REISE
04. August 2009

Bäder und Buddhisten: Auf der Insel Shikoku

Urlaub in den spirituellen Onsen-Bädern auf der japanischen Insel Shikoku

Wie Mönche enteilen die Touristen im Morgengrauen ihren Hotels. Sie sind in Yukatas genannte dünne Baumwollkimonos gehüllt, tragen Badeschlappen an den Füßen und in den Händen kleine Körbe, in denen sich das Nötigste verbirgt. Jedes Hotel besitzt eigene, unverwechselbare Yukatas. Sie sind wild gemustert oder in dezent gedeckten Farben, so dass es aussieht, als gehörten die Träger gegnerischen Mannschaften an. Dabei machen sich alle bloß auf den Weg zum Gemeinschaftsbad - ins Thermalbad Dogo Onsen, Japans älteste heißer Quelle, die in Matsuyama auf der Insel Shikoku liegt.    

Das 1894 gebaute Badehaus ist ein prächtig geschwungener dreistöckiger Holzbau, mit einer geknickten Trauerweide davor. Den ganzen Tag über stehen die Besucher in Trauben vor dem Eingang, fotografieren sich und stehen für Eintrittskarten an. Für den Fremden ist das System nicht ganz leicht zu durchschauen. Das Personal spricht wenig Englisch, und die Verständigung erfolgt mit Händen und Augen. Dennoch sollte man sich nicht abschrecken lassen - der Besuch eines Onsen-Bades gehört unbedingt zu einem Japan-Aufenthalt dazu.    

In den traditionellen Unterkünften, Ryokans genannt, sind die Bäder ein Teil der Standardausstattung. In diesen Gasthöfen empfängt einen Japan, wie es die Klischees erwarten lassen: Die Zimmer sind mit traditionellen Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt, die Schuhe auszuziehen ist also Pflicht. In der Mitte steht ein niedriger Tisch mit Stühlen drumherum, deren Sitzflächen sich auf der Höhe des Fußbodens befinden; in einer Vase prangt eine üppig duftende orangefarbene Lilie, und Reispapiertüren trennen die einzelnen Örtlichkeiten. Alles zusammen ist ein lichter, schlichter Raum.    

Wer zum ersten Mal zu Gast ist, fragt sich aber, wo um Himmels Willen sich in dieser eleganten Aufgeräumtheit das Bett versteckt. Während man noch befürchtet, sich auf die kratzigen Matten betten zu müssen, liegt am Abend dann aber ein - wie von Geisterhand dorthin gezauberter - Futon einladend bereit.    

Die japanische Liebe fürs Detail und Wertschätzung fürs Dekorative kann man auch in einem solchen Hotelzimmer bewundern. So sitzt im Bad auf einer Ablage ein in bezaubernder Origami-Fingerfertigkeit aus Papier gefalteter Mini-Kranich. Das Personal ist von ausgesuchter Höflichkeit, auch wenn es immer wieder Schwierigkeiten mit der Verständigung gibt.    

Die Onsen-Bäder gibt es in vielen Formen: klein und eng oder großzügig, schäbig oder elegant, mit berauschenden Blicken in die Natur oder von Mauern umgeben. In den meisten baden Frauen und Männer getrennt voneinander. Das Wasser ist mindestens 40 Grad heiß, und die wichtigste Vorschrift lautet: sich ausgiebig zu waschen, bevor man ins Wasser gleitet. Rund um das Becken befinden sich Waschplätze mit Spiegeln. Auf Hockern, die für Kinder gemacht scheinen, nimmt man Platz und beobachtet verstohlen die Einheimischen bei ihrem Tun.    

Und die schrubben sich, als wollten sie sich das letzte bisschen Farbe vom Körper reiben: von den Zehen bis zu den Ohrenspitzen. Sie putzen ihre Gesichter, waschen sich die Haare und wenden sich jedem noch so kleinen Teil ihrer Körper zu, als hätten sie alle Zeit der Welt. Und erst nach einer geraumen Weile steigen sie dann ins Wasser, setzen sich hinein, häufig in Gruppen - Kaffeeklatsch auf Japanisch.    

Im Dogo Onsen in Matsuyama ist das Bad am Abend ein überfüllter Ort, wo sich vom Kleinkind bis zum Greis alles trifft. Es ist so laut, dass sich Entspannung erst gar nicht einstellt. In anderen Bädern aber herrscht himmlische Ruhe. Besonders schön ist es, wenn sich ein Außenbereich anschließt, man beim Baden hinausschauen kann auf sich im Wind wiegende Bambusbäume und sich die Gäste nach dem Bad an der frischen Luft abkühlen dürfen.    

Auf andere Europäer trifft man im Bad in der Regel nicht. Und naturgemäß beäugen die Japaner die Fremden genau so neugierig wie die Touristen die Japaner. Da muss man durch. Nach dem Baden hüllen sich dann wieder alle in ihre Baumwollgewänder. In vielen Einrichtungen wird man außerdem mit grünem Tee und filigranem Gebäck verwöhnt. Die Onsen-Bäder dienen aber nicht nur dem geistigen und seelischem Wohl, sondern sie sollen auch helfen, Krankheiten zu lindern. Es gibt spezielle Quellen gegen diverse Leiden. Pilgern gleich machen sich die Menschen auf den Weg zu ihnen.    

Auch andere Pilger sieht man rund um Matsuyama ständig. Die Stadt liegt im Westen der Insel Shikoku, auf der sich ein buddhistischer Pilgerweg über 88 Stationen windet. Er ist die berühmteste Pilgerstrecke Japans. Allein in Matsuyama befinden sich 8 der Stationen. Nur etwa 15 Minuten vom Dogo Onsen entfernt, erstreckt sich zum Beispiel der im Jahr 728 gegründete Ishiteji-Tempel. Im Zentrum der Anlage thront eine himmelstürmende dreistöckige Pagode.    

Die Gefahr, dass sich die Touristen nicht von den Pilgern unterscheiden ließen, besteht nicht, da die Pilger vorbildlich ausgestattet sind. Alle stecken in blütenweißen Kleidern, haben einen pilzförmigen Bambushut auf dem Kopf sowie einen Pilgerstab und ein Glöckchen in der Hand. Siegel in roter Farbe werden ihnen später auf ihre Gewänder gestempelt, um zu beurkunden, dass sie auch dort waren.    

Die 88 Stationen auf Shikoku liegen entlang einer 1100 Kilometer langen Strecke. Wer alle abgeklappert hat, ist von seinen Sünden befreit und dazu bereit, gereinigt zu sterben. Die Strapazen einer solchen Pilgerroute nehmen aber nur noch die wenigsten Menschen auf sich. Viel lieber lassen sie sich in klimatisierten Reisebussen von Tempel zu Tempel kutschieren. Da wundert man sich dann auch nicht mehr über die 88 mit Sand gefüllten kunterbunten Säckchen im Ishiteji-Tempel, eines für jede Station. Wer sie alle inbrünstig berührt, kann sich den Pilgerweg beinahe schenken, heißt es.    

Ein Besuch der Tempel ist so entspannend wie ein Bad im Onsen. Man kann in Ruhe die Rituale der Pilger beobachten, die sich meist in Gruppen nähern. Oder einfach umherwandern, Buddhastatuen auf sich wirken lassen und über kleine Brücken in entlegene Winkel spazieren. Die Heiligkeit des Ortes vermittelt sich unmittelbar, auch wenn man nicht alles versteht und sich nicht wundern würde, wenn gleich der Zauberer von Oz um die Ecke lugte. Die Atmosphäre ist so licht und klar wie die Kleidung der Pilger, und man wird - ungelogen - ganz ruhig dabei. Und nicht einmal die in Japan unausweichlichen hässlichen Getränkeautomat-Ungetüme stören den himmlischen Frieden.    

Die schönste Pilgerfahrt in Matsuyama ist aber wohl der Weg hinauf zur Burg. Natürlich kann man hinauflaufen, aber man würde sich um ein kindisches Vergnügen bringen, da man sich auch von Sesselliften gemächlich hinaufschaukeln lassen kann und natürlich wieder hinunter. Das beschert einem nicht nur herrliche Aussichten, sondern auch einzigartige Gefühle aufgekratzter Schwerelosigkeit.    

Die Burg thront auf dem 132 Meter hohen Katsuyama-Hügel, dem Hausberg der Stadt. Im Jahr 1606 hat sie der Herrscher Yoshiakira Katoh in Auftrag gegeben, 24 Jahre später wurde sie fertiggestellt. Kriege und Feuersbrünste zerstörten die Burg mehrmals, immer wieder wurde sie originalgetreu aufgebaut. Die großzügige Anlage bietet Gelegenheit zu ausgedehnten Rundgängen und besticht mit klarer Linienführung und aufwändigen Holzarbeiten. Vom höchsten Punkt des Turms aus genießt man dann einen großartigen Rundumblick über die Stadt, vor dessen Hauptbahnhof ein Riesenrad seine Runden dreht.    

Den Weg zurück zum Dogo Onsen verkürzt eine Fahrt mit der altmodischen Straßenbahn, die zum alten Bahnhof rattert, nicht weit vom Badehaus entfernt. Gleich um die Ecke des Bahnhofs lädt ein Brunnen zum Verweilen ein. Nicht nur Kranke tunken ihre Füße und Hände in das heiße Wasser, um in den Genuss seiner heilenden Wirkung zu gelangen. Manche von ihnen hat man schon mehrmals gesehen: im Badehaus, in einem der umliegenden Tempel oder auch in der quirligen Einkaufspassage. In Matsuyama führen eben viele Wege zum Heil. (Shirin Sojitrawalla/dpa)

Die Insel Shikoku

REISEZIEL: Die Stadt Matsuyama liegt auf Shikoku, der kleinsten der vier japanischen Hauptinseln.    

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Lufthansa, All Nippon Airways (ANA) und Japan Airlines (JAL) fliegen täglich von Frankfurt/Main nach Tokio. Lufthansa bietet auch die Verbindung Frankfurt-Osaka und München-Tokio an. Inlandsflüge nach Matsuyama haben mehrere japanische Gesellschaften im Plan. Deutsche, Österreicher und Schweizer benötigen bei ihrer Einreise nur einen gültigen Reisepass, wenn sie als Touristen nicht länger als drei Monate im Land bleiben wollen.    

KLIMA UND REISEZEIT: In Matsuyma herrscht ein mildes Klima. Die Jahres-Durchschnittstemperatur beträgt 15,8 Grad. Besonders reizvolle Reisezeiten sind der Frühling und der Herbst.    

SPRACHE: Japanisch. In allen Schulen wird Englisch gelehrt. Davon merkt man aber zuweilen nicht viel. Mangelnde Englischkenntnisse machen die Japaner aber mit doppelter Hilfsbereitschaft wett.    

WÄHRUNG: Für einen Euro bekommt man etwa 135 Japanische Yen (Stand: August 2009). Umtauschmöglichkeiten findet man an den internationalen Flughäfen, aber auch in den größeren Hotels. Kreditkarten sind in den Städten weitgehend akzeptiert.    

GESUNDHEIT: Es besteht keine Impfpflicht. Impfungen gegen Tetanus, Polio, Diphtherie, Hepatitis A und B werden aber empfohlen.    

INFORMATIONEN: Japanische Fremdenverkehrszentrale, Kaiserstraße 11, 60311 Frankfurt, Tel.: 069/203 53, www.jnto.de