BERLIN
02. Februar 2009

Berlinale mit Alice Waters

Feature: Alice Waters ist Amerikas Starköchin. Einst kochte sie Werner Herzogs Schuh. Heute ist sie Jurorin der Berlinale 2009

Alice Waters ist Amerikas Starköchin. Sie wird als First Lady der Biokost und als Grüne Göttin verehrt. Die selbst erklärte Food-Revolutionärin und Slow-Food-Aktivistin gilt als Erfinderin der California Cuisine. Schon in den frühen 70er Jahren kochte sie nach französischen Rezepten frisch-biologisch in ihrem kalifornischen Edel-Restaurant Chez Panisse. Der Guide Michelin vergab einen Stern, Gourmet Magazine kürte das Restaurant in Berkeley zum Spitzenreiter in den USA. Nun vertauscht die 64-Jährige den Platz am Kochtopf mit einem Sitz in der Jury der 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin (5. bis 15. Februar).

Neben Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton, Bestsellerautor Henning Mankell und den Regisseuren Christoph Schlingensief, Isabel Coixet, Gaston Kaboré und Wayne Wang wird die Küchenchefin bei der Berlinale über die Vergabe des Goldenen und der Silbernen Bären entscheiden. "Ich bin der einzige Nicht-Profi", bekennt die zierliche Köchin während einer Tee-Pause, kurz vor dem Ansturm der Dinner-Gäste in ihrem Restaurant. "Ich hoffe, sie haben nicht allzu große Erwartungen an mich", grinst die grauhaarige Powerfrau und verweist vorsichtshalber auf ihr Film-Resümee.

Für eine Starköchin und Ernährungsaktivistin gar nicht schlecht: Ihr Restaurant und ihre 1983 geborene Tochter Fanny benannte sie nach Filmcharakteren des französischen Regisseurs Marcel Pagnol. Film sei ihre "zweite Leidenschaft", meint die Cineastin, die in den 60er Jahren Kulturwissenschaften studierte und kurz mit dem französischen Filmemacher Jean-Pierre Gorin verheiratet war. Sie kommt in Dokumentarfilmen über Kochen und Ernährung zu Wort und spielte sich selbst in dem Kurzfilm Werner Herzog Eats His Shoe.

Waters ließ sich 1980 bereitwillig auf diese "verrückte Sache" ein, als sie einen Schuh für Werner Herzog weichkochte, den er dann verspeiste. Der deutsche Regisseur hatte eine Wette mit seinem Kollegen Errol Morris verloren, die Einlösung wurde bei Chez Panisse gefilmt. "Ich kochte den Schuh wie Enten-Confit stundenlang im Fett, in der Hoffnung, er würde weich werden. Leider tat er das nicht, aber Werner aß ihn trotzdem vor laufender Kamera."

Auf einer Reise durch Frankreich in den 60er Jahren entdeckte die College-Studentin ihre Liebe für Marktstände, einfache, frische Kost und Esskultur. Zurück in Kalifornien sagte sie Gefrierkost und Fast Food den Kampf an. Getreu ihrer Gourmetphilosophie - saisonal, biologisch und von Bauern in der Umgebung produziert - tischt sie seit über 30 Jahren nur ein Menu auf, das täglich wechselt. Keine exotischen Produkte, die von weit her eingeflogen werden, sondern Dungeness Krebse aus dem Pazifik, Entenbrust aus Napa Valley, Gemüse und Früchte von Biohöfen in Marin. Die verwitterte Holzfassade des Altbaus in Berkeley passt zu der subtilen Eleganz der Speisen. Waters verköstigt hier Film- und Politstars, den Dalai Lama, die Clintons, und alle, die sich ein Dinner für 95 Dollar leisten können.

Mit betuchten Feinschmeckern gibt sich die Ernährungsaktivistin allerdings nicht zufrieden. Seit Jahren propagiert sie gesundes Essen, die Rückkehr zu Bauernhöfen und umweltverträglicher Landwirtschaft. Mit ihrem Projekt "Der essbare Schulgarten" stampfte sie in Berkeley ein Schulprogramm aus dem Boden mit Gemüsegärten und Kochkursen. "Jedes Kind sollte lernen, wie man anpflanzt, gesund kocht und gemeinsam isst", fordert Waters. "Das wäre ein großartiges Konjunkturprogramm für die Wirtschaft, für unsere Gesundheit und die Umwelt".

Ihre "Köstliche Revolution" trägt Waters auch nach Washington. Schon 1992 empfahl sie Bill Clinton, organisch angebautes Gemüse und Früchte zu verzehren. Außerdem solle er sich einen Küchenchef für das Weiße Haus suchen, der eine gesunde Ernährung praktiziere. Als "ziemlich jämmerlich" kritisierte sie die Fast-Food-Vorliebe des damaligen Präsidenten. Auch Barack Obama erhielt einen Brief mit dem Vorschlag, in seinem neuen Domizil einen Gemüsegarten anzulegen. "Sie dankten mir und bekundeten ihr Interesse, mal sehen was passiert", sagt Waters. Zur Amtseinführung rückte sie mit einem ganzen Stab von Köchen in der Hauptstadt an und servierte neben gerösteter Lammschulter auch ihre Ideen.

Beim Berlinale Talent Campus 2006 war Waters bereits in der deutschen Hauptstadt zu Gast. Damals diskutierte sie mit Bella Martha-Regisseurin Sandra Nettelbeck über ihre gemeinsame Leidenschaft: Filme und Essen. "Die meisten Filme können in aller Welt verstanden werden, das macht sie zu einem wichtigen Kommunikationsmittel, genau so wie gutes Essen Menschen verbindet", meint die Starköchin.

"Im nächsten Jahr, bei der 60. Berlinale, soll ich ein Restaurant betreiben, nur für die Dauer der Festspiele", verrät Waters. Und dafür wolle sie sich jetzt auf den Berliner Märkten und in den Küchen schon mal umschauen. "Ich freue mich schon auf Würstchen und Sauerkraut", versichert die Gourmet-Köchin. "Aber ich werde mich vergewissern, dass die Wurst frisch hergestellt wurde und das Kraut nicht aus der Dose kommt". (Barbara Munker/dpa)