Reise
17. August 2009

Center Parcs fördert Tourismus im Allgäu

Seit der Veröffentlichung der Pläne des niederländischen Ferienanbieters Center Parcs zum Bau einer Urlaubsanlage mit 800 Bungalows für 280 Millionen Euro herrscht in Leutkirch im Allgäu Euphorie

«Für uns ist dieses Projekt eine unglaubliche Entwicklungschance», sagt Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle. Er hatte den Coup in aller Stille eingefädelt. «Am 30. Dezember letzten Jahres habe ich unsere Bewerbung eingereicht», erzählt der 45-Jährige, wohl wissend, dass Center Parcs zu dieser Zeit schon ein Jahr mit der mittelfränkischen Gemeinde Dennenlohe (Kreis Ansbach) über die Ansiedlung des Feriendorfs verhandelte.

Er wusste aber auch um den Widerstand der Naturschützer im Kreis Ansbach gegen das Vorhaben. Die Anlage hätte gleich mehrere Naturschutzgebiete beeinträchtigt. In der letzen Juliwoche kam dann die Mitteilung aus der französischen Konzernzentrale der Pierre & Vacances Gruppe, zu der Center Parcs gehört: «Das Projekt bei Dennenlohe ist abgeblasen, wir kommen nach Leutkirch.»

Binnen fünf Tagen rief Henle seinen Gemeinderat zusammen und ließ einen Bürgerentscheid für den 27. September ansetzen - dem Tag der Bundestagswahl. Das Bürgervotum wird notwendig, weil auf das Areal derzeit noch ein anderer Investor Zugriff hat: Der Holzkonzern Klenk aus Oberrot (Kreis Schwäbisch Hall) wollte für 80 Millionen Euro eine neue Großsägerei errichten, hat wegen der Wirtschaftskrise nun aber kalte Füße bekommen und das Projekt auf Eis gelegt.

Die Ansiedlung der Sägerei auf dem Gelände des ehemaligen Munitionsdepots Urlau südlich von Leutkirch war zwar vor eineinhalb Jahren per Bürgerentscheid gegen heftige Widerstände durchgesetzt worden, doch so recht wollte sich die Bevölkerung damit nicht anfreunden. Daher rührt die fast überbordende Freude über den Kurswechsel, der auch in den Nachbarorten Isny und Wangen (beide Kreis Ravensburg) für touristische Aufbruchstimmung sorgt.

Das Konzept der Center Parcs, von denen es in Deutschland bisher vier - zwei in Norddeutschland und je einen in Nordrhein-Westfalen sowie in Rheinland-Pfalz - gibt, sieht so aus: In der Natur sind Ferienhäuser unterschiedlicher Größe angelegt. Im Zentrum befinden sich ein subtropisches Erlebnisbad, Einkaufs- und Restaurantmeile sowie künstliche Seen und Sportanlagen. Die Gäste sollen das ganze Jahr über Freizeitaktivitäten betreiben können.

Auf dem 184 Hektar großen Gelände des Munitionsdepots sollen 800 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. «Wie gemacht für uns», sei das Areal, freut sich Center-Parcs-Direktor Jan Janssen. Die Verkehrserschließung sei ideal, die Skigebiete im Allgäu lägen vor der Haustür, der Bodensee in der Nähe ebenso der Autobahnanschluss und der Flughafen Memmingen (Bayern). Janssen rechnet mit einer Million Übernachtungen pro Jahr. 60 Prozent der Gäste seien bei Center Parcs Familien, die Verweildauer betrage durchschnittlich vier Tage.

Wenn alles glatt geht, soll «Center Parcs Allgäu» im Frühjahr 2013 öffnen. Ehe die Baumaschinen anrollen können, bedarf das Areal allerdings der Sanierung. Es muss auf Reste von Kampfstoffen untersucht werden, 150 Munitionsbunker müssen abgerissen werden, außerdem liegen noch Trümmer gesprengter Wehrmachtsbunker auf dem Gelände.

Das 2007 aufgelöste Depot hat eine dramatische Geschichte. Die 1939 von den Nazis auf zuvor enteigneten Waldparzellen errichteten Bunker enthielten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs rund 10 000 Tonnen Giftgasgranaten. In den letzten Kriegstagen sollte das Depot gesprengt werden. Das verhinderte allerdings der letzte Lagerkommandant Major Günther Zöller. Er übergab das Depot stattdessen in intaktem Zustand den anrückenden Franzosen. Eine Explosion der Giftgasmunition hätte das Allgäu für Jahrzehnte unbewohnbar gemacht. Erst vor wenigen Monaten wurde dem mutigen Offizier ein Denkmal gesetzt. (Lorenz Marquardt, dpa)