09. August 2009

Die Architektur des Weines in Spanien

Die Weinpaläste in der Rioja sind Spaniens neue Tempel

Im Epizentrum des spanischen Weins, hat sich seit einigen Jahren eine erstaunliche Entwicklung vollzogen. Statt der früher traditionell gekelterten, rustikalen Weine, werden heute dank moderne Weintechnologie elegante, vollmundige und langlebige Weine produziert, die jeden Vergleich mit Bordeaux-Gewächsen standhalten. Die neue Weinarchitektur macht diese Wandlung auf eindrucksvolle Weise sichtbar.

 

Nähert man sich dem kleinen Ort Elciego von Süden, so funkelt oder schimmert es - je nach Sonnenstand - einem von Weitem, wie eine riesige, vom Himmel gefallene Alurolle entgegen: das neue Weinhotel von Marques de Riscal. Hier inmitten der Rebenlandschaft des nördlichen Riojas steht der spektakuläre Bau des kanadischen Architekten Frank O. Gehry, der buchstäblich Wellen schlägt (Foto oben). Vielleicht sind nicht alle Besucher begeistert, beeindruckt sind sie allemal.

Doch so mancher Architektenkollege ist genervt: "Total absurd!" und "Gehry habe nach dem Guggenheim-Museum in Bilbao in Spanien zum zweiten Male auf groteske Weise zugeschlagen", höhnt man in den Fachzeitschriften. Die Bewohner des kleinen Ortes Elciego hingegen lässt der Bau ziemlich kalt, sie nennen ihn einfach nur "la cosa" - das Ding.

Unter den silber-, gold- und rosé-glänzenden Titanfahnen des Daches beherbergen, wie Bauklötze aufgestellte, verschieden große Sandsteinquader das 5-Sternehotel Hotel und das Gourmet-Restaurant Marques de Riscal. Ganz oben, von der Veranda der Rooftop-Lounge, schweift der Blick über die Weinberge mit den grünen Endlosreihen der Tempranillo-Reben. Drinnen, ein Stockwerk tiefer, werden die daraus im Bordeaux-Stil gekelterten Weine zu Kreationen aus der Fusion-Küche serviert. Karamellisierter Hummer mit luftigen Knoblauch-Schäumchen, Pochiertes Eigelb, in dessen Inneren gehobelte Trüffelspäne zum Vorschein kommen (Wie sind die bloß da rein gekommen?) oder Seebarsch mit kristallisiertem Rotwein.

Man ahnt es, Sternekoch Francis Paniego, der diese Gerichte auf den Teller zaubert, war Schüler des großen Molekularmeisters Ferran Adría. Aber Paniego kann auch anders, die rustikale Küche des Rioja ist ihm genauso vertraut, kommt er doch aus einer Familie, die dort seit 400 Jahren Gastronomie betreibt. Seine Mutter, Marisa Sànchez, die noch immer der Küche in ihrem besternten Restaurant Echaurren in Ezcaray vorsteht, ist eine lebende Legende. Und so versucht Paniego im Marques de Riscal eine Brücke zu schlagen zwischen Tradition und Avantgarde, was ihm auf brillante Weise gelingt.

 

Nur ein paar Kilometer von Elciegeo entfernt, etwas außerhalb des mittelalterlich umfriedeten Weinbauerndorfes Laguardia, hat Spaniens berühmter Architekt Santiago Calatrava, wie sein Kollege Gehry mit allen internationalen Architekturpreisen ausgezeichnet, eine Bodega der Superlative für die junge Kellerei Ysios gebaut. Eine lange Reihe vierkantiger Alubalken bilden das ondulierte Dach über Wänden aus hellem Zedernholz. In der Mitte des 200 Meter langen Gebäudes erhebt sich wie ein Kirchenschiff der Verkostungssaal. Calatravas Anlage - deutlich von Antoni Gaudí inspiriert - scheint sich organisch in die Landschaft am Fuß der Sierra Cantabiria einzufügen und dennoch ragt sie aus den Reben wie ein futuristisches Monument.

Ysios wurde 2001 eingeweiht und war der erste, der neuen Weintempel in der Rioja. Mit in Ehren verstaubten Flaschen kann die Kellerei deshalb auch noch nicht dienen. Die Ysios Reserva 2000, ein eleganter, reinsortiger Tempranillo, war der erste Wein, der in der hochtechnisierten Anlage gekeltert wurde. Verkosten kann der Besucher alle Weine, die seither erzeugt wurden und gut essen kann man im zur Kellerei gehörenden Restaurant ebenfalls.

 

Die Bodega Baigorri, ein Werk des baskischen Architekten Iñaki Aspiazu, ist ein transparenter Kristallkasten der inmitten des Rebenmeers zu schwimmen scheint. Er ist auch nur die Spitze des Eisbergs: Unter dem japanisch anmutenden Glashaus befindet sich auf sieben unterirdische Stockwerke verteilt die Hightech-Anlage der Kellerei. "Die Schwerkraft als Pfad", nennt der Gründer des Weinguts, Jesús Baigorri, sein Konzept. "Das Weingut ist in die Tiefe gebaut ist und der Wein folgt allein der Gravitation. Deshalb können wir auf Pumpen, Schläuche und Geräte aller Art verzichten."

Der Traube kommt's zugute: Sie wird geliefert, fällt ein paar Meter in die Tiefe, wird dort gepresst und bahnt sich ihren Weg durch die Stockwerke in Stahltanks und schließlich in Holzfässer. Nach Jahren der Reifung wird der Wein im untersten Geschoß in Flaschen abgefüllt, etikettiert und auf Weltreise geschickt. Im Restaurant, das dem Gast einen atemberaubenden Blick auf die Weinberge und den historischen Ort Samaniego erlaubt, wird ein gar köstliches Tasting Menue mit allen Weinen von Baigorri serviert.

 

Viel offensichtlicher, wie ein gewaltiges Weinfass nämlich, das zu Zweidrittel in den Boden versenkt wurde, mutet die Bodega Viña Real an. Kanadisches Zedernholz, Stahl und Beton, waren die Materialien der Wahl des Architekten Philippe Mazieres, der den eindrucksvollen Weintempel auf einem Hügel in der Nähe des Weingutes Ysios errichtete. Für den Bau der Bodega, die sich in Privatbesitz befindet, wählte man den Franzosen, der sich schon im Bordeaux als Konstrukteur außergewöhnlicher Kellereien einen Namen gemacht hatte. Die Familie Real de Asua, eine der ältesten Winzerfamilien des Rioja, erlaubte ihm seine ganz persönliche Vision einer Bodega des 21. Jahrhunderts umzusetzen.

Mit großem Erfolg, seine Architektur gewann gleich mehrere Preise, darunter auch den "Best of Wine Tourism 2004/05" vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil die Kellerei bis ins Detail behindertengerecht eingerichtet ist und sogar Blinden durch Sound "sichtbare" Erfahrungen vermittelt, außerdem sind sämtliche Hinweise auch in Blindenschrift angebracht. Im Besucherraum unter dem Glassboden im Kreisrund angeordnet mehrer Reihen Barriquefässer, in denen die kräftigen, lange haltbaren Tempranillos, für die die Kellerei bekannt ist, reifen. Hier werden die edlen Rotweine allesamt zur Verkostung angeboten. Und im Restaurant kann man sie auch ganz einfach zur feinen Küche trinken.

Eure Gabriele Redden

Die Fotos der Weingüter Marques de Riscal, Ysios, Baigorri und Vina Real (v.o.n.u.) wurden der Autorin freundlicherweise von den Bodegas zur Verfügung gestellt.