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17. Juli 2010

Bilanz der Lebensmittelkontrolleure

Schummelschinken und Käse-Imitate, Benzol im Kinder-Karottensaft oder Salmonellen in der Klinikküche: Ein Viertel der kontrollierten Betriebe in Baden-Württemberg wiesen laut Jahresbericht der Lebensmittelüberwachung Auffälligkeiten auf

Den Lebensmittelkontrolleuren in Baden- Württemberg dürfte auch im vergangenen Jahr bei manch' einer Gaststätte der Appetit vergangen sein. In einem Fall wimmelte es unter dem Kühlschrank einer Pizzeria vor Kakerlaken. Die amtlichen Prüfer weiteteten ihr Arbeitsprogramm im vergangenen Jahr noch aus: 2009 wurden deutlich mehr Betriebe untersucht und mehr schwarze Schafe als im Jahr 2008 entdeckt. In der Folge wurden 1531 der 64 512 kontrollierten Betriebe entweder zwangsweise oder freiwillig von ihren Eigentümern geschlossen.

Nach dieser Definition machten im Vorjahr 1434 der damals 62 288 untersuchten Unternehmen dicht. Im Bericht 2008 wurde die Zahl der Betriebsschließungen noch mit 569 angegeben. Dies waren aber nur die Fälle, in denen die Firmen auf Druck der Behörden schlossen.

Ein Viertel der kontrollierten Betriebe wiesen Auffälligkeiten auf, heißt es im Jahresbericht 2009 der Lebensmittelüberwachung, den Verbraucherminister Rudolf Köberle (CDU) vorlegte. Dies lasse aber keinen Rückschluss auf die Qualität der Lebensmittel insgesamt im Land zu, weil die Fachleute gezielt dort kontrollierten, wo sie Missstände erwarten, sagte Köberle. Es gebe auch Krankheitsfälle durch den Verzehr von Lebensmitteln, die mit Erregern belastet sind. Allerdings wurden nur 0,2 Prozent der 53 000 Proben als gesundheitsschädlich eingestuft.

Die meisten Verstöße gegen das Lebensmittelrecht seien Hygienemängel, unsachgemäßer Umgang mit Lebensmitteln oder fehlende Kennzeichnung der Produkte. Künstlich erzeugte Esswaren müssten deutlich sichtbar gekennzeichnet sein: «Das Wort Imitatkäse müsste draufstehen. Dann entscheidet der Verbraucher», sagte der Minister.    

Er kündigte an, die Behörden würden in Zukunft ein noch wachsameres Auge auf die Unternehmen haben, die Lebensmittel verarbeiten, denn das Land habe inzwischen 66 zusätzliche Stellen eingerichtet und damit die Zahl der Prüfer um 30 Prozent aufgestockt.

Viele Verstöße gegen die Vorschriften sind nach Köberles Worten auf Unkenntnis, mangelnde Qualifikation oder Schlamperei von Mitarbeitern zurückzuführen. Deshalb sei das Land auch mit dem Verband der Hotels und Gaststätten im Gespräch, wie die Ausbildung verbessert werden kann. Bei der fehlerhaften Kennzeichnung von Produkten sei aber häufig auch kriminelle Energie im Spiel, weil sich damit Geld verdienen lasse.

Die SPD-Landtagsopposition warf der Landesregierung vor, in der Lebensmittelkontrolle mit falschen Karten zu spielen, um ihre Untätigkeit zu verschleiern. Es sei zwar richtig, dass die Zahl der Kontrolleure nach längerer Planung um 66 erhöht werden solle. Es fehlten aber nach eigenem Eingeständnis der Landesregierung nach wie vor weitere 62 Kontrolleure, sagte der SPD-Abgeordnete Tobias Brenner. Er fügte hinzu, Baden-Württemberg sei im aktuellen Verbraucherschutzindex der Bundesländer jetzt auf den unrühmlichen 10. Platz abgerutscht. Dies liege auch an der unzureichenden Lebensmittelkontrolle im Land.

Köberle räumte ein, dass die angestrebte Gesamtzahl von zusätzlich 120 bis 130 Kontrolleuren noch nicht erreicht sei. Die effektive Prüfung der Betriebe lasse sich aber nicht allein durch einen stärkeren Personaleinsatz verbessern: «Es geht auch um deren technische Ausstattung und Koordination.» Außerdem gebe es auf dem Arbeitsmarkt derzeit nicht genügend qualifizierte Fachleute: «Der Markt ist leer gefegt. Wir bilden inzwischen selbst aus.»

Fragen & Antworten zur Lebensmittelkontrolle

Wie intensiv werden die Firmen kontrolliert?

Im Jahr 2009 statteten die 222 Kontrolleure in 100 200 Fällen Betrieben einen Besuch ab. Das waren 3400 Kontrollen mehr als im Jahr davor. Rund 30 Prozent der etwa 224 000 registrierten Lebensmittelbetriebe wurden ein- oder mehrmals überprüft. Bei einem Viertel der Unternehmen gab es Beanstandungen. 1531 wurden geschlossen.

Erstmals fanden die Prüfer im Herbst 2009 auch Leinsamen, der gentechnisch verunreinigt war. Bis zum Jahresende wurden in der Folge in mehr als 30 Ländern weltweit entsprechende Funde gemeldet. Fast jeder Betrieb, der Leinsamen verwendet, war betroffen. Die Ware mit den Verunreinigungen stammte ausnahmslos aus Kanada. Bei Bio- Produkten wurden jedoch bis zum Ende des Jahres keine Proben beanstandet.

Warum nimmt die Zahl der Beanstandungen zu?

Der Anteil der Verstöße hat sich binnen Jahresfrist nicht verändert. Allerdings wurde häufiger kontrolliert und deshalb wurden auch mehr Missstände entdeckt. «In vielen Fällen handelt es sich um Schlamperei. Oft ist Unkenntnis oder fehlende Qualifikation im Spiel», erklärt Köberle. Dunkle Absichten hätten die meisten Gastronomen nicht: «Kein Mensch hat ein Interesse daran, dass Salmonellen oder Glassplitter in seinen Lebensmitteln sind.» Denn das gefährde die eigene wirtschaftliche Existenz.

Wie sehen die kriminellen Machenschaften aus?

Mit Schinken, der keiner ist, oder aus Fett, Milcheiweiß und Farbstoff hergestelltem Imitatkäse lässt sich dagegen Geld verdienen. Wurden in Pizzerien, Imbissbuden, Bäckereien oder Gaststätten Backwaren mit Schinken angeboten, fanden die Prüfer in jedem dritten Fall Grund zur Kritik. In 18 Prozent der Fälle war der angebliche Käse auf Pizzen oder anderen Backwaren ein Ersatzstoff.

Was machen die Lebensmittelkontrolleure sonst noch?

Ein großer Teil der Kontrollen setzt an der Quelle der Nahrungsmittel an. Denn die Überwachung der Futtermittel bildet einen weiteren Schwerpunkt. So wurden 2009 im Südwesten 1201 (2008: 1238) landwirtschaftliche Betriebe kontrolliert. Dabei nahmen die Experten 1148 (1255) Futtermittelproben. Die Zahl der Beanstandungen betrug 191 (203). Die Quote stieg von 16 auf 17 Prozent.

Auch das Lebensmittel Nummer eins - Wasser - wird von den Prüfern laufend auf seine Güte untersucht; 17 Prozent der 7646 Proben waren verschmutzt. Sorgen machen den Kontrolleuren unter anderem Eiswürfel oder sogenanntes Scherbeneis (crushed ice), das häufig zur Lagerung von Fischen, Fleisch oder Backwaren verwendet wird. In 14 Prozent der Proben fanden sie mikrobiologische Verunreinigungen. dpa