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28. August 2009

Apfelwein mit Cola oder Grapefruit?

Deutscher Apfelweinkongress: Äppelwoi-Macher suchen nach dem Bionade-Effekt als Kult für junge Leute

Uschi, die Zweite, und Dieter, der Erste, gehören eigentlich nicht zur neuen Zielgruppe, die es zu begeistern gilt. Doch das stört das 56. Bundesäppelwoikönigspaar nicht. Die beiden Hanauer in fortgeschrittenem Alter greifen experimentierfreudig zu den Lifestyle-Varianten des hessischen Nationalgetränks.

Er nimmt sich die kleine Flasche Apfelwein mit Cola-Geschmack, sie greift zur Grapefruit-Variante, beide trinken und nicken anerkennend. «Schmeckt doch ganz gut. Das ist genau das Richtige für so'n heißen Sommertag», sagt die mit Krönchen. Die freundlichen Marketing-Damen in Blickweite gucken zu und nicken auch.    

Vielleicht werden sie sich gedacht haben: Wären doch alle so wie Uschi II. und Dieter I., vor allem die jungen Leute aus der Generation Alkopops - dann müssten sich die Apfelwein-Kelterer keine Gedanken machen. Dann wären die Kernfragen beim 3. Deutschen Apfelweinkongress beantwortet - und man könnte sich aufs Trinken konzentrieren. Doch vielmehr muss sich der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien bei seinem Branchen-Treffen darüber Gedanken machen: Wie können neue Konsumenten erreicht und ältere erhalten werden?

Das Motto der Veranstaltung heißt passenderweise: «Apfelwein in Bewegung: Wie Kultur zum Kult wird.»

Kult soll junge Leute erreichen    

Beim Stichwort «Kult» fällt der zweiten Verbandsvorsitzenden Johanna Höhl das Lifestyle-Erfrischungsgetränk «Bionade» ein. Der alkoholfreie Wellness-Drink ist dermaßen beliebt, dass er sich auch teuer verkaufen lässt. «Bionade ist für uns das Paradebeispiel», schwärmt sie. Die Apfelwein-Kelterer wollen auch so einen Renner auf den Markt bringen, damit es der Apfelwein - wenn auch in anderen Farben - in die Gläser und Flaschen der jüngeren Konsumenten schafft. Die Suche nach dem Bionade-Effekt läuft auf Hochtouren.    

Die Ausgangsposition ist nicht schlecht. Markenforscher Harald Jossé sagte beim Kongress: «Apfelwein hat ein positives Image mit einem starken Markenkern.» Doch er «Äppler» sei eher bei älteren Konsumenten beliebt. «Jüngere müssen mit modernen Produktvarianten angesprochen werden.» Den Gaumen junger Trinker würden eher mildere und süßere Ausführungen munden. Entwicklungspotenzial bestehe darin, den «Äppelwoi» stärker als In-Produkt zu positionieren.

Mischgetränke mit Kräutern und Holunder    

Das ist nicht ganz neu für die Apfelwein-Keltereien. Sie haben schon Apfelwein mit schicken Etiketten und in Geschmacksrichtungen wie Pfirsich-Maracuja, Holunder oder Kräuter auf dem Markt gebracht - Bionade lässt grüßen. «Wir sind auf einem guten Weg», findet Höhl. Der Verkauf der süffigen Mischgetränke laufe gut. Dagegen stagniere der Absatz beim klassischen Apfelwein.    

Das Problem ist: Der «Äppelwoi» - zwar auch in Frankreich als Cidre oder in England aus Cider bekannt - ist eine hessische Spezialität, wenn nicht sogar nur eine regionale. 80 Prozent des Umsatzes machen die Keltereien in Frankfurt und in einem Umkreis von 100 Kilometern. In der Main-Metropole liege der Pro-Kopf-Verbrauch per anno bei 50 Litern. «Wir wollen uns aber weiter und stärker ausbreiten», bekräftigt Höhl. Sogar ein Welt-Apfelweintag sei in Planung, Ort und Zeit aber noch unbekannt.

Ursymbol hessischer Tradition    

Gute Argumente, dem «Stöffche» zu frönen, geben die Redner beim Kongress x-fach. Die Ansprache für die Heimatverbundenen: Der Apfelwein sei ein «Ursymbol Hessens, das fest in der hessischen Tradition verankert ist», sagt Verbandsgeschäftsführer Steffen Ball. Landwirtschaftsministerin und Schirmherrin Silke Lautenschläger (CDU) sagt, Apfelwein tauge als gesunder Durstlöscher. Sie bezeichnet die Rohstoffe liefernden Streuobstwiesen als «Kulturgut». Deren Erhalt trage zur Artenvielfalt und zum Naturschutz bei. Wer trinkt, tut was für die Umwelt. Zum Erhalt und zur Entwicklung der Streuobstwiesen fördert das Land Hessen das Projekt «Obst- und Gemüsegarten Hessen» mit 150.000 Euro.    

Für die Landesregierung ist die indirekte Förderung der Apfelwein-Kelterer ein Prestige-Projekt. Mit Apfelwein lässt sich Politik machen. In guter Erinnerung ist noch der Aufschrei der Empörung, als Brüsseler Bürokraten den Begriff «Wein» nur noch für Getränke aus Trauben zulassen wollten. Damit wäre die Bezeichnung «Apfelwein» nicht mehr zulässig gewesen. Der Ärger löste sich schließlich in Wohlgefallen auf. Als Apfelwein-Retter hatte sich 2007 Ministerpräsident Roland Koch im Wahlkampf dargestellt. (Jörn Perske, dpa)