Coolcation wird ReisetrendChance für den kühlen Norden

Von Lennart Stock und Britta Körber

Während im Mittelmeerraum Menschen bei weit über 30 Grad schwitzen, zeigte sich der norddeutsche Sommer zuletzt eher kühl und wechselhaft. Doch angesichts drückender Hitze im Mittelmeer sehen manche Touristiker hierzulande genau darin eine Chance - auch in Niedersachsen. Die Tourismus-Agentur Nordsee (Tano) ließ etwa während der Hitzewelle in Deutschland Anfang Juli erstmals in den Städten Freiburg, Karlsruhe und Köln Werbung auf großen Anzeigenflächen für eine Abkühlung bei einer «Sommerbrise an der Nordsee» schalten. 

«Das, was früher mal vor Jahrzehnten das Mittelmeer war, das können wir jetzt sein», sagt Mario Schiefelbein, Geschäftsführer der Marketingorganisation für die niedersächsische Nordseeküste zwischen Ems und Elbe, mit Blick auf das Sommerklima am Meer. Bei einem lauen Wind an der Küste würden viele die Hitze besser vertragen. «Das ist für uns ein Riesenvorteil. Ich glaube, wir können Menschen dazu bringen, mal den Urlaub Richtung Nordsee zu planen statt ans Mittelmeer», sagt Schiefelbein. 

Erholung und Naturerleben ohne Hitzerisiko: In der Tourismusbranche gibt es für dieses Reiseverhalten schon länger den Begriff «Coolcation» - eine Wortschöpfung aus den englischen Begriffen «cool» (kühl) und «vacation» (Reisen), also frei übersetzt: kühles Reisen.

Vor allem in Skandinavien, wo Sommer vergleichsweise kühler ausfallen als in Südeuropa, wird mit «Coolcation» schon geworben. «Wir sind die südlichste Zone für "Coolcation"», sagt Tourismusmanager Schiefelbein mit Blick auf die niedersächsische Nordseeküste, an der im vergangenen Jahr der Statistik zufolge mehr als 15 Millionen Übernachtungen verbucht wurden. Aber kann womöglich das ganze Reiseland Niedersachsen von «Coolcation» profitieren? 

Niedersachsens Tourismusverband sieht Potenzial

Wenn es nach dem Vorsitzenden des Tourismusverbandes Niedersachsen (TVN), Holger Heymann, geht, sollte Niedersachsen künftig stärker mit «Coolcation» werben. «Das könnte eine Marketingstrategie für Niedersachsen sein», sagt Heymann, der auch Landrat im ostfriesischen Wittmund ist. Der Klimawandel müsse ernst genommen werden. Klimaveränderungen der vergangenen Jahre wirkten sich schon jetzt auf das Reiseverhalten aus. 

«Wenn wir in den kommenden Jahrzehnten in den Sommermonaten etwa in Ägypten oder in der Türkei Temperaturen von bis zu 50 Grad erreichen, weiß ich nicht, ob da Familien etwa mit kleinen Kindern noch für den Urlaub hinreisen», sagt Heymann. «Wir haben als Reiseland in Niedersachsen beste Voraussetzungen, diese Klientel für uns zu gewinnen. Auch dafür brauchen wir eine neue Tourismusstrategie.» 

Noch kein flächendeckender Trend

Beim Tourismusmarketing Niedersachsen (TMN) wird das Reisen in kühlere Regionen auch verfolgt - einen flächendeckenden Trend kann die Organisation aber bislang nicht ausmachen. «Grundsätzlich sehen wir Potenzial für das Thema «Coolcation», sagt Geschäftsführerin Meike Zumbrock. 

Die TMN-Chefin weist zugleich aber auf eine aktuelle Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen hin. Demnach gebe es noch keine signifikanten Hinweise auf einen echten Reisetrend oder spürbare Verschiebungen von wärmeren Regionen. «Ob und wann ein solcher Punkt erreicht wird, lässt sich heute nicht prognostizieren», sagt Zumbrock. 

Eine ähnliche Einschätzung gab zuletzt auch Deutschlands größter Reiseveranstalter Tui ab. «Coolcation» sei «eher ein Nischentrend als ein Wandel im Reiseverhalten der Mehrheit», sagte ein Konzernsprecher im Mai. Auch wenn die Nachfrage nach nördlichen Reisezielen kontinuierlich wachse, bleibe das Mittelmeer das Top-Reiseziel für den Sommer.

Was die Klimamodelle sagen

Doch auch in Niedersachsen werden sich die Sommer infolge des Klimawandels verändern. Mittel- und langfristige Berechnungen dazu liefert das Niedersächsische Kompetenzzentrum Klimawandel (Niko). Da sich ganz Deutschland durch die Klimaveränderung erwärme, werde sich auch Norddeutschland erwärmen, heißt es auf Anfrage. Allerdings sei es an der Küste durch den Meereseinfluss etwas kühler. «In der Regel ist es dort windiger und dadurch ist die gefühlte Temperatur niedriger.» 

Klimamodelle zeigen nach Niko-Angaben, absehbar wird es auch an der niedersächsischen Küste mehr heiße und warme Tage geben, die vor allem bei hoher Luftfeuchtigkeit von vielen Menschen als belastend empfunden werden. Denn durch den Temperaturanstieg steigt auch die Verdunstung - mehr Wasserdampf kann in der wärmeren Atmosphäre aufgenommen werden. 

Das Ergebnis sind laut Kompetenzzentrum mehr schwüle Tage in der maritimen Klimaregion Niedersachsens. Dieses geografische Gebiet umfasst einen Streifen entlang der Küste vom nördlichen Emsland bis nach Stade. 

Wo Niedersachsen «cool» ist

Das Tourismusmarketing Niedersachsen weist dennoch auch auf das grundsätzliche Potenzial für kühleres Reisen hin: Neben der Nordseeküste gebe es in Niedersachsen mit ausgedehnten Moor- und Waldgebieten sowie mit den Höhenlagen im Harz eine ganze Reihe «natürlicher Kühlelemente», die an heißen Sommertagen klare Alleinstellungsmerkmale bieten würden, heißt es. 

Was an der Nordsee die erfrischende Meeresbrise biete, könnten in Moor und Heide etwa Kneipp-Kuren mit kaltem Wasser oder die salzhaltige Luft von Gradierwerken sein. Im Harz würden schon heute im Sommer Führungen unter Tage für Abkühlung sorgen, etwa in Tropfsteinhöhlen. Und auch Waldspaziergänge in Höhenlagen böten sich an. Oberhalb von 600 Metern sei die Temperatur im Sommer bis zu fünf Grad kühler, teilen die Touristiker mit. 

Werbung in südlichen Ländern

So sieht auch Ulrich von dem Bruch, Geschäftsführer der Lüneburger Heide GmbH, eine große Chance für mehr Urlauber aus südlichen Ländern: «Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich die Menschen in den Norden bewegen.» Die Region werde demnächst in Südspanien anfangen, für sich zu werben. 

Während derzeit noch 90 Prozent der ausländischen Touristen aus den Niederlanden und Dänemark kämen, denke man nun auch an Spanien, Italien und die Türkei. Jede Kultur sei anders, begleitet von Marktforschung wolle man auf Social Media die Menschen ansprechen. 

An der Nordseeküste warten die Touristiker unterdessen, wie ihre Werbekampagne rund um die «Sommerbrise» anläuft. Dort ist man vom Reisetrend «Coolcation» überzeugt. «Das wird auch nicht wieder weggehen», sagt Tano-Chef Schiefelbein. «Wir werden den Klimawandel weiter spüren und wir müssen schauen, dass wir darauf reagieren.» dpa