BORDEAUX REPORT
18. Januar 2009

Bordeaux Jahrgang 2005

Bordeaux Jahrgang 2005: die Premieur-Verkostungen vom 4.-6. April 2006 im Bordelais (geschrieben April 2006)

Bordeaux 2005 ist ein Spitzenjahrgang mit perfekt gereiften Trauben. Nikos Spitzenreiter ist Chateau Margaux (98-100 Punkte). Über 5000 Händler, Sommeliers und Journalisten freuten sich im Bordelais (4.-6. April) über den äußerst gelungenen Jahrgang. Einige Experten vergleichen ihn mit 1945 oder sogar 1928/29 (Scheuermann), die meisten sehen ihn über den Jahrgängen 2000, 2003 und 1982. Der Jahrgang besticht durch Frische und zeigt keine Überreife (keine brandigen oder pampigen Weine).

Die Merkmale: Alle Rebsorten sind perfekt ausgereift, vor allem der Cabernet Sauvignon. Die Qualitätsunterschiede zwischen linkem (Medoc, Cabernet dominiert) und rechtem Ufer (St. Emilion, Merlot dominiert) sind ausgesprochen gering. Auch die einfachen Bordeaux AC und Cru Bourgeois sind 2005 ein Genuß. Für die Süßweine in Sauternes und Barsac ist es kein herausragendes Jahr. Kein Wein von 95 Punkten! Gott sei Dank ist 2005 solch ein outstanding Jahr, bei meiner ersten Verkostung 2002 gab es den furchtbar kleinen Jahrgang 2001 zu verkosten (unreife Cabernets).

Wer den Himmel schätzen will, muß durch die Hölle gehen, sagte schon Georg Mauer. Es war diesmal ein großer Gaumen-Spaß mit Gerhard Retter, Claudia Albrecht, Arno Steguweit, Anne-Marie Raue, Romana Echensperger und Gunnar Tietz. Dazu Georg Mauer und Sebastian Raabe von Wein & Glas. Die Top-Appellationen sind für mich Margaux, St. Estephe und St. Emilion. Das Pauillac hat es mir dieses Jahr weniger angetan. Damit teile ich gern einmal die Meinung von Stepfan Graf Neipperg.

Nikos Top-Chateaux: * Margaux 98-100 * Haut Brion 96-98 Ausone 96-98 Mouton Rothschild 96-98 Cos d’Estournel 96-98 * Leoville Las Cases 95-97 Mission Haut Brion 95-97 * Montrose 95-96 * Lafite Rothschild 93-95 (die Verkostungsnotizen finden sich bei den Bewertungen der Appellationen)

Ausblick: 2005 wird richtig teuer, Niko empfiehlt die ausgezeichneten Cru Bourgeois und noch besseren Zweitweine der großen Chateaux. Die sind noch so gerade eben bezahlbar!

 

St. Emilion

Sehr gute St. Emilion mit Ausone weit an der Spitze der Appellation. Cheval Blanc abgeschlagen.

Ausone: schwarze Sünde, süßer Extrakt, große Eleganz, Mineral und Frucht, geheimnisvolle Poesie, 96-98 (mit Haut-Brion eher am oberen Ende der 96-98 Gruppe). Ich fragte Alain Vauthier, wann denn die seit Jahren andauernden Kellerarbeiten auf Ausone endlich abgeschlossen seien, er antwortete: "Ich weiß es immer noch nicht."

Angelus: lange nicht so elegant wie Ausone, aber Tiefe, Frucht 92-93

Beau-Sejour Becot: dunkel, konzentriert, gute Säure, Malolaktik nicht beendet (Heidelbeerjoghurt) 92-93+

Belair: frisch, ein wenig weicher, 91-92

Canon: weniger Struktur, schwammige Tannine, quo vadis Canon? 88-90

Canon-la-Gaffeliere: Alkohol, Brombeer-Eleganz, sehr frisch (hohe Säure) fruchtiger Abgang, 93-94

Chapelle dAusone (der Zweitwein): gigantische Nase, Frucht ohne Ende, trockener Abgang, 92-94 (suchen und kaufen)

Cheval Blanc: filigran, nicht so komplex wie erwartet, pelziger Abgang, 92-93+

Clos de LOratoire: dunkel, Schoko, Teer, Druck am Gaumen, 92/93+

DAiguilhe: konzentriert, Brombeere zum Beißen, schwarze Seele, 92-93

Faugeres: ausgewogene Tannine, schöner St. Emilion, 89-90

Faugeres (Cuvee Peby): rund, Schoko, harmonisch, rote Beeren, 92-93 (neue Zusammenarbeit zwischen Michel Rolland und Neipperg)

Figeac: feine Minerale, Eleganz, 92-93

Fonbel: verhalten, gutes Potential 90-91

Fourtet: dicht, kompakt, nicht so elegant wie Figeac, 91-92

Grand-Mayne: weicher, weiblicher, aber auch flacher, 89-90

La Dominique: streng, Leder, Extrakt-Süße, 91+

La Gaffeliere: astringierend, Teer, Rauch, 90+

La Mondotte: (Stephan von Neipperg sagte, die Malolaktik sei noch nicht beendet, noch nicht geschwefelt), pure Tinte, Fruchtbombe, Feinheit fehlt, 92-94

Moulin Saint-Georges: Frucht, Beeren, Espresso, deftig, Extraktsüße, 92+

Petit Cheval (der Zweitwein): astringierend, verschlossen, 89-90

Troplong Mondot: Frucht, Schoko, schönes Holz, dicht, komplex, 92-93

Trottevieille: offen, viel Frucht, weniger Potential, 91-92

Nachlese bei Barriere Freres: Soutard 1995 Grand Cru Classe 87-88

Pomerol

LEvangile führt, gefolgt von Clinet.

Beauregard: eleganter Pomerol, vielleicht etwas zu glatt, 90+

Clinet: männlicherWein, Teer, Leder, Rauch, langer Abgang 92-94

Gazin: härter, verschlossen, wenig Frucht 91-92

LEvangile: feine Eleganz, schönes Spiel, langer Abgang, 94-95

La Cabanne: weich, wässrig, keine feste Struktur, 87-89

La Conseillante: weich, fruchtig, Holz, 91

La Croix de Gay: schönes Säurespiel, Schoko, fein, 92-93

La Pointe: Druck am Gaumen, fruchtig, schöne Schoko, 91-92

Petit Village: klein und kurz, 88-90

Margaux

Ein toller Jahrgang mit sinnlichen Weinen und einem bewegenden Chateau Margaux (98-100).

Brane-Cantenac: sehr schön, Frucht, 91-92+

Cantenac Brown: Schoko, Frucht, Eleganz, 92-93

Dauzac: weicher, eindimensional, 89-90

Du Tertre: leicht, nichts Aufregendes, 87-88

Ferriere: astringierend, kurzer Abgang, 87-88

Giscours: schöne Nase, Liqueur, Mon Cherie, 91/92+

DIssan: kompakt, 90-91 Kirwan: rund, kompakt, 90-92

Labegorce: Abgang etwas kurz, 89-90

Lascombes: süßer Extrakt, Potenzial, 90+

Malescot Saint-Exupery: schöne Struktur, Zukunft, 91-93

Margaux: Paul Pontallier demonstrierte die Regel: "Wenn der Cabernet voll ausgereift ist, ist er immer besser wie ein reifer Merlot"- und so ist es 2005, die Cabernets sind unschlagbar, Notiz: Feinheit ohne Ende, ein Samtschal, der das ganze Margaux umfasst, erotische Johannisbeer-Nase (85 % Cabernet), unglaubliche Dichte, extrem konzentriert, ausgereifte, weiche Tannine, bewegendes Monument 98-100 (wobei es sehr gezielt auf die 100 zugeht, Pontallier vergleicht den Jahrgang mit 1928 und 1947)

Margaux 2004, nachverkostet, nicht so dicht, tolle Cabernet-Nase (diesmal mehr Paprika, also nicht so perfekt ausgereift, 93-94

Marquis dAlesme: einfach, geradlinig, aber gewisse Eleganz, 89-90

Marquis de Terme: schöne Frucht, Schoko, kompakt, zupackend, 91+

Monbrison: weich, herb, habe mehr erwartet, 90

Pavillon Rouge (Zweitwein Margaux): im Gegensatz zum Erstwein pure Merlot-Eleganz, feiner, ausdrucksstarker Klangkörper, Harmonie, Holz perfekt, langer Abgang, 93-95 (bester Zweitwein)

Prieure-Lichine: Schoko, Struktur, etwas kurzer Abgang, 91

Rauzan Gassis: reiche Frucht, schönes Holz, 91+

Rauzan-Segla: elegantes Schoko-Säure-Spiel, brillante Frucht, mineralisch, sehr schön, 92-94

Siran: ähnlich, aber schwächer, Schoko-Frucht, 91+

Nachlese bei Barriere Freres:

Palmer 1995: 91-92

Palmer 1996: Rauch, Tee (Earl Grey), Kaffee, 93-95

Giscours 1999: gut gereift, 91

Issan 2001: 88-89

Saint-Julien

Höchst elegante und dichte Weine mit einem überragenden Leoville Las Cases, gefolgt von Leoville Barton. Saint-Julien gehört zu Nikos geheimen Lieblingen.

Beychevelle: Röstaromen, Kaffee, Leder, kompakt, 90-92 (der lange Blick auf die Gironde ist 100 Punkte wert, hier sollte man einen Golfplatz anlegen)

Clos du Marquis: Schoko, Kaffee, wunderbar elegant, 92-93

Gruaud Larose: rauchig, Leder, maskulin, 92-93

Lagrange: dicht gewebt, feiner Samt, erstaunlicher Druck am Gaumen, Kaffee, gutes Holz, reife Tannine, Entdeckung!, 92-94

Langoa Barton: fruchtiger, gefälliger 90-91

Leoville Barton: tiefschwarz, Teerstraße, schönes Säurespiel, 94+

Leoville Las Cases: Stierblut, Bitterschoko, Mon Cherie, fein+elegant, komplex, Johannisbeere, etwas Sauerkirsch, Abgang ohne Ende, 95-97

Leoville Poyferre: fruchtiger als Barton, leichter, 92-93 Talbot: schöne Frucht, 91-92

Nachlese bei Barriere: Clos du Marquis 1995: 89

Beychevelle 1995: 88

Clos de Marquis 1996: 90-91

Beychevelle 1996: 91

Talbot 1996: 91-92

Beychevelle 2003: 90-92

Vertikale des Zweitweines von Lagrange:

Les Fiefs de Lagrange 2003: stark, 91+

Les Fiefs de Lagrange 2002: 88-89

Les Fiefs de Lagrange 2001: 88

Les Fiefs de Lagrange 2000: 90+

Les Fiefs de Lagrange 1998: robust, 85-86

Saint-Estephe

Die Spitzen? Natürlich Cos dEstournel (oben) und Montrose, was sonst!

Cos dEstournel: feine Nase, Brombeer, Johannisbeer, Würze, Mon Cherie, große Eleganz und Klarheit, 96-98 (eines der schönsten Chateaux, wir verkosteten oben, unten Michael Broadbent, Jancis Robinson und eine Decanter-Truppe)

Cos Labory: schöne Frucht, 91-92

La Dame de Montrose (Zweitwein): Teer, Tiefe, konzentriert, Eleganz, reife Tannine, 92-93

Marbuzet: weich und zugänglich, Finesse und Eleganz, 92-93

Montrose: verschlossenster Wein des ganzen Concour, tief schwarzes Monster, belegt den ganzen Gaumen, Darjeeling, komplex, tief, ein Wein zum Kauen, erinnert an Las Cases, 95-96

Les Pagodes de Cos (Zweitwein): verschlossen, Grafit, Kraft, 91-92+

Phelan Segur: Frucht, mineralisch 91-92+

Nachlese bei Barriere: Ormes de Pez 1996: 89

Pauillac

Die Klassiker mit Mouton (top) und Lafite (flop)

Batailley: dropsig, Heidelbeer-Joghurt (Malolaktik war noch nicht durch, aber das geht im Faß noch weiter), Frucht + Finesse, 91+

Carruades de Lafite (Zweitwein): erstaunlich weich, mild, zugänglich, keine Tiefe, keine Spannung, 86-88

Clerc Milon: rote Johannisbeere, fein, elegant, 91-92

Croizet-Bages: Johannisbeere pur, Fruchtbombe, komplex, 92-93

DArmailhac: üppig, reifer Cabernet, Frucht, Terroir, Eleganz, 91-92

Clerc Milon: sehr schön, komplex, elegant, 91-92

Duhart Milon: Alkohol, weniger spannend, 88-90

Grand-Puy Ducasse: geschliffen, feines Holz, Teer, 92-93

Grand-Puy Lacoste: süßer Extrakt, elegante Frucht, 92-93

Haut-Batailley: süße Frucht, Potential, 91-92

Haut-Bages Liberal: Abgang kürzer, Bleistift, 90

Latour: nicht reingekommen, bitte 2 Flaschen nachschicken!

Lafite: reingekommen, bitte nichts nachschicken, Enttäuschung, 2001 der beste Wein der Verkostung (96 Punkte), dieses Jahr schwach auf der Brust, ein "lahmer Gaul" (Gunnar Tietz): weich, breit, fruchtig, Röstaromen fehlen völlig (kann ja noch im Faß kommen), ist mir zu zart und zu zahm, 93-95

Mouton: reingekommen - und gleich wieder rausgeworfen. Mouton-Massenabfertigung im Minutentakt, zac zac, riechen, gurgeln und raus. Trotzdem erstaunlich gut, auch wenn er in seiner Punkteklasse eher am unteren Ende liegt, Kardinals-Robe, Schoko, Holz gut eingebunden, maskuline Tiefe + unnahbar, 96-98? (aber weit weg von 100)

Lynch-Bages: Brombeere, knallhart, große Zukunft, Teer, 92-93

Lynch-Moussas: tiefschwarz, Holz ohne Ende, 91-92

Petit Mouton (Zweitwein): verschlossen, astringierend, Eleganz, die Straße führt geradeaus, 91-93

Pichon-Longueville: Teer, Mineral, gute Säure, 92+

Pichon-Lalande: süße Extraktfrucht, Johannisbeere, konzentriert, Säure, Espresso, Potential, 93-94+

Pichon-Lalande 2004: Teer, Kaffee, verschlossen, streng, viel Säure, 90?

Pontet-Canet: geschliffene Frucht, Holz gut eingebunden, kompakt, 92-93

Reserve du Comtesse (Zweitwein Pichon-Lalande): Heidelbeer, Teer, Druck, verschossen, 90-91

Nachlese bei Barriere:

Lynch-Bages 1995: 91-92

Lynch-Bages 2002: 92

Haut-Medoc

Sehr schöne, bezahlbare Qualitäten.

Chasse-Spleen: tolle Nase, Schoko, Frucht, Liqueur, Mon Cherie zum Reinsetzen, 92

Maucaillou: alkoholischer, breiter, 89-90

Poujeaux: Extraktsüße, harmonisch, reife Frucht, Schoko, gut in Form, 91-92

Clarke: der Formel-1-Wein, eher Südfrankreich, Alkohol, Marmelade-Monster, fällt aus dem Bordeaux-Raster, 82-92? (92 für Südfrankreich, 82 für Bordeaux)

Beaumont: Johannisbeere, fein, 88-90

Belgrave: Eleganz, Schoko, typischer Bordeaux, 91-92

Camensac: schwarz, verhalten, gute Säure, kompakt + füllig, 91-92

Cantemerle: ansprechend, Johannisbeere, 90-91

Citran: strenger, gut strukturiert, 89-90

De Lamaque: rustikal, 88-89

La Lagune: elegant, frisch, Säurespiel, Finesse, 91-92+

La Tour de By: Johannisbeer, Schoko, feiner Abgang, 90

Pessac-Leognan

Die roten Vertreter aus dem alten Graves. Der Star: Haut Brion.

Bahans Haut-Brion (Zweitwein): verhalten, Teer, Bordeaux-Süße, Rauch, 92-93

Carbonnieux: leicht, angenehm, kurzer Abgang, 87-89

Chapelle de la Mission Haut-Brion (Zweitwein): satte Brombeere, Struktur, Hauch Medizin, Bleistifft, 92-93+

Domaine de Chevalier: Leder, Rauch, tiefe, Stärke, 91-92

De Fiezal: Fruchtbombe, mineralisch, Säure, Tabak, gelungen, 92-93

Haut-Bailly: strenger, zartbitter, Herren-Früchte, 91-92

Haut-Brion: hier startete unsere Tour diesmal (La Mission Haut-Brion wird gerade renoviert) - Feuer-Vulkan, Teer, nachglühend, streng, aristokratisch, Potential, 96-98

Larrivet Haut-Brion: Schoko, verschlossen, astringierend, 88-89

Latour-Martillac: Teer, verschlossen, Leder, 89-90+

Mission Haut-Brion: Rauch, Speck, Mon Cherie, Frucht, konzentriert, etwas Sauerkirsch, Tee, tolle Spannung, 95-97

Olivier: Lakritze, Tabak, Extrakt-Süße, 91+

Pape Clement: elegant, reife, weiche Tannine, Mon Cherie, Säurespiel, schöner Abgang, 92-93+

Smith Haut Lafitte: strenger, kompakt, geradeaus, 91-92

Sauternes et Barsac

Schöne Weine, aber keine herausragenden Qualitäten.

Caillou: Aprikose, strahlend, aber vordergründig, 85-88

Filhot: Pfirsich-Kompott, Aprikose, sauber, reiner Stoff, klar wie ein Gebirgsbach, 90-93

Doisy-Vedrines: konzentriert, Pfirsichmarmelade, 91-92

Doisy Daene: gekochte Aprikose, Pfirsich, Alkohol gut eingebunden, 92-94

De Myrat: etwas flacher und kürzer, 89-91

Siglas Rabaud: gut, alkoholisch, 90-91

Rieussec: kräftig, gekochte Orangenmarmelade, Alkohol, 91-93+

Guiraud: bittere Orangenmarmelade, Mandarine, 91-93

Coutet: etwas dumpf, Toffee, 89-91

Suduiraut: Mandarine, Orange, klebrig, 91-92

De Rayne Vigneau: Aprikose, Pfirsich, Mandarinenschale, sauber, klar, 92-94+

La Tour Blanche: Orangeat, Mandarine, 92-93

Fin

geschrieben im April 2006