09. Januar 2010

Dehoga: Gastgewerbe setzt auf ausländischen Nachwuchs

Sinkende Schülerzahlen und Vorurteile gegen die Branche - das Gastgewerbe will der Entwicklung trotzen und gezielt Jugendliche mit Migrationshintergrund für die Ausbildung gewinnen

«Wir haben in unserem Gewerbe keine Probleme mit Ausländern, sondern nur ohne Ausländer. Wir brauchen Sie sowohl als Gast als auch als Mitarbeiter, denn sie haben ein natürliches Verhältnis zur Dienstleistung», sagte Eva-Maria Rühle vom Landesvorstand des Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) der dpa. Mit 200 000 Euro im Jahr will der Verband nun die Werbetrommel rühren und neben den jungen Menschen auch deren Eltern überzeugen.

Die Zahl der Auszubildenden im Gastgewerbe ist im Jahr 2008 erstmals seit Jahren zurückgegangen auf 10 021. Das sind 2,6 Prozent weniger als 2007. Das seien zwar immer noch fast doppelt so viel wie im Jahr 1995, aber ein Zeichen dafür, dass auch ihre Branche vom demografischen Wandel erfasst sei, erläuterte Rühle. «Es ist erkennbar, wohin die Entwicklung geht.» Auch die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge war um 5,7 Prozent rückläufig und lag 2008 bei 4081.

Der Verband sieht sich bei der Nachwuchsgewinnung in Konkurrenz zum Einzelhandel oder zum dualen Ausbildungssystem schlechthin. Deshalb sollen Vertreter in die Berufsinformationszentren und in die Schulen gehen, um gezielt junge Menschen mit Migrationshintergrund über die Möglichkeiten zu informieren. Die 43 Kreisverbände sind aufgerufen, bei Messen und Ausbildungstagen oder beim Girls Day die Zielgruppe ausländischer Jugendlicher anzusprechen. Das Informationsmaterial - auch im Internet - wird künftig in Italienisch, Türkisch und Spanisch angeboten; zudem werden ergänzende Broschüren für Eltern aufgelegt.

Noch stärker als bisher will sich der DEHOGA auf die Gruppe der Hauptschulabgänger konzentrieren, unter denen viele Jugendliche mit Migrationshintergrund zu finden sind. Bei der zweijährigen Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe hätten auch Jugendliche ohne Hauptschulabschluss eine Chance - «sofern die Kernkompetenzen Freundlichkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit stimmen», erläuterte Rühle. Es bestehe auch für junge Menschen ohne schulische Bestnoten die Möglichkeit, schnell Verantwortung zu übernehmen. «Die Perspektiven in Richtung eines eigenen Unternehmens sind extrem gut.»

Besonders schwer zu vermitteln seien die Arbeitszeiten der Branche. «Wir haben andere, nicht nur schlechte Arbeitszeiten. Die Gäste kommen eben, wenn sie nicht arbeiten müssen - abends oder am Wochenende», meinte die Hotelmiteigentümerin aus Bad Urach, die selbst Mitarbeiter aus zehn Nationen beschäftigt. Die Zumutbarkeit werde aber von vielen Hoteliers durch gute Dienstpläne erhöht.

Beim Erscheinungsbild der Mitarbeiter sieht der Verband jedoch klare Grenzen: «Ein schwäbischer Landgasthof, in dem eine verschleierte Frau eine Schlachtplatte serviert, ist nicht vorstellbar», sagte Rühle. «Genauso wenig ist aber ein auch Piercing denkbar in einem Hotel, in dem vor allem ältere Gäste Urlaub machen.» (Julia Giertz, dpa)

Ausbildung im Gastgewerbe

Das Gastgewerbe bietet sechs Ausbildungsberufe: Koch, Restaurantfachmann, Fachkraft im Gastgewerbe, Fachmann für Systemgastronomie, Hotelfachmann und Hotelkaufmann. Mindestvoraussetzung ist ein Hauptschulabschluss. Die Ausbildung dauert drei Jahre mit Ausnahme der zweijährigen Lehre für die Fachkraft im Gastgewerbe. Die Vergütung liegt nach Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) bei rund 550 Euro im ersten Lehrjahr und bei 750 Euro im dritten. Als Einstiegsgehalt gibt der Verband 1790 Euro an.

Besonders beliebt bei jungen Leuten ist derzeit die Systemgastronomie. Dort nahm die Zahl der Auszubildenden von 2007 auf 2008 um 11,5 Prozent zu - bei insgesamt rückläufigen Lehrlingszahlen. Der Reiz liegt nach Auskunft der DEHOGA bei der weniger traditionellen lockeren Atmosphäre in dieser Art von standardisierter Gastronomie mit Filialen.