NEWS
08. Dezember 2011

Ältester Wein ist Rarität im Museum

Speyerer Museum hütet mehr als 1650 Jahre alten Wein

Von Isabell Scheuplein

Die Flasche schimmert geheimnisvoll, der Inhalt erinnert an ein anatomisches Ausstellungsstück: Ein dunkler Pfropfen umgeben von Flüssigkeit. Doch es handelt sich nicht um ein konserviertes Organ, sondern um Wein, der vor mehr als 1650 Jahren in der Nähe von Speyer als Beigabe in ein römisches Grab gelegt wurde - heute gilt er als der älteste flüssig gebliebene Wein aus Trauben, der bisher gefunden wurde.

Kurz nach ihrer Entdeckung im Jahr 1867 kam die Rarität ins Historische Museum der Pfalz in Speyer. Dort wird sie gehütet wie ein Schatz und vorsichtiger behandelt als ein rohes Ei. «Ich hatte die Flasche zweimal in der Hand, als wir umgebaut haben, das war schon ein mulmiges Gefühl», berichtet der Leiter der Wein-Abteilung des Museums, Ludger Tekampe. Keiner seiner Mitarbeiter habe das antike Gefäß aus der Vitrine nehmen wollen.

Die Verantwortung ist auch riesengroß: Fällt die gelblich-grüne Henkelflasche mit dem «Römerwein aus Speyer» zu Boden und zerspringt, würde der Inhalt unwiederbringlich zerstört. Der Schaden wäre unbezahlbar. Den Erkenntnissen des Museums zufolge stammt der Wein aus den Jahren zwischen 300 und 350 nach Christus. Gefunden wurde die Flasche bei Bauarbeiten in einem von zwei nebeneinander bestatteten römischen Steinsarkophagen. Darin wurden auch andere Flaschen entdeckt, doch bis auf die eine waren alle leer.

1916 seien in einer Analyse neben bei Römern beliebten Wein-Gewürzen Abbauprodukte von Alkohol gefunden worden, berichtet Tekampe. Deshalb könne man «mit hoher Wahrscheinlichkeit» davon ausgehen, dass es sich um Wein handele, der damals eine gängige Grabbeigabe war. Woher das Getränk stammt, aus Rom oder gar der Pfalz, ist unklar. Um mehr zu erfahren, müssten neue Analysen gemacht werden - doch der Wissenschaftler findet Probeentnahmen zu gefährlich: «Es ist nicht klar, was passiert, wenn Luft an den Wein kommt.»

An eine Verkostung ist allein schon deshalb nicht zu denken. Giftig wäre der Römerwein nicht unbedingt, sagt die Professorin für Oenologie an der Forschungsanstalt in Geisenheim, Monika Christmann: «Mikrobiologisch ist er wohl nicht verdorben, doch geschmacklich würde er niemandem mehr Freude bereiten.» Theoretisch sei Wein sehr lange haltbar, Alkohol und Säure wirken der Expertin zufolge ungemein konservierend.

Viel ist in der Glasflasche in Speyer nicht mehr los. Seit etwa 100 Jahren steht sie im gleichen Raum in Speyer und hat dort auch beide Weltkriege überstanden. Tekampe arbeitet seit 25 Jahren in dem Museum, seitdem schaut er mindestens einmal wöchentlich nach der Flasche - große Veränderungen hat er in dieser Zeit nicht feststellen können: «Der Inhalt ist erstaunlich stabil.»

Dass der Wein überhaupt noch vorhanden und flüssig ist, ist seiner Ansicht nach der Aufbewahrung in der Glasflasche und einem guten Schuss Olivenöl und Wachs zu verdanken, mit dem die Zeitgenossen das Getränk vor Zersetzung schützen wollten. Auch das Glas hat seinen Teil beigetragen: «In Italien waren damals Tonkrüge zur Aufbewahrung üblich, darin wäre der Wein nach spätestens 30 Jahren verdunstet.» dpa

Ältester noch trinkbarer Wein stammt von 1540

Wein ist unter bestimmten Umständen nicht nur über Jahrhunderte halt- sondern auch genießbar. Das zeigt eine Anekdote aus Würzburg. Dort wollten die Bürger der Stadt 1631 während des Dreißigjährigen Krieges ihren wertvollen «Jahrtausendjahrgang» von 1540 vor den schwedischen Truppen retten, wie Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz berichtet.

Sie vergruben den Wein im Wald, wo er erst mehr als 50 Jahre später zufällig wiederentdeckt wurde. Fürstbischof Konrad von Wernau ließ dann für den Wein ein großes Fass bauen - das «Schwedenfass». Es steht heute noch im Keller unter der Bischöflichen Residenz in Würzburg.

Im 19. Jahrhundert wurde der edle Tropfen indes in Flaschen umgefüllt. Eine Flasche wurde 1966 geöffnet und verkostet - er schmeckte noch. «Eine Flasche des 1540ers lagert heute noch im Bürgerspital von Würzburg, eine weitere im Historischen Museum in Speyer», sagt Büscher. «Es gilt als der älteste noch trinkbare Wein der Welt.»