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25. Oktober 2010

Aus dem Berliner Restaurant Grill Royal in die Provinz

Pop-Autor Moritz von Uslar war für sein Buch Deutschboden drei Monate im Ruppiner Land

Auch wenn eigentlich Welten sie trennen: Am Ende ist tatsächlich eine dicke Freundschaft entstanden. Eine Freundschaft zwischen den vermeintlich hinterwäldlerischen «Ossis» aus der brandenburgischen Provinz und dem schillernden «Wessi»-Reporter aus der Hauptstadt Berlin. Ganze drei Monate brachte Schriftsteller und Journalist Moritz von Uslar in einer Kleinstadt an der Havel für seine Langzeitreportage «Deutschboden» zu.

Herausgekommen ist eines der besten Bücher über Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. «Mir hat das gut getan. Ich bin da sehr gerne gewesen», sagt der 40-Jährige im Nachhinein über den Ort im Ruppiner Land, in dem er anfangs vor allem eines verspürte: «Angst».

Alles beginnt im Frühjahr 2009 mit einer kühnen Idee - vorgetragen im Promi-Restaurant Grill Royal in der Berliner Friedrichstraße. Bei Steaks und Champagner eröffnet Uslar Freunden, er wolle für ein Vierteljahr abhauen, «dorthin, wo kaum ein Mensch von uns je vor uns war ­ nach Hardrockhausen, Osten».

Dort werde er als Reporter aufmerksam zuhören und zugucken und alles erfahren «über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart.» Reaktion der Berliner Runde: Schweigen und ratlose Gesichter. Ein Freund warnt noch: «Das kann richtig düster werden.»

Doch Uslar macht sich auf den Weg, im Gepäck allerhand Klischees über den «Wilden Osten» und seine Bewohner. Nach einigem Suchen scheint ihm Oberhavel ideal für seine Reportage, eine Kleinstadt 50 Kilometer nördlich von Berlin: Nicht zu klein, nicht zu groß. Anfangs erweist sich die Wildnis für den Großstädter alles andere als spektakulär, bloß als langweilig und harmlos.

Würde das jemals für eine gute Geschichte reichen? «Da preschte ein Skinhead-Kämpfer auf einem Mountain-Bike ­ geschätzte 18 Jahre alt, im Achselhemd und mit einem etwa hundert Kilogramm schweren Armeerucksack auf dem Rücken ­ die Straße herunter.» Sofort ist der Reporter wieder glücklich. «Sah super aus. Es ging nicht viel schöner.»

Nun darf man vom Gesellschaftsjournalisten Uslar eine differenzierte Betrachtungsweise sozialer Milieus erwarten ­ und die liefert er auch ab. Nachdem er sich in einer Pension einquartiert hat, geht der Autor so unvoreingenommen wie möglich an seine Untersuchung heran, nimmt seine Eindrücke aber mutig subjektiv auf.

Mal beim Zechen mit den Einheimischen in der Gaststätte Schröder bis tief in die Nacht, mal beim Besuch im Proberaum der Punkband 5 Teeth Less (Fünf Zähne weniger), mal beim Grillfest mit Deutschlandfahne. «Ich habe versucht, weder zu romantisieren noch schwarzzumalen», sagt Uslar. Schließlich sind es fast 400 Seiten, die seine Beschreibung von Oberhavel einnimmt.

Auch wenn der Ost-West-Aspekt darin eine wichtige Rolle spielt ­ insgesamt ist «Deutschboden» mehr als ein Wessi-Bericht über eine Ost-Kleinstadt. Es ist eine Beschreibung von Deutschland, wie es sich überall außerhalb der Großstädte zeigt. «Man hätte das Ganze auch genauso gut in einer Kleinstadt in Oberfranken oder in der Eifel spielen lassen können», sagt Uslar. Wichtig war ihm, sich wirklich einzulassen auf die Bewohner und deutlich länger zuzuhören als dies Journalisten gemeinhin tun. In den Pressekonferenzen werde einem doch sonst nur eine «aufbereitete Realität» präsentiert, sagt Uslar.

Mit seiner in «Deutschboden» beschriebenen Realität sind nicht alle Bewohner von Oberhavel glücklich. Das Ehepaar aus seiner Pension beschwert sich, dass der Schriftsteller sie zum «Gespött» der Leute gemacht habe. Jedes noch so unbedeutende Gespräch habe er «ausgeschlachtet», meckern sie in einem Lokalblatt. Die Jungs von 5 Teeth Less schlossen dagegen schnell Freundschaft mit dem Großstadtmenschen.

Bald werden sie ihn in seiner Heimat besuchen: Am 9. November liest Uslar in der Galerie Vittorio Manalese in West- Berlin aus seinem Buch, musikalisch untermalt von der Punkband aus Brandenburg. Es wird der Tag sein, an dem vor 21 Jahren die Mauer fiel. (Haiko Prengel, dpa)