Wein
22. Oktober 2010

Château dYquem gegen Kiedricher Gräfenberg von Weil

Frankreichs berühmtester Süßwein im Wettstreit mit edelsüßen deutschen Trockenbeerenauslesen: 21 Jahrgänge Yquem gegen 21 Jahre Kiedricher Gräfenberg des Weingutes Robert Weil

Nach den Roten nun die Weißen. Vor mehr als einem Jahr haben sich alte deutsche Rotweine vom «Assmannshäuser Höllenberg» ebenbürtig im Vergleichstest mit edlen Tropfen aus Burgund gezeigt. Nun begeisterten edelsüße Trockenbeerenauslesen aus dem Rheingau ausgerechnet den Chef des «Château d'Yquem», des berühmtesten Süßwein-Produzenten der Welt.

Für Franzosen ist eigentlich undenkbar, dass irgendein Süßwein an den des Jahrhunderte alten «Château d'Yquem» aus dem Sauternes-Gebiet bei Bordeaux heranreichen könnte. Dabei waren deutsche Süßweine aus dem Rheingau mal die teuersten der Welt, bevor Ansehen und Nachfrage in den Kriegen zwischen beiden Ländern zerstört wurden.

Aber nun sind die Rieslinge wieder im Kommen, und Pierre Lurton, der das Weingut seit sechs Jahren leitet, stellte sich auf Initiative des Weinmagazins «Fine» in Wiesbaden dem Vergleich: 21 Jahrgänge «Yquem» gegen 21 Jahre «Kiedricher Gräfenberg» des Weingutes Robert Weil. Beides sind Trockenbeerenauslesen (TBA), also vom Edelfäule- Pilz Botrytis befallene und dadurch stark konzentrierte Weine.

Noch nie hatte Lurton so viele alte Weine des eigenen Gutes im Vergleich gekostet. Noch nie auch hatte Weinmacher Wilhelm Weil 21 TBA eines Gutes nebeneinander probiert. Er ist ohnehin der erste deutsche Winzer, dem es gelang, 21 Jahre lang ohne Unterbrechung Trockenbeerenauslesen zu erzeugen, von 1989 bis 2009. «Deutsche Weine sind die Gewinner der globalen Erwärmung», sagt Weil. «Früher gab es bei uns in zehn Jahren nur einen Jahrgang mit optimaler Reife, heute in zehn Jahren nur einen schwachen Jahrgang», sagt Weil.

Das «Château d'Yquem» stellt vor allem Süßwein her, 130 000 Flaschen pro Jahr, das Weingut Weil vor allem trockene Weißweine und nur 700 bis 800 Flaschen Trockenbeerenauslese. Vom Typ her sind die Weine völlig unterschiedlich, eigentlich unvergleichlich. «Die Süße des "Yquem wird durch relativ hohe Alkoholgrade von 13 Prozent und die Tannine aus dem Holzfass ausbalanciert», erklärt Weil. «Wir haben dagegen wenig Alkohol um die acht Prozent, aber für die Langlebigkeit viel mehr Säure.»

«Yquem»-Weine von 2009 bis 1937 präsentierte Lurton Händlern, Weinliebhabern und Fachjournalisten: Zuerst goldgelbe, dann tiefer honig- und bernsteinfarbene Weine mit immer komplexer werdenden Aromen. Der Franzosen wusste, warum er überwiegend ältere Weine mitgebracht hatte: Sauternes-Weine entwickeln ihre Aromafülle erst mit der Zeit. 10 bis 20 Jahre muss man warten, bis die volle Reife erreicht ist. Bei den deutschen Weinen ist die aromatische Fülle schon bei jungen Weinen vorhanden. Sie kosten auch gleich mehr als 500 Euro pro Flasche; die jungen «Yquems» etwa 100 bis 200.

Der Franzose war tief beeindruckt: «Was mich überrascht, ist die aromatische Kraft dieser Weine. Ich finde starke Muskat-Aromen, Aprikose, Orangenkonfitüre, ein tolles Feigenaroma. Dieser extreme Reichtum ist fast zu stark - nur die Frische dieser Weine erlaubt es, die Vielfalt zu ertragen.»

Für «Yquem»-Weine notierte ein Verkoster dagegen «Langeweile auf höchstem Niveau» - Yquem zeigt Jahr für Jahr ein präzises Geschmacksprofil, sowohl in der Jugend, als auch im Alter. Winzer Weil drückte es salomonischer aus: Als Unternehmer sei Lurton durch die gleichbleibende hohe Qualität gesegnet. «Aber als Kellermeister könnte er schon eifersichtig sein.» Das hörte Monsieur Lurton nicht mehr. Er hatte die Probe schon wieder verlassen, um zurück zur Ernte nach Bordeaux zu eilen. Vorher versprach er, den Kontakt fortzusetzen, weil man sicher viel voneinander lernen könne.

Grundsätzlicher sah es Winzer Roman Niewodniczanski, der auf dem Weingut Van Volxem dem Saar-Riesling zu neuem Ansehen verhilft: Er freue sich, dass Deutsche und Franzosen Weine wieder «auf Augenhöhe» probieren könnten. «Denn eigentlich muss man noch 100 Jahre unserer Geschichte abarbeiten, damit die Franzosen unsere Weine wieder so interessiert probieren wie wir die ihren.» (Christian Volbracht, dpa)