REISE
10. September 2010

Die digitale Zukunft des Reiseführers

Künftig gibt es Reiseführer vom Verlag Mairdumont oder Michael Müller als App fürs Smartphone - iPhone, iPad und iPod touch

Urlaub fängt nicht erst mit der Ankunft im Hotel an. Viele Touristen planen gerne voraus: Sie schmökern zu Hause voller Vorfreude in Reiseführern, lesen sich Hintergrundwissen zum Urlaubsland an und überlegen sich Ausflüge und Besichtigungen. Doch so praktisch Reiseliteratur bei der Vorbereitung auch ist - während der Reise würde mancher Urlauber die kiloschweren Wälzer am liebsten zu Hause lassen. Eine leichte und platzsparende Alternative können multimediale Reiseführer als Applikation fürs Smartphone sein.    

Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Smartphone ist leicht, handlich und ohnehin immer dabei. Reiseführer lassen sich einfach darauf installieren. Und sie bieten Zusatzfunktionen, die der gedruckte Reiseführer nicht hat: etwa Navigation und Umkreissuche. Für mobile Navigationsgeräte gibt es so etwas schon länger. Verlage bieten Software an, die mit Filmchen und Aufsagern Wissenswertes über die Sehenswürdigkeiten vermitteln. Mit dem Siegeszug des iPhone von Apple war es nur eine Frage der Zeit, bis solche Anwendungen auch als App erhältlich sind.

Der Michael Müller Verlag etwa hat je einen seiner City- und Wanderführer digitalisiert für iPhone, iPad und iPod touch herausgebracht. «Ein digitaler Reiseführer muss mehr bieten als ein Buch zum Blättern und Suchen», erklärt Verlagschef Michael Müller. Also habe man die Karte mit den Reiseführer-Informationen verlinkt: Durch einen Klick auf die Karte im Display erhält der Reisende alle Informationen zu diesem Punkt. Der Vorteil des iPhones ist, dass Besitzer dank des integrierten GPS-Empfängers und Kompasses immer ihren Standort kennen. «Geheimtipps» wie Restaurant- oder Café-Empfehlungen sollen sich so noch einfacher finden lassen.

Den Wanderführer «Münchner Ausflugsberge» und den Cityführer «Florenz» gibt es als Pilotausgabe für 11,99 Euro beziehungsweise 3,99 Euro. Eine abgespeckte Version ist noch umsonst. Nach zehn Wanderführern sollen im Herbst weitere Cityführer für die europäischen Metropolen folgen. Die Vollversionen sollen dann etwa 10 Euro kosten. Auf der Frankfurter Buchmesse von 6. bis 10. Oktober will der Verlag seine Apps vorstellen.

Auch der Verlag Mairdumont will auf der Frankfurter Buchmesse sein App-Programm präsentieren. Seit etwa einem Jahr gibt es hier laut Geschäftsführer Uwe Zachmann eine Auswahl der Städteführer aus der Marco-Polo-Reihe als App für 3,99 Euro. Ein erster Reiseführer über Berlin fürs iPad ist seit Ende Juli erhältlich. Er kostet 9,95 Euro. Demnächst soll bei Dumont ein Museumsführer folgen, der zunächst kostenlos sein wird. «Wir sind in der Laborphase», erläutert Zachmann. Der Verlag probiere Dinge aus und sammle Erfahrungen, wie die Apps angenommen werden. Man erwarte aber nicht, dass demnächst ein großer Hype einsetzen wird.    

Der Michael Müller Verlag will die App-Sparte auf jeden Fall ausbauen. «Langfristig müssen da die ganzen Reiseführer rein», sagt Müller. «Es wird viel stärker angenommen als die e-Book-Reiseführer, die wir mit Partnern entwickelt haben.» Dass Apps die gedruckten Reiseführer irgendwann verschwinden lassen, glaubt er aber nicht: «Der klassische Reiseführer wird seine Nische behalten.» Reisende würden Apps eher als Ergänzung zur Reiseliteratur nutzen. Uwe Zachmann geht von einem Nebeneinander der Medien aus: «Wir stellen die Printmedien daher nicht in die zweite Reihe. Wir sind überzeugt, dass der Printmarkt noch viele Jahre eine große Rolle spielen wird.»

Das legen auch Zahlen nahe, auf die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verweist. Denn anders als vielleicht zu erwarten wäre, stieg die Titelproduktion im Bereich Geografie und Reise von 2600 Erstauflagen im Jahr 2007 auf 2825 im Jahr 2009. Die Umsatzanteile der Warengruppe Reisen schwanken seit Jahren um die 7 Prozent. Betrachtet man innerhalb der Gruppe nur die Reiseführer, erhöhte sich ihr Umsatzanteil in den vergangenen drei Jahren sogar: von 40,6 Prozent in 2007 auf 46,6 Prozent im Jahr 2009.    

Auch Torsten Kirstges, Professor für Tourismuswirtschaft an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven, rechnet mit einer Koexistenz der gedruckten und digitalen Reiseführer: «Ich denke, dass sich das ergänzen wird.» Es werde immer Leute geben, die sich vor der Reise ausführlich mit dem Land beschäftigen wollen. «Um eine Reise zu Hause in Ruhe vorzubereiten, ist der Printbereich nach wie vor überlegen.»

Vorerst gibt es auch noch einige technische Hürden zu nehmen. So sei noch völlig ungeklärt, wie die Apps aktualisiert werden sollen, sagt Verlagschef Michael Müller. Für eine gedruckte Neuauflage schaue sich der Autor derzeit etwa alle zwei Jahre vor Ort um. Bei Apps rechneten die Nutzer aber mit deutlich kürzeren Zyklen.

Dieser «Auflagen-Wahnsinn» ist auch einer der Gründe, der die Verantwortlichen bei Iwanowski's Reisebuchverlag noch zögern lässt, eigene Reiseführer-Apps aufzulegen - auch wenn man sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. «Kunden und Händler erwarten stets neue Auflagen», klagt Sprecherin Angelika Trippe. «Bücher, deren Erscheinungsdatum mehr als zwei Jahre zurückliegt, gelten bereits als veraltet.» Man frage sich, wohin das dann bei Apps führen soll. Immerhin will der Fernreisen-Spezialist bald als ersten Test ein Gratis-App zu seinem Afrika-Katalog anbieten.

Iwanowski's ist noch nicht von den Vorzügen der multimedialen Guides überzeugt. «Gedruckte Reiseführer haben gegenüber elektronischen Reiseführern viele Vorteile», sagt Trippe: «Sie brauchen keinen Strom, vertragen Stürze, Hitze, Kälte, Sand und in Maßen Feuchtigkeit.» Außerdem könne man Bücher auf dem Strandtuch liegen lassen und baden gehen, ohne einen Diebstahl fürchten zu müssen. (Felix Rehwald, dpa)

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