WEIN
09. Mai 2009

Design und Wein

Winzer wie Martin Tesch und Markus Schneider wagen mehr Design auf dem Weinetikett. Und gewinnen Preise damit

Winzer haben nur etwa eine Handfläche groß Platz, um beim Weinhändler oder im Supermarkt auf ihren Wein aufmerksam zu machen. Bei den langen Reihen von Flaschen in den Verkaufsregalen muss vor allem das Etikett das Interesse der Käufer wecken. Neben «Klassikern» mit Wappen und Schnörkelschrift gibt es inzwischen viele deutsche Winzer, die auf modernes Design setzen, das aus dem Rahmen fällt. Die Gefahr: Traditionsbewusste Kunden könnten verschreckt werden. Die Chance: Neue und jüngere Käufer werden angelockt.

Im Weingut Tesch in Langenlonsheim an der Nahe kam das neue Design 2001 mit dem neuen Wein «unplugged». Der ungewöhnliche Name und ein schwarz-weißes Etikett im Bauhaus-Stil auf schwarzer Flasche stehen für einen trockenen Riesling Kabinett, bei dessen Produktion weitgehend auf Kellertechnik verzichtet wird, sagt Winzer Martin Tesch. «Äußeres und Inneres gehören zusammen: Klare Linie, klarer Wein.» Der Begriff «unplugged» kommt aus der Musikbranche und heißt wörtlich übersetzt «Stecker raus» - wenn also ohne Verstärker gespielt wird.

Die Verbindung zur Tradition des 1723 gegründeten Weinguts wird auf dem Etikett mit einem Porträt des Winzers Martin Müller geknüpft, der den Betrieb von 1804 bis 1817 führte. Der Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater von Martin Tesch blickt auch von den Flaschenaufklebern der fünf Lagenrieslinge, die jeweils in der Farbe einer Londoner U-Bahn-Linie gestaltet sind - etwa St. Remigiusberg in kräftigem orange, Löhrer Berg in Kermit-grün.

Tesch ging mit dem neuen Design ein großes Risiko ein. Viele seiner Kunden konnten mit dem englischen Rock'n'Roll-Wort nichts anfangen, rund 40 Prozent kehrten ihm den Rücken. «Wir wären fast daran kaputtgegangen», sagt der Winzer. Inzwischen ist «unplugged» längst ein Erfolgsmodell. 2006 gewann das Design den wichtigen Branchenpreis «Red Dot Award» - als erstes Weingut überhaupt. 2008 waren «unplugged» & Co. für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert.

 

«Blackprint», «Ursprung» oder «Spätburgunder M» steht in schwarzen Buchstaben auf den Etiketten des Pfälzer Winzers Markus Schneider. Die schlichte Eleganz spiegele auch seinen eigenen Anspruch an Stil und Geschmack wider, sagt der 33-jährige Rotwein-Spezialist aus Bad Dürkheim-Ellerstadt. «Als wir 1994 angefangen haben, hatten wir eh kein Gutshaus oder Wappen, die auf dem Etikett hätten abgebildet werden können. Wir mussten uns was überlegen.» Seit Ende der 90er Jahre vermarkte er seine Weine mit diesen typischen Etiketten. Für Schneider ist das einprägsame und moderne Design mit ein Grund dafür, dass er auch neue Kundenkreise erreiche, die bislang noch nicht regelmäßig deutsche Weine gekauft hätten.

«Das Etikett sollte Teil eines Gesamtauftritts sein, eines umfassenden Erscheinungsbildes des Weingutes», sagt Design-Experte Jörg Osterspey im pfälzischen Dackenheim, der als Professor an den Fachhochschule Mainz gelehrt hat. Und was macht ein gutes Etikett aus? «Es sollte typographische Klarheit ausstrahlen. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung trockener Informationen, sondern auch um Emotionen», erklärt der Experte. Wichtig sei eine «gewisse Ehrlichkeit», sprich: Der Wein und seine Verpackung sollten zueinander passen.

Dazu komme das Zusammenspiel mit der Flasche. «Im besten Falle gehen beide eine Symbiose ein, das Etikett wird nicht einfach nur aufgeklebt», sagt der Design-Fachmann. Dies gelte sowohl für die Proportionen - «das Etikett sollte die Flasche leben lassen» - als auch für die Farben, «die im Kontrast stehen oder sich ergänzen können.» Nach den Worten von Osterspey ist vor etwa zehn Jahren eine deutliche Bewegung in das Etiketten-Design gekommen, als es bei vielen Weingütern einen Generationswechsel gab.

Die ungewöhnlichen Namen für seine Weine kreiert Winzer Schneider selbst, ohne die Hilfe von Marketingagenturen. Inspiration für einen neuen Cuvée, der im Herbst auf den Markt kommen soll, kam von seinem kleinen Sohn Nicolaus, der nach den Worten des Vaters den Familienalltag manchmal erheblich durcheinanderwirbelt. Daher heiße der neue Wein «Tohuwabohu». Neben dem Schriftzug ist auf dem Etikett ein kleines Bobby-Car abgebildet - mit dem Hinweis «Powered by Nicolaus». (Andrea Löbbecke/dpa)