02. September 2009

An Saale-Unstrut bei Gussek und Pawis

Die Ostseebäder Usedoms werden im Volksmund liebevoll als Badewanne der Berliner betitelt. Ähnlich könnte man das Weinanbaugebiet Saale-Unstrut als "Weinfass der Hauptstadt" bezeichnen: Entdeckungen auf den Weingütern Gussek, Pawis und der Winzergenossenschaft Freyburg, ein Reinfall am Steinmeister

Nach etwas mehr als zwei Stunden Autofahrt auf der A9 erreicht man unweit von Leipzig die Abfahrt Naumburg. Naumburg, das Tor zur Saale-Unstrut. Die Turmpaare von St. Peter und Paul - den Naumburger Dom - sieht man schon aus der Ferne in den Himmel ragen und im Hintergrund zeigt sich der Steinmeister, die Einzellage der Stadt.

Der Steinmeister, mit seinen bis zu 40prozentigen Steigungen, lässt sich am besten von Kloster Pforta über die Saale hinweg bis Roßbach erkunden. Unzählige Straußwirtschaften laden an Wochenenden zum Verweilen oder auch Übernachten ein. Die Gegend ist idyllisch, lädt ein zum Genießen, Ausspannen und Entdecken.

Das Weingut Gussek liegt in der Stadt Naumburg. Vor dem Fall der innerdeutschen Grenzen war hier die Weinbauverwaltung und Pfropfrebenschule ansässig. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, das war André Gussek Anfang der 90er Jahre. Er kaufte das Anwesen und machte aus Hof und Keller einen ansprechenden Winzerhof. Gussek ist bekannt für seinen Kaatschener Dachsberg, in dem ein Blauer Zweigelt heranreift, aus dem dichte mit sanften Tanninen gespickte Rotweine vergoren werden.

Die Zukunft wird es zeigen, von Gussek hören wir sicher noch Einiges an Überraschungen. Denn mit viel Fingerspitzengefühl und einem Hang zu Besonderem, hat Gussek schon jetzt einige Kracher in seinen Fässern lagern, die wohl erst Anfang 2010 auf die Flasche kommen.

Unweit der Domstadt Naumburg befindet sich Freyburg, nicht nur bekannt durch die Marke Rotkäppchen, sondern vielmehr durch die malerischen Weinterrassen, der Orchideenreichtum auf den Muschelkalkhängen, die bewachsene Hügellandschaft und das Flusstal der Unstrut unterhalb der Neuenburg.

Hier im Zentrum des nördlichsten Weinanbaugebietes Europas geben Bernhard und Kerstin Pawis den Ton an. Ihre fruchtbetonten Rieslinge und weißen Burgunder sind inzwischen bis in den Rheingau bekannt und haben auch dort schon ihre treuen Fans. Das Jahr 2008 bescherte der Familie Pawis in letzter Sekunde einen fabelhaften Eiswein. Der Grüne Silvaner, besticht mit seiner feinen Säure und Aromen von exotischen Früchten. Ein Eiswein, der darauf wartet im Einklang mit aufgeschäumter Schokolade "verspeist" zu werden.

Das Weingut Pawis lädt zwei Mal im Jahr zu einem Degustationsmenü ein, wo für die kulinarischen Highlights Gastköche verantwortlich sind: Wein, Kunst & Genuss inszeniert auf einem ehemaligen Kloster- und Rittergut - das ist das Gesamtkunstwerk Pawis.

Saale-Unstrut ist eine Reise wert und hält in jedem Fall Freiraum für Entdeckungen bereit. André und Hölder sind nicht etwa Winzernamen, sondern Rebsorten, die die Winzergenossenschaft Freyburg ausbaut. Hölder, eine Kreuzung aus Riesling und Ruländer mit dem Charakter eines Verschnittes von saftigem Riesling und fruchtigen Weißburgunder, ist eine nicht ganz uninteressante Rebsorte. Vielleicht lassen sich aus solch einen Kreuzung facettenreiche Weine einmal herstellen, die durchaus mehr Anklang als Nischendasein finden.

Ähnlich ergeht es André einer Kreuzung aus Blaufränkisch/Lemberger und St. Laurent. Diese aus der Tschechischen Republik gezüchtet Rebsorte ist seit den 80er Jahren zugelassen. Dabei ist es aber auch geblieben. Vereinzelt keltern Genossenschaften, daraus Rotweine mit eher ernüchterndem Charisma. Schade dass man aus solchen Spezis keine publikumsbreiten Weine erzeugen möchte und nicht etwas mehr herumexperimentiert.

Den einzigen Reinfall unserer Reise hatten wir leider am Steinmeister mit unserer Ferienwohnung. Der Weinbaubetrieb "Der Steinmeister" liegt inmitten dieser gleichnamigen Lage, gespickt mit Streuobstwiesen und Rebhängen.

An Sonn- und Feiertagen wird eine Straußwirtschaft mit den sehr schönen Gewächsen des Betriebes geöffnet. Der Freyburger Schweigenberg Riesling Spätlese-trocken kann durchaus mit anderen Gewächsen des Landes konkurrieren. Kein Wunder: Das Weingut Gussek ist für diese hervorragende Qualität zuständig, denn in seinem Keller wird dieser Riesling klassisch ausgebaut und reift in großen Stahltanks heran.

Leider ist es mit der Gastfreundschaft und den Speisen nicht weit her. Zwiebelkuchen, Magische Suppe und Käsespieße mit Paprika. Käsespieße mit Paprika? Von Harmonie zwischen Unstrut Riesling, Paprika und Emmentaler kann man da nicht sprechen.

Die Gastfreundschaft wird vom Vorschriften-Wahn der Betreiber-Familie getrübt: Der Urlauber wird behandelt, als wäre er unerwünscht. Kein freundliches Wort, dafür Gängelei. Wir hatten eine Nachfrage zu einer Biomülltüte, nach drei Tagen lagen unaufgefordert die Geschäftsbedingungen auf dem Gartentisch.

Um einem gestressten Großstädter den Urlaub noch so richtig zu versüßen, beklebt die Betreiber-Familie diverse Wände und Türen mit Verhaltensregeln über Müllsortierung und Reinigungsgrundlagen.

Ein Anschreiben am Grill, das Beschwerden der Nachmieter an einen zugeschickt werden, lässt einem die Lust daran vergehen, saftige Steaks zu grillen. Schade! Der Steinmeister als Lage ist idyllisch, um diesen Betrieb machen wir künftig einen großen Bogen.

Kulinarische Grüße von Saale-Unstrut

Jan-Göran Barth