REISE
05. Juni 2009

Auf dem Esel durch die Cevennen

Reise durch die Bergwildnis der südfranzösischen Cevennen

Amaranth spitzt ihre Ohren. Noch ein leichter Ruck am Halfter, und schon marschiert die Eseldame weiter auf dem schmalen Pfad mitten in den südfranzösischen Cevennen. Immer wieder streifen Äste die beiden prall gefüllten Packtaschen, die Amaranth auf dem Rücken trägt. Es ist steil, aber das Tier balanciert die rund 30 Kilogramm geschickt aus und bringt seine Ladung mit kleinen Schritten sicher ins Tal. Eselwanderungen wie diese mit Amaranth sind für die schroffe Gebirgsregion zwischen Rhône und Zentralmassiv zu einem Markenzeichen geworden: Es gibt etliche Anbieter, die die Vierbeiner verleihen und begleitete Touren organisieren.    

Die Cevennen sind eine urwüchsige Wanderregion. Charakteristisch sind die trockenen Hochplateaus und tief eingeschnittene, wilde Flusstäler wie die von Ardèche und Tarn. Oft sieht man stundenlang kein Haus, trifft keine Menschen. Allerdings gibt es ein Netz von Hütten - auf Französisch: Gités d'etape -, die Wanderer aufnehmen. Mit einer guten Karte und Tipps von Einheimischen ausgerüstet, ist auch eine mehrtägige Tour kein Problem. Wer mit dem Esel unterwegs ist, braucht allerdings eine Herberge, die auch Futter und einen Koppelplatz für das Tier bereit hält. Es ist daher zu empfehlen, sich eine Tour von einem Eselvermieter zusammenstellen zu lassen.    

Dabei sollte auch eingerechnet werden, dass eine Wanderung mit dem Grautier eher eine beschauliche Angelegenheit ist und weniger ein zackiger Marsch. Es ist zwar ein Vorurteil, dass Esel grundsätzlich faul seien, aber sie gehen es eher gemächlich an. Zwischen drei und vier Kilometer legt ein Esel in der Stunde zurück - dafür trägt er ja das Gepäck von bis zu 40 Kilo. Zudem wachsen rechts und links genau auf Maulhöhe zahlreiche leckere Gräser. Wer nicht ständig seinen Esel vom Fressen abhalten möchte, sollte auf den ersten Wanderkilometern deutlich machen, wer der Chef ist und wann gefressen wird. Alle zwei bis drei Stunden muss eine Pause auf dem Programm stehen, dann werden die Gepäcktaschen abgenommen, damit das Tier grasen und trinken kann.    

Dafür sollte ein extra langer Strick im Gepäck sein. Wie man damit fachgerecht einen Anbindeknoten knüpft, wird den «Esel-Besitzern auf Zeit» vor der Tour in einem Schnellkurs erklärt. Es sind zwar keine Vorkenntnisse im Reiten oder Eselführen notwendig - ein gewisses Maß an Tierliebe ist allerdings Voraussetzung. Die Eselvermieter, die meist eine ganze Herde halten, zeigen geduldig, wie das Tier morgens eingefangen wird, wo das Halfter sitzen muss und wie Striegel und Hufkratzer richtig benutzt werden. Da die Hüttenwirte auf der Strecke oft viel Erfahrung mit Eseln haben, kann man sich auch unterwegs noch guten Rat holen, wenn etwas nicht so klappt wie gedacht.    

Auch wenn Eseltouren durch verschiedene Regionen möglich sind: Die ursprüngliche Route durch die Cevennen führt rund 200 Kilometer auf den Spuren des Autors Robert Luis Stevenson von Le-Puy-en-Velay nach Saint-Jean-du-Gard in die südliche Gebirgsregion. Zu den bekannten Werken des Schotten zählen «Dr. Jekyll und Mr. Hyde» und natürlich «Die Schatzinsel», zu seinen weniger bekannten Titeln die «Reise mit dem Esel durch die Cévennen».

Darin beschreibt er sein Abenteuer an der Seite von Modestine, einer recht störrischen Eselstute. 1878 brach Stevenson als junger Mann zu der Wanderung auf - heute würde man sagen, es war eine Art Selbsterfahrungstrip. Von Einheimischen belächelt, leistete der Schriftsteller vor 150 Jahren die Vorarbeit für einen wichtigen Zweig der Tourismusbranche in der Bergregion.    

Auf den Wanderungen passiert der Urlauber ab und an verlassene Dörfer, die aus einer Zeit stammen, als die Cevennen noch dicht besiedelt waren. Damals betrieben die Menschen Landwirtschaft und bauten unter anderem Wein, Oliven und Pfirsiche an. In den höheren Lagen wurden Kastanien geerntet und große Schafs- und Ziegenherden gehütet. Im 17. Jahrhundert gab es eine bedeutsame Seidenraupenzucht in der Region. Durch Seuchen und billige Importwaren brach diese Industrie jedoch zusammen, und immer mehr Menschen wanderten aus.    

Inzwischen gibt es wieder viele Ferienhäuser, kleine Hotels und Pensionen in den Cevennen - überwiegend für Naturliebhaber und Urlauber, die gerne Sport treiben. Zum Abendessen locken zur Belohnung für einen anstrengenden Tag Spezialitäten aus der Region wie Maronen, herzhafte Pasteten und Wildbraten, die in den Hütten meist von den Wirtsleuten zubereitet werden. Es ist üblich, dass alle Gäste gemeinsam mit den Gastgebern an einem großen Tisch speisen - mit viel Zeit für Gespräche, Geschichten und eine Flasche Rhône-Wein.    

An einem Punkt der Wanderung werden Amaranth und ihre Gefährtin Vanille aber doch noch sehr stur: Sie wollen partout einen bestimmten Weg nicht herunter. Erst nach reichlich Überredungskunst stampfen sie den immer steiler werdenden Pfad weiter hinab. Zum Ende hin müssen die Packtaschen abgenommen werden, mit gestreckten Vorderbeinen und fast auf dem Hinterteil rutschen die Esel kontrolliert einen kleinen Hang hinunter.

So steile Wege sind eigentlich ungewöhnlich für die vorgegebene Route, die der Eselverleiher in eine Karte eingezeichnet hat - und tatsächlich: Die Wanderer sind falsch abgebogen. Exakt an der Kreuzung, an der die Tiere nicht weiterwollten. Die Esel laufen die Touren regelmäßig und haben ein gutes Gedächtnis. (Andrea Löbbecke/dpa)

Eselwanderungen in den Cevennen    

KOSTEN: Eselwanderungen in den Cevennen werden empfohlen für Familien mit Kinder ab etwa acht Jahren. Allerdings können auch schon Kleinkinder mitkommen, wenn sie mit einer «Kraxe» getragen werden können und die Tagesetappen kurz sind. Ein Esel kostet beim Verleiher am Ort etwa 200 bis 250 Euro für eine Woche. Eine Nacht in einer Hütte kostet etwa 15 Euro im Schlafsaal und 25 Euro im Doppelzimmer.    

INFORMATIONEN: Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt (Tel.: 0900/157 00 25 für 49 Cent pro Minute). www.ardecheinfo.de