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09. September 2014

Ausbildungszertifikat Welche Gaststätte bildet gut aus?

Die Gastronomie hat nicht gerade das beste Image. Betriebe können sich jetzt ein Ausbildungszertifikat verdienen - denn die Branche steht vor einem gravierenden Problem

Mit einem Zertifikat für gute Ausbildung will das Gastgewerbe schwarze Schafe in der Branche bekämpfen. Gaststätten, Hotels oder Pensionen können sich seit Montag in weiten Teilen Thüringens als gute Ausbilder kennzeichnen lassen. Damit sollen Jobs wie Koch oder Kellner attraktiver werden. Das Gastgewerbe findet nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Erfurt immer weniger Azubis, die Zahl neuer Verträge sank in fünf Jahren um mehr als die Hälfte.

"Das ist schon, denke ich, dramatisch", sagte Hauptgeschäftsführer Gerald Gusser am Montag. Zusammen mit der Universität Erfurt entwickelte die IHK ein freiwilliges Bewertungssystem. Online werden dafür auch Azubis zu den Ausbildungsbedingungen in ihrem Betrieb befragt. Entscheidend ist zum Beispiel, ob sie eine Einarbeitungszeit, einen festen Betreuer und regelmäßige Rückmeldungen bekommen und wie gut das Betriebsklima ist.

Für die Geschäftsführerin des Erfurter Restaurants "Zum Güldenen Rade" kommt die Initiative ein wenig zu spät. "Das hätte schon viel eher passieren müssen", sagte Ilona Alsgut-Müller. Früher habe sie 120 bis 150 Bewerbungen vor Beginn des Ausbildungsjahres bekommen, diesmal seien es drei gewesen. Der Direktor des Mercure Hotels in der Erfurter Altstadt, Stefan Götz, plädierte dafür, eventuell auch Abbrecherquoten oder Durchschnittsnoten für das Prädikat mitzuwerten.

Nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) brechen in Thüringen relativ viele Auszubildende in der Gastronomie ihre Lehre wieder ab. Bei Köchen sei es etwa jeder Zweite, sagte Gewerkschaftssekretär Jens Löbel. Die Idee eines Zertifikats könne nur ein Rädchen im Getriebe sein. "Es muss sich komplett etwas ändern." Auszubildende dürften nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Ein Koch müsse mit dem Lehrling auch mal eine Brühe selbst ansetzen, auch wenn er das sonst nicht mache.

Dass die Bewerberzahlen zurückgehen, erklärt der Branchenverband Dehoga Thüringen unter anderem mit dem demografischen Wandel. Es kommen zu wenige junge Menschen nach. Zudem heiße es oft, alle müssten studieren, sagte Hauptgeschäftsführer Dirk Ellinger. "Das halte ich für etwas überzogen." Es gebe viele Diskussionen um die Ausbildung, die Herausforderungen müssten auch klar benannt werden. "In der Küche wird es jetzt keinen Hocker zum Arbeiten geben."

Das neue Zertifikat nannte Ellinger einen Meilenstein. Wie gut Gastronomiebetriebe ausbilden, ist nach Angaben des IHK-Mitarbeiters Frank Hübner unterschiedlich. "Das Problem ist, die schwarzen Schafe zu erkennen." Das sei nicht so einfach, weil sie womöglich vor Jahren ihre Ausbildungseignung erhalten hätten. Mit dem Zertifikat, das über die normalen Anforderungen hinausgeht, bekämen Auszubildende nun "einen Anhaltspunkt, wer gut ausbildet".

Nach Angaben der IHK ist das Zertifikat einmalig in Deutschland. Der Dehoga-Bundesverband in Berlin konnte dies auf Anhieb nicht bestätigen. "In Zeiten des Nachwuchsmangels ist es mehr denn je wichtig, in die Ausbildungsqualität zu investieren", sagte Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges.

Auch die IHK Südthüringen berichtet von sinkenden Ausbildungszahlen und beteiligt sich an der Aktion. Betriebe im Norden, Süden und in der Mitte des Landes können sich nun für das kostenlose Prädikat bewerben. Sie müssen mindestens einen Azubi beschäftigen und 80 Prozent der aufgestellten Kriterien erfüllen. Die Quote wurde verschärft, nachdem in einem ersten Testlauf alle betrachteten 13 Unternehmen ein Zertifikat bekommen hatten. Die ersten Prädikate sollen Anfang 2015 vergeben werden und drei Jahre lang gültig sein. dpa