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28. Juli 2010

Aprikosen statt Stachelbeeren

Märkischer Obstbau: Wer sich als Obstbauer nicht auf einen Wechsel beim Sortiment einlässt, wird mittelfristig nicht mehr rentabel produzieren können

Prall hängen die gelb-roten Aprikosen an den Ästen in der Obstbaustation Müncheberg. Im Durchmesser kommen sie auf 65 bis 70 Millimeter. «Ein Besucher meinte vor kurzem, die hängen ja wie die Orangen von den Bäumen», erzählt Hilmar Schwärzel, Leiter der einzigen märkischen Versuchsstation in Märkisch-Oderland. Orangen habe er hier zwar noch nicht geerntet. Doch in jahrelanger Arbeit sei es gelungen, süße Früchte aus eher südlicheren Gefilden an die Bedingungen der Mark anzupassen - darunter die Aprikosen.

Notwendig mache dies der Klimawandel. Temperaturen über 35 Grad, wochenlang kein Regen: In der Mark gebe es teilweise Bedingungen wie in Südeuropa. Was Menschen teils plagt, ist für Aprikosen, Pfirsiche und süße Tafelbirnen gut. Doch ganz so einfach ziehen die Früchte nicht vom Süden in den Norden. «Wenn Sie normales Material aus Südfrankreich verwenden, kann es in einem strengen Winter passieren, dass die Bäume bis 1,80 Meter hoch erfrieren», erläutert Schwärzel. Obstsorten und die dazu passenden Gehölze müssen hier verschiedene Wetterextreme aushalten können: Trockenheit ebenso wie hohe Niederschläge, Hitze ebenso wie starken Frost.

Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich Schwärzel mit dem Anbau einiger in Brandenburg ungewöhnlicher Obstarten. Damals ist er aus der Nähe des anhaltinischen Seeburgs nach Müncheberg gekommen. Im Gepäck Tafelbirnen und Aprikosen aus der mitteldeutschen Region. «Dort unten gab es eine Witterungsenklave mit Weinbauhängen.» Für den Obstbauforscher war klar: Die dortigen Bedingungen wären das ideale Vorbild, wenn der Klimawandel nach Brandenburg käme. Heiße Sommer, kalte Winter, Niederschläge ­ das alles gab es damals bei Seeburg. «Die Anhaltiner haben aufgrund ihrer Lage schon seit 250 Jahren Obst angebaut, das in unserer Region erst einmal fremd ist.»

Akribisch haben Schwärzel und seine Kollegen die Mosaiksteine für den hiesigen Anbau von Pfirsichen & Co zusammengetragen. Wie müssen Wurzeln klimatisiert und gestaltet werden und wie können ausgelaugte märkischen Böden wieder fit gemacht werden? Nun sagt er stolz: «Wir haben Ergebnisse vorliegen, die praxisreif sind.» Im wahrsten Sinne des Wortes könnten jetzt die Früchte jahrzehntelanger Arbeit geerntet werden.

Obstbauern können sich in Müncheberg über Anbauverfahren, Bodenpflege und Pflanzenernährung informieren. Außerdem gebe es in Regionen Modellprojekte, an deren Erfahrungen sich die Landwirte orientieren könnten. Schwärzel hofft, dass sich die Obstbauern aus eigenem Interesse daran halten. Denn der Klimawandel eröffne nicht nur Chancen, sondern berge auch Risiken. «Das ist ein zweischneidiges Schwert. Der Klimawandel macht uns den Anbau traditioneller Kulturen kaputt.»

Ein Grundproblem bleibt der Frost im Frühjahr, sagte Manfred Kleinert, Vorsitzender der Fachgruppe Obstbaum beim Landesverband Gartenbau. «Die Bäume blühen einige Tage früher als noch vor Jahren.» Wenn die Blüten erfrieren, gibt es keine Früchte. Deshalb müsse man sich zum Schutz auch über Beregnungsanlagen Gedanken machen. «Denn die Natur lässt sich nicht ändern.» Durch den Frost im Frühjahr werde mit einem Ausfall von 40 bis 50 Prozent gerechnet.

Schwärzel sagt aber auch: «Wer in diesem Jahr Stachelbeerbüsche draußen hatte, wie wir sie aus den letzten 40 oder 50 Jahren kennen, dem sind die Stachelbeeren am Strauch verbrannt. Sie hatten regelrecht Sonnenbrand.». Die Reifezeit habe sich zudem verschoben. Die Vegetationszeit beginne heute im Schnitt 20 Tage früher und ende fünf Tage später. Das biete zwar Chancen, erfordere zugleich aber auch Anpassung. Schwärzel warnt eindringlich: «Wer sich als Obstbauer nicht auf einen Wechsel beim Sortiment einlässt, wird mittelfristig unter den hiesigen Standortbedingungen nicht mehr rentabel produzieren können.» (Alexander Riedel, dpa)