Reise
24. März 2010

Äthiopiens einsamer Süden

Wer nach Äthiopien reist, hat Bilder von großartigen Monumenten im Kopf: Die Stelenfelder von Axum oder die in den Fels gemeißelten Kirchen von Lalibela sind weltberühmt. All das gibt es im Süden Äthiopiens nicht

Stattdessen bekommt der Reisende Hängelippen zu sehen, in die eine Untertasse passt, und Brot aus falschen Bananen zu essen.    

Das riesige Gebiet mit Savanne und Bergen südlich der Hauptstadt Addis Abeba hat dem Besucher einiges zu bieten: Nationalparks, eine faszinierende Tierwelt und vor allem außergewöhnliche Menschen. Am Omo Fluss wohnen die Stämme der Konso, Banna, Hamer und Mursi. Ihre Lebensweise scheint sich seit Jahrhunderten kaum geändert zu haben, sanftem Tourismus gegenüber sind sie meist aufgeschlossen.    

Jetzt droht aber ein Kameltreiber wütend mit dem Stock. Ein Tourist hat aus seinem Geländewagen ein Foto gemacht, ohne zuvor um Erlaubnis zu fragen. Die Kamele könnten wegen des Fotos «keine oder nur saure Milch geben. So denkt der Karawanen-Chef», erläutert Fahrer Alemayew Worku und lacht: «Das nächste Mal stoppen wir und plaudern. Ein kleines Bakschisch wirkt oft Wunder. Dann gibt es auch bessere Milch und mehr Fotos.»

Äthiopien ist bitterarm. Die meisten Menschen haben keine 100 Euro im Monat. Dennoch gilt das Land, das etwa 80 Millionen Einwohner zählt und dreimal so groß ist wie Deutschland, in Afrika als recht sicheres Reiseziel. Nur auf Reisen zur Grenze von Eritrea und Somalia sollten Urlauber besser verzichten, rät das Auswärtige Amt.    

Je weiter es nach Süden geht, desto grüner wird es. Am Wenchi Kratersee, fast drei Autostunden von Addis Abeba, sprießen Bohnen, Mais und Bananen. Doch nur wenige davon sind süße Essbananen, einige Kochbananen, die meisten aber sind falsche Bananen mit fransigen Blättern. «Die falschen Bananen sind unser täglich Brot», erklärt eine Bäuerin, die grüne, weiche Rinde von den Stämmen schält. Die Fladen sind nahrhaft, weich wie Kuchen und schmecken süß-sauer.    

«Zum Glück haben viele Bauern ein zweites Standbein», sagt Ato Kebede, der den Frauen zuschaut. Er hat hier in Wenchi mit Leuten aus den nahen Dörfern und Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) ein nachhaltiges Tourismusprojekt aufgebaut: Mehr als 150 Einheimische verdienen sich ein Zubrot als Führer, Fahrer und Pferdevermieter. Geboten werden Dorfleben, Reiten, Bootsfahren, Wandern, Vogelbeobachtung, Gästehäuser und Privatquartiere - beschauliche Tage mit «African Feeling».

Noch weiter im Süden wird es einsamer. Ein kleines Ausflugsboot - das einzige an diesem Tag - legt am Ufer des Chamo-Sees bei der Stadt Arba Minch an. «Ich habe Krokodile und ein Flusspferd gesehen», sagt ein Achtjähriger stolz. Ein paar Meter weiter hockt ein Pavian auf der Sandpiste, ganz nah stolziert ein Marabu vorbei.    

Selbst zu fahren, kann in Äthiopiens Süden stressig sein. Straßen und Beschilderung sind schlecht, Tankstellen und Herbergen liegen weit auseinander . Wer diese Mühe scheut, kann in Addis Abeba einen Wagen mit versiertem Fahrer buchen. Es soll auch Globetrotter geben, die es mit Überlandbus und Pritschenwagen in drei Tagen bis Turmi geschafft haben, dem Hauptort des Volkes der Hamer.    

Montag und Donnerstag ist hier Markttag. Die Frauen tragen Metallbänder an den Armen, Felle, Ketten oder gar nichts über der Brust und Bambus auf dem Rücken. Die Männer treiben mit langen Stöcken Ziegen und magere Rinder. Alle drängen am frühen Morgen auf den staubigen Marktplatz. Eine kleine holländische Touristengruppe und zwei Deutsche fotografieren eifrig. Die Spielregeln: Distanzfotos sind gratis, Nahaufnahmen kosten Trinkgeld.

Darüber freut sich auch Amanuel Ararso. Der 13-Jährige spricht gutes Englisch, was hier selten ist, und bietet sich als Führer und Dolmetscher an. Mit seiner Hilfe ist der Kontakt zu den Hamer einfach. Bei Honigwein vor einer Hütte erzählen sich Deutsche und Einwohner aus ihrem Leben.    

Eine gute Fahrstunde vom Ort Jinka entfernt machen sich Frauen vom Volk der Mursi schick fürs Foto. Sie rücken ihre Dhebi zurecht, die Lippenteller aus Ton. Die Lippendehnung der jungen Mädchen ist eine schmerzhafte Prozedur. Wer die Frauen fotografieren will, muss umgerechnet rund einen Euro bezahlen. Mit dem Geld aus dem Fototourismus gleichen die Mursi schlechte Ernten aus.  

«Trotz großer Armut sind die Menschen gelassen, sehr gastfreundlich und wissbegierig», sagt Steffi Noelting von der GTZ im deutschen Gasthaus in Addis Abeba. Es gibt Spätzle, Schnitzel und Fassbier. «Ich laufe auch abends auf der Straße, natürlich nicht überall, und fühle mich recht sicher», erzählt die 30-Jährige aus Rostock. Vermutlich fotografiert sie keine Kamele mehr. (Bernd Kubisch, dpa)

Äthiopiens Süden    

ANREISE und FORMALITÄTEN: Lufthansa und Ethiopian Airlines fliegen von Frankfurt/Main nonstop nach Addis Abeba. Das Touristenvisum erhalten Deutsche für 20 Dollar auch am Airport.    

REISEZEIT: Die beste Reisezeit ist zwischen Oktober und Mai.    

SPRACHE: Es gibt viele Sprachen und Dialekte. Amtssprache ist Amharisch, in Touristengebieten wird Englisch gesprochen.    

WÄHRUNG: Es gibt wenige Geldautomaten für Kreditkarten, einige in guten Hotels. Ein Euro entspricht etwa 18 Birr (Stand: März 2010). www.tourismethiopia.org