WEIN
03. Juni 2009

Burgenland: Im Reich der Winzerkönige

Das österreichische Burgenland ist eine der letzten großen Genuss-Bastionen: Kaum eine Region der Welt bietet auf so engem Raum mehr Top-Winzer, ausgezeichnete Restaurants und ambitionierte Genuss-Handwerker

Sie nennen es Genussregion - und wer möchte den Burgenländern widersprechen? Wenn Winzer Ernst Triebaumer auf seinem Weingut im Hügelland am Neusiedler See eine Flasche der uralten Traubensorte Furmint öffnet, strahlt ihm das neue Selbstbewusstsein der besten Weinregion Österreichs aus dem Gesicht. Sein Cousin Richard Triebaumer aus Rust hat die Zutaten zur Brotzeit gebracht: in Muskateller-Essig eingelegte Sommer-Gemüse, Olivenschmalz und Leberpastete vom Mangaliza-Schwein.    

«Wir leben in einem gelobten Land», sagt Triebaumer. «Wir waren früher immer die Ostfriesen Österreichs. Zumindest, was den Wein betrifft, werden jetzt immer weniger Scherze gemacht.» Aus dem armen Landstrich südöstlich von Wien mit seinen Grenzen zu gleich drei osteuropäischen Ländern - Slowakei, Ungarn und Slowenien - ist eine Trendregion geworden, die stolz vorzeigt, was sie hat.    

Größter Schatz ist die Natur mit dem Neusiedler See. Der flache salzhaltige Steppensee ist 320 Quadratkilometer groß. Mit seinem Schilfgürtel ist er Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen und sorgt für ein einzigartiges Mikroklima, von dem der Weinbau profitiert. Das Burgenland produziert einige der besten Süßweine der Welt, beachtliche Rotweine und manchen herausragenden trockenen Weißwein.    

Das ist nicht, wie noch vor einigen Jahren, nur die Leistung einiger Topwinzer. Längst stehen nicht mehr nur Namen wie Kracher für Süßweine, Gesellmann oder Umathum für große Rotweine oder Kollwentz und Velich für weiße Chardonnays im Rampenlicht. Jetzt strebt eine Riege oft junger Winzer nach vorn und sorgt für immer mehr Qualität. Und die meisten Weinmacher eifern heute nicht mehr französischen Vorbildern nach, sondern besinnen sich auf die Vorzüge der alten heimischen Rebsorten, bei den Rotweinen vor allem auf Blaufränkisch, St. Laurent und Zweigelt.    

Mit ausgefeilter Werbestrategie werden dazu die Touristen ins Land und ins Städtchen Rust gelockt. Dort wohnt der Weinbauer Hans Feiler, der das Konzept für die Fernsehserie «Der Winzerkönig» mit Harald Krassnitzer ersonnen hat. Stets beteiligt sich die Region Burgenland an den Produktionskosten, ohne dass man dies in Österreich oder bei der ARD als Schleichwerbung im Fernsehen ansehen würde.    

«Die Inhalte der Serie werden abgestimmt», sagt der PR-Chef von «Wein Burgenland», Christian Zechmeister. «Natürlich bauen wir auch das Haydn-Jahr in den Winzerkönig ein.» Zum 200. Todestag des Komponisten Joseph Haydn kommt so auch das Schloss Esterházy in Eisenstadt ins Bild, das aber mehr als Haydns Wirkungsstätte als für die Qualität seiner Weine berühmt ist.    

An den Häusern in Rust mit ihren vielen Storchennestern finden die Touristen kleine Schilder, auf denen nicht etwa die Namen von hier geborenen Berühmtheiten stehen, sondern der Hinweis: «Original-Drehort der TV-Serie "Der Winzerkönig".»    

Sei's drum: Irgendwie schauen hier viele wie kleine oder große Winzerkönige aus, wenn sie begeistert von ihren Rotweinen sprechen. In Gols am Nordostufer des Neusiedler Sees kann man die «Pannobile»-Cuvées einer Gruppe von neun jungen Winzern probieren, die ihre Nobel-Weine nach dem Namen der alten römischen Region Pannonien tauften. Neben Paul Achs und Gernot Heinrich gehört Judith Beck zu diesem Kreis, eine der jungen und qualitätsbesessenen Winzerinnen des Burgenlandes.    

Auch Birgit Braunstein in Purbach ist ein Winzerinnen-Star. Beim Abendessen, zu Wildschweinsuppe mit Schokolade-Aroma, schwärmt sie vom roten Blaufränkischen: «Unsere autochtone Antwort auf Burgund», sagt sie. Braunstein keltert Bio-Weine, schreibt es aber nicht aufs Etikett. Das Bio-Image ist ihr zu schlecht. «Bio bedeutet harte Arbeit, biologisch ist nicht, wenn es schlampert ausschaut.»    

Den eigenen, besonderen Stil pflegt mit Erfolg auch Winzer Albert Gesellmann weiter im Süden in Deutschkreutz: «Die Globetrotter wachsen überall», sagt er. In der Vinothek des Ortes, zu deren schickem Design so mancher Euro aus EU-Fördermitteln beitrug, gibt es die Weine des Mittelburgenlandes und des Südens zu kosten. Was der Kenner an Gerbstoffen schmecken soll, sagen die Schildchen an den Regalen: «Feinkörnige Tannine, engmaschiges Gerbstoffnetz, zart jugendliche Tanninreflexe, kompakte Tanninstruktur, samtig ausgewogenen Tannine, geschliffene Tannine oder ein ausbalanciertes Tanninkleid.» Wer solchen Nuancen nicht folgen kann, mag sich lieber an «trinkanimierend» halten oder an: «sehr schöner Trinkfluss».    

Weiter im Norden werden für den eigenen Burgenland-Stil am Leithagebirge neue Rebenhänge in bis zu 100 Meter Höhe gepflanzt. Von hier, wo ein feiner Grüner Veltiner gedeiht, kann man bis zur slowakischen Hauptstadt Bratislava schauen, wenn der Dunst über dem See sich lichtet.    

Unten am Wasser leben Natur und Weinbau nicht immer harmonisch zusammen. Hier grasen weiße Esel und Wasserbüffel, man züchtet die wolligen Mangaliza-Schweine und kennt 320 Vogelarten, die den Winzern aber oft zur Plage werden. Im Kernland des Ruster Ausbruch, des berühmten Süßweins der Region, schützen Netze jede Rebenreihe vor den hungrigen Staren.    

Ein kleines Sportflugzeug kurvt in waghalsigem Tiefflug dicht über die Reben, um die Vogelschwärme zu vertreiben. «Alle paar Jahre stürzt einer ab», sagt Winzer Franz Heiss. Er würde lieber mit Schrot auf die Vögel schießen. «Die Schreie der verletzten schrecken am besten ab.» Aber das ist natürlich verboten.    

Hier gedeiht die Edelfäule Botrytis laut Weinetikett «auf den Flügeln der Morgenröte». Auch die Stimmungslage der Winzerkönige ist rosiger Optimismus. Renommier-Winzer Roland Velich schwärmt in Apleton am Ostufer des Sees von der burgenländischen Identität und ihrer Vielfalt: «Unser Stärke sind die Rahmenbedingungen, die das alles zulassen - im Umkreis von 35 Kilometern Rot, Weiß und Süß von Weltklasse.»

Velich hat mit seinen fast überkonzentrieren weißen Chardonnays schon manchen internationalen Wettbewerb gewonnen. Sein Traum heißt «3 B»: «Dass man Bordeaux, Burgund und Burgenland einmal in einem Atemzug nennt.» (Christian Volbracht/dpa) www.weinburgenland.at

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Zum Artikel: Burgenland - Dem Paradies ganz nah im Gault Millau Magazin

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