REISE
16. Dezember 2014

Ägypten und der Nil Luxor und Assuan sterben

Foto Pitopia

Ägypten gibt sich Mühe, doch die Urlauber wollen nicht an den Nil zurückkommen. Dabei ist Tourismusminister Hisham Zaazou optimistisch, das Comeback stehe bevor

Von Philipp Laage

Der Pool des «Hilton»-Hotels in Luxor sieht vom Restaurant so aus, als gehe er fließend in den Nil über. Über den bedeutenden Fluss in Ägypten fährt kaum noch ein Kreuzfahrtschiff. Und die Liegen unter den Palmen des Hotels sind leer. Wie hier sieht es vielerorts in Luxor aus. Doch Hisham Zaazou ist optimistisch. Der Tourismusminister beschwört das Comeback Ägyptens: 2015 werde wieder ein starkes Jahr. «Ich wette darauf, ich habe wirklich schon einige Wetten laufen», sagt er.

Das Geschäft am Nil läuft bereits seit der Revolution 2011 äußerst schleppend. Man könnte auch sagen: Es existiert fast nicht mehr. Die Botschaft hat die Zahlen parat: In einer Novemberwoche fuhren von 255 Schiffen nur 35. Das größte Problem sei die Wahrnehmung der Urlauber.

«Wenn wir die verändern, werden sich die Touristen wieder dafür entscheiden herzukommen», ist Zaazou überzeugt. Doch es gibt auch praktische Probleme: Nur wenige Direktflüge gehen nach Luxor - auch wenn Sun Express nun wieder Verbindungen aufgenommen hat. Und der deutsche Urlauber ist bequem, er möchte nicht in Kairo umsteigen.

Ägypten will den Nil unbedingt wieder attraktiv machen: Das Land unterstützt das Marketing der Kulturreiseanbieter, übernimmt die Landegebühren der Airports, subventioniert deutsche Charterflüge. Für Zaazou ist das alles eine Frage von Budgets, von Kapazitäten und Auslastungen. Der Nil sei eben kein so «einfaches Produkt» wie das Rote Meer, erklärt der Minister. Das ist das große Problem.

Ahmed Mohamed, 30, hat andere Sorgen: Es ist Freitag, als Muslim dürfte er heute gar nicht arbeiten. Und doch sitzt er vor seinem Shop auf dem Vorplatz des mächtigen Karnak-Tempels. «Ich habe eine Tochter, ein zweites Kind kommt bald, per Kaiserschnitt», erklärt er. «Das kostet viel, ich brauche das Geld.» Und so wartet Mohamed auf Touristen. Aber weil niemand kommt, macht er erst einmal Tee.

Die meisten Touristen kommen derzeit nur für einen Tag vom Roten Meer herübergefahren. «Sie haben nicht einmal fünf Minuten Zeit, um in die Shops zu kommen. Es ist schwierig, mit ihnen ein Geschäft zu machen», berichtet Mohamed. Das Handeln brauche eben seine Zeit. Die ägyptischen Tour-Guides seien auch keine Hilfe. «Sie bringen die Leute nur in die großen Läden, dafür kriegen sie dann eine Kommission. Jeder schaut nur auf sein Geschäft.» Das ist eines der kleinen Probleme hier in Luxor.

Mohamed hat studiert, er wollte eigentlich Französischlehrer werden. Nun will er es als Touristenführer versuchen. «Aber als Anfänger habe ich keine Chance.» Die meisten Menschen, die in Luxor während der Krise ihre Jobs verloren haben, sind arbeitslos geblieben. Sozialhilfe gibt es nicht. «Bekämen die Leute keine Hilfe von ihren Nachbarn, würden sie sterben», sagt Mohamed und dann: «Luxor und Assuan sterben.»

Wer eine Kreuzfahrt auf dem Nil bucht, kommt eigentlich immer zu einem Landgang nach Luxor. Und die Stadt gibt derzeit ein eher betrübliches Bild ab. Im Souk versuchen es viele Händler erst gar nicht mehr mit ausgefeilten Verkaufstaktiken. «Ich akzeptiere jeden Preis», sagt einer und hält ein Tuch in die Luft. Auf dem Markt in Assuan werden Hibiskus, Datteln, Chili, schwarzer Kümmel und Malve verkauft. In einem kleinen Laden gibt es frisch gepressten Zuckerrohrsaft. Aber es sind kaum Urlauber unterwegs. Am Kai liegen nur wenige Schiffe.

Ägypten hofft, bis Ende des Jahres wieder auf 850 000 deutsche Gäste zu kommen - das ist der Wert von 2013. Er liegt immer noch deutlich unter den 1,2 Millionen Reisenden in 2012. Die deutschen Veranstalter sind jedenfalls überzeugt, dass ein Ende der Flaute unmittelbar bevorsteht. Tui hat seine Flugkapazitäten für den Sommer um 50 Prozent erhöht. Auch FTI bietet mehr Verbindungen an. Geschäftsführer Dietmar Gunz ist sicher: «Die Touristen haben wieder Vertrauen.»

Bislang trifft das in erster Linie für die Badeorte am Roten Meer zu, vor allem für Hurghada, das Lieblingsziel der Deutschen. In Makadi Bay, einer Resort-Stadt nördlich des Ortes, ist von der Krise am Nil wenig zu spüren. «Wir wollen nur entspannen, die Sonne und das Meer genießen», sagt Christine Toporis, eine Rentnerin aus der Nähe von Salzburg. Eine Nilkreuzfahrt könnte sie sich beim nächsten Mal schon vorstellen. «Früher war das ja quasi Tradition.»

Rudolf und Barbara Schnetzer aus der Rödermark sind zum 23. Mal in Ägypten. 1983 waren sie zum ersten Mal da. «Da gab es in Hurghada zwei Hotels», sagt er und wagt eine These: «Die Bildungsbürger haben Angst vor Unruhen.» Auch Freunde hatten Zweifel, ob sie eine Nilkreuzfahrt machen sollten. Am Ende dachten sie sich: lieber nicht. Sie selbst könnten sich das durchaus vorstellen. «Abu Simbel habe ich noch nicht gesehen», sagt Rudolf Schnetzer.

Tourismusminister Zaazou beklagt, die deutsche Reiseindustrie habe das Rote Meer viele Jahre als alleinstehendes Zielgebiet verkauft, «so als wäre es ein eigenes Land für sich». Dabei sei es zwischen Luxor und Assuan absolut sicher. Auch das Auswärtige Amt hat derzeit «keine Bedenken». Zaazou verweist auf Libyen, Syrien und den Irak: «Wir sind eine grüne Oase inmitten eines Sandsturms.» Ägypten als Stabilitätsanker der arabischen Welt? Das wird sich zeigen müssen.

Ahmed Mohamed, der Shop-Verkäufer vom Karnak-Tempel, sieht in Luxor keinen Platz für Gewalttäter. «Wenn jemand hier Probleme macht, dann kennen wir ihn und gehen zu seiner Familie.» Im Moloch Kairo sei das anders. Die Weltlage und politische Absichtserklärungen interessieren am Nil aber allgemein wenig. Doch vor kurzem wurde der Eintrittspreis für den Karnak-Tempel von sechs auf acht Euro erhöht. «Warum senkt man die Preise in der Krise nicht, sondern erhöht sie?» Mohamed kann das nicht verstehen. Trotzdem hofft er auf bessere Zeiten. «Inschallah», sagt er, wie alle in seiner Lage - «so Gott will». dpa

Flusskreuzfahrten auf dem Nil

Anreise: Sun Express fliegt diesen Winter wieder direkt nach Luxor. Alternativ fliegt Egypt Air über Kairo. Oder es geht ab Hurghada oder Marsa Alam auf vier Rädern durch die Wüste zum Nil.

Sicherheit: Zwischen Luxor und Assuan ist es seit der Revolution 2011 weitgehend ruhiggeblieben. Auf den touristischen Pfaden gibt es für Urlauber keine Einschränkungen.

Geld: 1 Euro entspricht etwa 8,8 ägyptischen Pfund (Stand: Dezember 2014). An vielen Orten kann mit Euro gezahlt werden, dann ist der Preis aber oft etwas teurer.