nationen vereint. Ziel der Arbeit der AIV ist es, bei respektvollem Umgang mit der Natur zu Verbesserungen im Weinbau und in der Weinproduktion beizutragen, um immer höhere Qualitätsstandards zu erreichen. Ihre Reflektionen und Diskussionen führt die Académie Internationale du Vin in völliger Unabhängigkeit von Regierungsinstitutionen, gesetzgebenden Behörden und sonstigen Meinungsbildnern. In der AIV finden sich Produzenten, Wissenschaftler, Sommeliers und Journalisten, die durch Kooptation aufgenommen werden und eine gemeinsame Ethik teilen: die Herstellung von Herkunftsweinen, die ihr Terroir und die lokalen Gebräuche widerspiegeln, sodass Qualität und Nachhaltigkeit auf Basis ihrer langen Geschichte und Traditionen erhalten werden.
Zu den wichtigsten Themen mit denen sich die AIV regelmäßig beschäftigt, gehören der Klimawandel, die Biodiversität, der regenerative Weinbau, die Bindung von Kohlenstoff, die Weiterentwicklung von Methoden und Anwendungen zum Schutz der Reben, die Konsumtrends, sowie die Bewahrung und Verbesserung wertvollen Bodens.