REISE
20. März 2018

Sonoma Valley in Kalifornien Hip und doch bodenständig

Nördlich von San Francisco liegt das Sonoma County. Zwischen Pazifik und idyllischen Weinbergen stoßen Reisende hier auf junge Menschen, die Neues ausprobieren. Und das schmeckt hervorragend.

Von Verena Wolff

Bedächtig und fast schon liebevoll lehnt sich Ashby Marshall mit dem Gesicht an das helle Eichenfass. Sie drückt ihr Ohr gegen das Holz. Und spürt Vibrationen. Denn das Fass, in dem Whiskey ihrer Destillerie Spirit Works in Sebastopol lagert, wird von einem Lautsprecher beschallt - und zwar mit dem "Nussknacker" von Tschaikowski, in der Version des San Francisco Ballet. Die Metropole liegt nur rund 80 Kilometer entfernt im Süden.

Die Schnapsbrennerin und ihr Mann gehen jedes Jahr vor Weihnachten in die Ballettvorstellung. "Das ist Tradition", sagt Marshall. Jeder Mitarbeiter der kleinen Destille durfte die Musik für eines der 16 Fässer aussuchen, die hier seit drei Jahren beschallt werden. "Der Nussknacker" ist Favorit der Chefin.

Wozu diese Beschallung? "Andere Menschen reden mit ihren Blumen. Wir wollen wissen, ob die Musik den Geschmack des Whiskeys beeinflusst", sagt Marshall. Ein Destillat wird üblicherweise aus Roggen gebrannt und in Fässern gelagert. Fünf, acht, zwölf Jahre. So, wie man es in Schottland schon seit Jahrhunderten macht. Klassisch aber ist nichts in Sonoma im Norden Kaliforniens.

In diesem sonnigen Landstrich probieren viele etwas Neues aus. Wein wird schon seit vielen Jahrzehnten in den verschiedenen Regionen des Countys hergestellt, doch in den vergangenen Jahren sind Brenner, Metzger und Käsereien dazugekommen. Und Farm-to-table-Restaurants, in denen die Zutaten für die Küche von den Bauernhöfen in der Umgebung kommen. Davon gibt es eine ganze Menge, direkt am Pazifik und in den sanften grünen Hügeln, die ins Landinnere gehen. Schafe, Ziegen und Rinder zieren die Landschaft, während auf der anderen Seite des berühmten Highway 1 der Pazifik an die zerklüfteten Felsen klatscht.

Über dieses Meer kamen einst die Russen. Vor mehr als 200 Jahren gründeten sie im heutigen Fort Ross ihren südlichsten Stützpunkt in Nordamerika. Von dort aus versorgten sie die Landsleute im Norden mit Lebensmitteln. Und sie jagten und handelten mit Pelzen. Doch Otter und Robben erlegt an dieser Stelle heute niemand mehr. Spaziergänger warten nur geduldig darauf, am Horizont Wasserfontänen zu entdecken, die die vorbeiziehenden Wale ausblasen.

Auch Russen gibt es in der Gegend kaum noch, sehr wohl aber verschiedene Hinweise auf die Geschichte: So ist der Russian River, der in den Pazifik mündet, ein beliebter Fluss für Kajaktouren und Campingausflüge. Sebastopol findet man ebenso auf der Landkarte wie einen Ort namens Moscow.

Eine bewegte Vergangenheit haben viele Orte. Petaluma zum Beispiel, am südlichen Ende des Sonoma Countys, einst "Eierkorb der Welt" genannt. Die örtlichen Historiker geben 1945 als Rekordjahr an: 612 Millionen Eier wurden damals von den Hennen in rund 4000 Farmen gelegt. Die Exporte gingen so weit, wie es zu der damaligen Zeit mit dem fragilen Produkt möglich war. Irgendwann war der Eierboom zu Ende. Noch heute lohnt sich ein Besuch in dem kleinen Örtchen. Die Menschen verschiedener Epochen haben hier hübsche Häuser gebaut, die nie von einem Erdbeben zerstört wurden.

Doch es sind nicht mehr die Farmer, die sich in diesen Tagen in Sonoma ansiedeln. Vor allem Städter aus San Francisco und dem Silicon Valley kommen nach Jahren hektischen Lebens in der Stadt ins County im Norden. Sie wollen in der Natur sein und etwas herstellen, mit ihren eigenen Händen - ein bisschen alternativ und so öko wie möglich. So wie Ashby Marshall mit ihrem Whiskey und Gin.

Ein anderes Beispiel ist Sheana Davis, eine ausgezeichnete Köchin, die Käse in ihrer eigenen Käserei herstellt. Vor zwölf Jahren ist sie so richtig durchgestartet, vor allem mit Weichkäse aus Kuh- und Ziegenmilch. Einen Käseladen mitsamt Café eröffnete sie 2005, zehn Jahre später verkaufte sie ihn wieder. Käse allerdings macht sie immer noch, für Restaurants und Winzer. Außerdem bringt sie Interessierten bei, wie man Käse herstellt - und wie er in Verbindung mit Wein, Cider, Bier oder Hochprozentigem schmeckt. Das ist keine leichte Aufgabe in einem Land, in dem schmackhafter Käse nur schwierig zu bekommen und vergleichsweise teuer ist.

Auch einige Deutsche hat es ins Sonoma County verschlagen, ein Gebiet, das mit rund 4500 Quadratkilometern etwa doppelt so groß ist wie das Saarland. Anne Moller-Racke kam schon vor 30 Jahren aus dem Mittelrheinischen. Zwar hatte sie keine Ausbildung als Winzerin, war aber in der Landwirtschaft versiert. Und heuerte in Buena Vista an, dem ältesten kommerziellen Weingut in Kalifornien. Hier ist man nicht allzu weit entfernt von der Bay, die Luft ist auch im Sommer kühl - ein ideales Anbaugebiet für Pinot Noir und Chardonnay.

"Wenn man über die ersten Berge geht, dann ist das Klima deutlich wärmer, das ist besser für die Bordeaux-Weine und die spanischen Sorten", erklärt Moller-Racke. Durch die vielen Sonnenstunden und das gleichbleibend freundliche Klima produzieren sie hier fruchtige Weine. Aber die Riesenkellereien, die man aus dem benachbarten Napa Valley kennt, gibt es in Sonoma nicht. 5000 Kisten à zwölf Flaschen produziert die Deutsche derzeit im Weingut The Donum Estate. Damit gehört sie zu einem der kleinen Weingüter.

Besonders macht die Donum Estate etwas anderes: "Die Besitzer sind große Kunstliebhaber", erzählt Moller-Racke bei einem Spaziergang zwischen den Reben. Und das ist nicht zu übersehen. Der Bulle, der sich an der Wall Street vor der amerikanischen Börse befindet, steht in kleinerem Format zwischen Blumen und Kräutern in einem Garten. Die Pistole mit dem verknoteten Lauf, die auch vor dem UN-Gebäude steht, ziert den Eingang zum Skulpturengarten.

Ein Höhepunkt sind zwölf Sternzeichen, erschaffen vom weltberühmten chinesischen Künstler Ai Wei Wei. Die riesigen Skulpturen aus Bronze stehen nicht nur an einem Ehrenplatz auf dem Weg in die Weinberge, sie zieren auch die Etiketten der Donum Estate. "Wir zeigen sowohl die Jahreszahlen als auch das Tier, dessen Jahr es nach dem chinesischen Horoskop ist", sagt die Weinexpertin.

Wein ist in Sonoma oft auch ein Business, das mit anderen Geschäften kombiniert wird. Die Bay Area ist eine wohlhabende Region. Einige Start-ups, die jenseits der dortigen Tech-Szene ihre Unternehmen gründen, nehmen durchaus Geld in die Hand.

So wie die zwei Freunde Neil Dipaola und Ryan Miller, die Köpfe hinter dem Autocamp in Guerneville am Russian River. Scheinbar unendlich hoch wachsen hier die für die Region so typischen Redwood-Bäume. Angeordnet in der Form eines Hufeisens stehen 23 Wohnwagen: "Silbergeschosse", wie die legendären Airstream-Trailer auch genannt werden. Dazu zehn geräumige Zelte. Glamping vom Feinsten.

"Die Airstreams wurden genau nach den Wünschen der Gründer gebaut", erzählt General Manager Mark Belhumeur. Er arbeitet seit Jahren in der Hotellerie und hat den Job im Autocamp übernommen, weil ihm das Projekt gefällt. Jeder Trailer hat sogar ein eigenes Bad mit Dusche und eine Küche.

In ihrem Garten können die Gäste an lauschigen Abenden ein Lagerfeuer machen und Marshmallows grillen. Überall auf dem Gelände gibt es schnelles WLAN. Denn die Unternehmer aus der Bay Area wollen zwar zurück zu den Wurzeln und Dinge erschaffen - doch ohne die virtuelle Welt und die sozialen Medien geht das eben doch nicht.
Reiseziel: Sonoma County liegt rund 100 Kilometer nördlich von San Francisco, westlich von Napa Valley. Mehr als 425 Weingüter gibt es dort, dazu viel Landwirtschaft - oft ökologisch. Der Highway 1, die bekannte Küstenstraße, führt am Pazifik entlang. dpa

Anreise: Lufthansa und United fliegen täglich nach San Francisco. Von dort aus kommt man mit einem Mietwagen ins Sonoma County. Erstes
Highlight: die Fahrt über die Golden Gate Bridge, für die man in nördlicher Richtung keinen Brückenzoll zahlen muss.

Klima: Wetter und Temperaturen variieren, je nachdem, ob man direkt am Pazifik oder im Landesinneren ist. Nebel kommt immer wieder vor.
Die Sommer sind meist warm und sonnig, im Winter sinken die Temperaturen nur selten unter den Gefrierpunkt.

Geld: Für einen Euro gibt es 1,23 US-Dollar (Stand: März 2018). Das Bezahlen mit Kreditkarte ist weit verbreitet.

Übernachtung: Große Hotelketten gibt es im Sonoma County nicht. Meist sind es kleine Bed-and-Breakfasts, die Zimmer in idyllischer Umgebung anbieten. Mitunter vermieten auch Weingüter Zimmer. Und es gibt alternative Übernachtungsmöglichkeiten wie das Autocamp oder verschiedene Baumhäuser. Wer mit Zelt oder Wohnmobil unterwegs ist, findet im gesamten County wunderschön gelegene Campgrounds.