WEIN
24. Juli 2009

Das erwarten die Winzer vom Jahrgang 2009

Umfrage bei den Winzern - Saale und Unstrut: starke Einbußen - Franken: ein Bocksbeutel pro Quadratmeter - Hessen: gute Ernte - Rheinland-Pfalz: zufriedene Mienen - neu: Baden und Württemberg

Saale-Unstrut:

«Wir werden bei uns nur 60 bis 70 Prozent von dem ernten, was wir sonst im Durchschnitt haben», sagte der Kellermeister des Thüringer Weinguts Bad Sulza, Wolfram Proppe. Bei einzelnen Rebsorten und Lagen im Weinbaugebiet sei sogar mit Einbußen von bis zu 50 Prozent zu rechnen.

Schuld sind die Wetterkapriolen. Nachdem im frostigen Winter viele Hauptaugen am Trieb erfroren sind, hat der kühle und verregnete Juni auch noch der Blüte zugesetzt. Das nun feuchtwarme Wetter bietet zudem Nährboden für Pilzinfektionen.

«Die Reben sind arg gebeutelt», konstatierte Proppe. Zwar hätten im Frühjahr viele Stöcke aus den Beiaugen ausgetrieben, doch seien diese Zweige bei vielen Sorten weniger fruchtbar. Die Blüte im Juni habe an Saale und Unstrut drei bis fünf Wochen gedauert; normalerweise sei die Hauptblüte nach etwa einer Woche abgeschlossen, erklärte der Experte.

Dadurch seien die Trauben unterschiedlich entwickelt. «Es wird wohl in diesem Jahr eine sehr gestaffelte Lese geben», sagte Prppe. «Für das bisschen, was da hängt, müssen wir auch noch zwei bis dreimal in den Weinberg gehen.» Besonders stark seien in der Region die Sorten Portugieser und Müller-Thurgau betroffen.

Doch bis zur Ernte, die etwa Mitte September beginnt, kann sich das Blatt noch wenden. «Viel Sonnenschein und ein goldener Herbst kann noch einiges herumreißen», sagte Proppe. Zum jetzigen Stand rechnet er mit hohen Qualitäten: «Wir werden vieles im Bereich Spätlese und Auslese haben.» Allerdings verdienten die Winzer an Saale und Unstrut ihr Geld nicht nur mit Spitzenweinen. «Unsere Kunden erwarten nicht nur dichte, schwere Weine, sondern auch frische, fruchtige.»

Rheinland-Pfalz:

Der feuchtwarme Sommer sorgt bei den Winzern in Rheinland-Pfalz bislang für durchweg zufriedene Mienen. «Aus unserer Sicht sieht es gut bis sehr gut aus», sagte der Direktor der Weinbaudomäne Oppenheim, Otto Schätzel. «Die Reben hatten genügend Wasser und hohe Temperaturen. Sie fühlen sich dementsprechend wohl.» Sogar in besonders steilen Lagen der rheinland-pfälzischen Flusstäler hätten die Pflanzen genügend Feuchtigkeit zur Verfügung. Solche Weinberge litten in anderen Sommern häufiger unter Trockenheit. «Bei mittleren bis guten Ertragserwartungen blicken die Winzer der Lese optimistisch entgegen», sagte Schätzel.

Mit der hohen Luftfeuchtigkeit steige allerdings die Gefahr von Pilzinfektionen bei den Trauben. «Der Pilzdruck ist dann besonders hoch, es droht etwa ein Befall mit falschem Mehltau», erklärte der Experte. Dies sei allerdings kein Problem, wenn die Weingüter die Pflanzenschutztermine einhielten. «Profibetriebe haben dies im Griff, Nebenerwerbswinzer könnten Schwierigkeiten bekommen», sagte Schätzel. Dabei gehe es keineswegs darum, mehr Spritzmittel einzusetzen. «Es gilt nicht "viel hilft viel", sondern es zählt der richtige Zeitpunkt und die richtige Anwendung.» Der Winzer müsse beispielsweise die Spritzdüsen so einstellen, dass das Mittel an die entscheidende Stelle gelange. Außerdem müsse er mit der richtigen Geschwindigkeit durch die Rebzeilen fahren.

Von größeren Unwetter- und Hagelschäden seien die sechs Anbaugebiete in Rheinland-Pfalz bislang verschont geblieben - mit kleineren Ausnahmen in der Pfalz. Dort wurde bei einem Gewitter ein kompletter Weinberg verwüstet. An einigen Steillagen droht jedoch Erosion, wenn die aufgeweichten Böden ins Rutschen kommen. Dort solle der Weinberg lieber nicht «top-gepflegt» aussehen, da der Bodenbewuchs zwischen den Reben die Erde festhalte, sagte Schätzel.

Die Lese könnte nach seiner Einschätzung für die ganz frühen Sorten bereits Anfang bis Mitte September starten. Wegen der frühen Blüte hätten die Reben, an denen bereits erbsengroße Beeren hängen, einen Vegetationsvorsprung im Vergleich zu einem Durchschnittsjahr von rund zwei Wochen. «Ab September sollte es dann möglichst trockenes Wetter geben», wünschte sich Schätzel. «Der größte Feind des Winzers ist Wasser während der Lese, denn dann droht Pilzbefall.»

Hessen:

Hessens Winzer rechnen trotz des wechselhaften Wetters mit einer reichhaltigen Ernte. «Momentan sieht es ganz gut aus», sagte der Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbands, Harald Sperling, in Eltville am Rhein. Auch in Südhessen gedeihen die Trauben den Angaben zufolge ordentlich. «Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden», erklärte der Geschäftsführer der Bergsträßer Winzer eG in Heppenheim, Otto Guthier. Der Zustand der Reben sei «gut bis sehr gut».

Nur hier und da bestehe aufgrund des feuchtwarmen Wetters und der reichhaltigen Niederschläge die Gefahr von Pilzkrankheiten. Wegen des guten Wachstums habe man bislang einen Vorsprung von 14 Tagen in dieser Saison, sagte Guthier. In der zweiten September-Woche könne wohl mit der Vorlese begonnen werden. Ende September könne dann die Hauptlese folgen.

In diesem Zeitraum wollen die Winzer auch im Rheingau ernten. «Doch die Menge könnte in diesem Jahr vielleicht etwas geringer ausfallen», sagte Sperling. Im Durchschnitt werden um die 250 000 Hektoliter erreicht. Das Problem für die Winzer: Die Wetter-Extreme nehmen zu. Nach dem kühlen Frühling kam viel Regen und nun hängen die Beeren nicht so dicht gedrängt an den Reben. Vorteil: Deshalb entstehen weniger Fäulnisnester. Für den restlichen Sommer wünschen sich die Winzer konstanteres Wetter.

Franken:

In Frankens Weinbergen hat der Endspurt begonnen. Die Voraussetzungen seien im Moment hervorragend für einen guten Jahrgang, sagte der Geschäftsführer des Weinbaurings Franken, Artur Baumann. «Wir bräuchten im August und September, der Reifezeit, eher trockenes Wetter mit Temperaturen um 20 bis 25 Grad. Denn wenn es zu heiß ist, dann leiden die Reben.» Baumann rechnet wie in den zurückliegenden Jahren mit einer überdurchschnittlichen Ernte, sprich etwa einem Bocksbeutel pro Quadratmeter. Insgesamt wird in Franken auf 6300 Hektar Wein angebaut. Der Weinbauring ist die Selbsthilfeorganisation der fränkischen Winzer.

Heuer entwickelten sich die Trauben ähnlich gut wie im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre, erläuterte Baumann. «Wir rechnen nächste Woche mit dem Reifebeginn der Frühsorten.» Mittlerweile gebe es bereits die ersten weichen Beeren. «Frühe Rotweinsorten beginnen mit dem Farbumschlag, werden also blau.»

Bisher habe die Witterung die Weinbauern vor Herausforderungen gestellt. «Wasser haben wir genug gekriegt», sagte Baumann insbesondere angesichts enormer Niederschläge im Juli. «Es war bisher relativ schwierig aufgrund der Witterung, um die Pflanzen gegen die Pilzkrankheiten zu schützen.» Im Frühjahr habe es bereits sogenannte Verrieselungsschäden gegeben. Dadurch sei nur eine Teil der Beeren befruchtet worden, der Rest heruntergefallen. Dies werde vor allem bei Sorten wie Silvaner oder Burgunder zu sehr lockeren Trauben und wahrscheinlich auch einer Ertragsminderung führen.

Wann die ersten Winzer zur Lese rufen werden, stehe noch nicht fest. «Es ist schwer zu sagen, denn die endgültige Reife hängt von der Witterung im August und dann vor allen Dingen der im September ab», erklärte Baumann. «Aber im Moment sieht alles nach dem 20. bis spätestens 25. September aus.» Der offizielle Lesebeginn des Fränkischen Weinbauverbands wird voraussichtlich am 15. September in Iphofen (Landkreis Kitzingen) sein.

Baden und Württemberg

Trotz des Dauerregens in den vergangenen Wochen rechnen Experten mit einem guten bis sehr guten Weinjahrgang 2009 in Baden-Württemberg. Der Regen sei für die Rebstöcke in der jetzigen Wachstumsphase wesentlich besser als Trockenheit, erklärten die Weinfachleute in einer dpa-Umfrage. Der Vegetationsvorsprung wird landesweit mit acht bis zwölf Tagen eingeschätzt. «Entscheidend für die Qualität wird aber die Witterung im September und Oktober sein», sagte Lothar Neumann, Weinbauberater im Landratsamt Heilbronn. Das nasse Wetter fordere jedoch mehr Aufwand beim Pflanzenschutz, gerade gegen die Pilzkrankheit Peronospera, den falschen Mehltau. «Wegen der Feuchtigkeit musste der Spritzrhythmus verkürzt werden: Normalerweise haben wir sieben Behandlungen, in diesem Jahr sind es etwas mehr», berichtete Neumann.

«Reben brauchen Wasser. Deshalb wäre ein trockener Sommer für uns viel schlechter», urteilte Gert Aldinger, Vorsitzender der Prädikatsweingüter in Württemberg. Aus feuchtem Boden könnten die Reben mehr Mineralien aufnehmen, was zu hohen Extraktwerten führe, erläuterte der Fellbacher Weingärtner. «Regen bis zu 100 Liter pro Quadratmeter liegt noch im Normalbereich», sagte Aldinger, der von «sattgrünen Reben» im Remstal und in Stuttgart berichtet. Eine Prognose wagt der Fellbacher zwar nicht, doch bis zu einem absoluten Top-Jahrgang «sei noch alles drin». Die Pilzkrankheit macht nach Ansicht von Aldinger nur jenen Winzern zu schaffen, die bei der Laubarbeit «geschludert» hätten.

Ulrich Maile, Chef der Lauffener Weingärtner, erzählt von «kerngesunden Trauben». Die kühle Witterung habe die Entwicklung zwar etwas gebremst, der Regen sei aber gerade für die Rebstöcke in Steillagen wichtig. Von der Menge her werde es keinen Spitzenjahrgang geben. «Die Stöcke hängen nicht so voll», sagte Maile, dessen Genossenschaft im vergangenen Jahr 8,3 Millionen Kilogramm Trauben geerntet hatte.

Joachim Heger, Präsident der Prädikatsweingüter in Baden, geht ebenfalls von geringeren Erträgen aus. «In den Anlagen hängt nicht so viel drin, weil aus Qualitätsgründen viel ausgedünnt wurde.» Da es am Kaiserstuhl nicht übermäßig geregnet habe, habe man auch die Pilzkrankheiten gut im Griff. Der Winzer aus Ihringen sprach von einer «Superentwicklung der Beeren», gegenüber dem langjährigen Schnitt sei man «sieben bis zehn Tage voraus», so dass bereits Mitte September die Lese beginnen könne. «Das Wetter spielt zwar immer mehr verrückt, aber Angst haben wir nur vor Hagel», sagte Heger.

Von Hagel waren die badischen Winzer bisher mehr betroffen als ihre württembergischen Kollegen. Am Bodensee hätten Winzer auf einer Fläche von 400 Hektar fast Totalschaden erlitten, erläuterte Geschäftsführer Peter Wohlfahrt vom Badischen Weinbauverband in Freiburg. Auch im südlichen Markgräflerland sowie in der Ortenau seien Schäden zwischen 20 und 60 Prozent entstanden. Die Badische Bergstraße und der Kaiserstuhl wurden dagegen von Hagel nicht heimgesucht. In Württemberg gab es nach Angaben von Direktor Karl- Heinz Hirsch vom Weinbauverband in Weinsberg (Kreis Heilbronn) im Bereich Horrheim (Kreis Ludwigsburg) Hagel-Verluste. dpa

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