04. Dezember 2009

Die Gourmet Guerillas

Guerilla Restaurants heißt der neue Trend in London: Enthusiastische Wohnungsbesitzer versuchen sich als Gourmetköche

Geht's der Wirtschaft schlecht, geht's den Restaurants schlecht. Eine alte Weisheit, die noch immer stimmt: Seit das (ab)gehobene Management wieder Jausenbrote mit in die Firma nimmt, herrscht gähnende Leere im Fine Dining Business - zumindest mittags.

Als wären die Gastronomen nicht schon bestraft genug, gehen gute Esser nun auch abends in den Untergrund. Guerilla Restaurants heißt der neue Trend in London: Enthusiastische Wohnungsbesitzer versuchen sich als Gourmetköche. Wer sich vorher übers Web anmeldet, für den wird wie im Haubenlokal aufgekocht - zu einem Bruchteil des Preises. Dass das ganze illegal ist, macht die Sache erst wirklich interessant.

Zwölf dieser Lokale soll es bereits in London geben. Star der Szene ist Ms. Marmite lover. Eine alleinerziehende Exjournalisten und Hobbyköchin, ihren richtigen Namen verschweigt sie. In ihrem Underground Restaurant - natürlich ihre Privatwohnung - verpflegt sie bis abends zu 45 Gäste. 28 Euro kostet das vegetarische Menü, elf die Weinbegleitung. Ms. Marmite lovers ist bis ins nächste Jahr ausgebucht. Davon träumen heimische Gastronomen nur.

Der Ferran Adria der verbotenen Privatküche heißt Nuno Mendes. Früher arbeitet er als Koch im El Bulli, jetzt steht er - wenn er nicht gerade in seinem Lokal LOFT kocht, an manchen Tagen in seiner Wohnung im Londoner Stadtteil Hackney vor dem Herd - nicht ganz gesetzeskonform natürlich.

Achtung, Manager: Günstig ist das nicht. Nuno nimmt 128 Euro für das Molekular-Menü. Selbstverständlich spendet jeder Gast den Betrag, alles andere wäre ungesetzlich! Übrigens: Nuno eröffnet im März 2010 ein neues, legales Restaurant: das Viajante im Stadtteil East London.

Die Exekutive lässt die Restaurants noch vor sich hinköcheln. Wo kein Kläger, da kein Richter. Einzig Ms. Marmite lover bekam einen Brief vom Anwalt: Sie richtete ein Harry-Potter-Dinner aus, das Filmstudio Warner Bros wies dezent auf die Urheberrechte hin. Ms. Marmite lover, nicht unflexibel, änderte einfach das Motto in "Generische Zauberernacht".

Wie hat mal jemand gesagt: Krisen machen kreativ.

Ihr

Connaisseur Robert Kropf - mit Grüßen aus London

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