Restaurants
26. März 2010

Daniel Spoerri kocht

Daniel Spoerri und Eat Art - der rumänisch- schweizerische Künstler verwandelt Mahlzeiten und Restaurants in Kunstwerke

Er fixiert die Überreste eines Essens - mit Tischdecke, Speiseresten, schmutzigem Geschirr, Gläsern und Besteck - mit Klebstoff, bevor die ganze Tischplatte als Wandbild aufgehängt wird. Dafür bekam er vor zwei Jahren den Eckart-Witzigmann-Preis der Deutschen Akademie für Kulinaristik. Doch er «kocht» weiter. Spoerri, der in der Toskana lebt, wird am Samstag, den 27. März, 80 Jahre alt.

Sein jüngstes Projekt mit Restaurant und Ausstellungshaus hat er im niederösterreichischen Marktflecken Hadersdorf am Kamp realisiert. «Eat Art & Ab Art» heißt das Projekt, mit dem Daniel Spoerri seit Mitte 2009 einmal mehr seine ungestüme Lebensfreude inszeniert: seine ungebrochene Lust, die bildende Kunst mit den Freuden des Kochens und des Essens zu verbinden.    

Der Künstler wird 1930 als Daniel Isaac Feinstein in Galati/Rumänien geboren und muss nach dem Tod seines Vaters in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager 1942 mit der Mutter in die Schweiz fliehen. Dort adoptiert ihn sein Onkel, dessen Namen er annimmt. Nach mehreren Gelegenheitsjobs studiert der junge Spoerri zunächst Tanz an der Zürcher Oper und anschließend Schauspiel in Paris. In der französischen Hauptstadt trifft er erstmals mit Gleichgesinnten wie den Objektkünstler und Kinetiker Jean Tinguely oder den französischen Maler und Theoretiker Yves Klein zusammen, die sein Interesse für die bildende Kunst wecken. Ende der 50er Jahre entwickelt Spoerri seine eigene Objektkunst.    

Berühmt wird er mit seinen Fallenbildern, auf denen er versucht, wie in einer «Falle» ein Stück Alltagswirklichkeit einzufangen. «Topographien des Zufalls» nannte er diese Werke später einmal: Zufällig vorgefundene Anordnungen von Alltagsgegenständen (Geschirr, Gläser, Zigaretten) werden auf einer Platte fixiert und als Tafelbild an die Wand gehängt. «Die Verherrlichung des Zufalls», schwärmte ein Kritiker. Bereits 1960 wurde Spoerris Fallenbild «Das Frühstück des Kichka I» im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt.     

Kunst und Essen: Bei Spoerri ist diese Verbindung Programm, gilt er doch als Begründer der Eat Art, jener Kunstrichtung, welche als einzige im wahrsten Sinn durch den Magen geht. Als Künstlerkoch eröffnete Spoerri Ende der 60er Jahre in Düsseldorf sein erstes Restaurant und servierte ungewöhnliche Speisen wie Elefantenrüssel, Ameisen, Tigerfilet.    

1970 folgte die Eat-Art-Gallery - ebenfalls in Düsseldorf-, wo Spoerri Bankette, Happenings organisierte. Einen Namen machte sich der Künstler schon Anfang der 60er Jahre, als er mit Tinguely, Christo, Niki de Saint Phalle und anderen die Bewegung Nouveaux Réalistes ins Leben rief, die sich einer neuen Annäherung der Wahrnehmungsfähigkeit an das Reale verschrieben hatte. Doch bei Spoerri ist die Vielfältigkeit das Programm. Dazu gehören Tanz, Film, Theater und die konkrete und visuelle Poesie ebenso wie seine verlegerische Arbeit: Ende der 1950er Jahre gründete er in Paris die Edition MAT (multiplication d'art transformable) und vertrieb zum Einheitspreis von nur 200 Francs vervielfältigte Werke von Man Ray oder Marcel Duchamp.

Spoerri betätigte sich aber auch als Lehrer und Museumsgründer. Ende der 1970er Jahre sammelte er in Köln zusammen mit Studierenden der Fachhochschule für Kunst und Design Objekte und Relikte der Stadtgeschichte und realisierte damit das «Musée sentimental». Und zwanzig Jahre später schenkte er sein Archiv der Schweizerischen Landesbibliothek (heute Nationalbibliothek) und legte in Seggiano in der Toskana den Grundstein für seinen eigenen Skulpturengarten, «Il Giardino di Daniel Spoerri».

Was er nun tut? «Ich habe mit dem Garten genug zu tun», meinte er einmal. «Es wäre mir egal, auf der Stelle zu sterben. Nur lange leiden will ich nicht.» Ohnehin habe er «genug Bleibendes hinterlassen». (Heinz-Peter Dietrich und Carola Frentzen, dpa)