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08. November 2007

Die Weinlesebilanz 2007 der Prädikatsweingüter

Der heimliche Super-Sommer 07: Für viele der 200 VDP-Weingüter war es die früheste Lese seit „Betriebsgedenken“ ...

Die Trauben hatten zu diesem Zeitpunkt schon eine ungewöhnlich lange Vegetationsperiode hinter sich, die ihnen eine optimale Reife ermöglichte. Und, noch viel wichtiger, sie blieben bis zum Leseschluss gesund.

Die Erntemenge liegt ca. 30% über dem Vorjahr jedoch nur leicht über dem langjährigen Mittel der VDP-Weingüter, die traditionell zugunsten der „Klasse“ auf „Masse“ verzichten.

Optimaler Vegetationsverlauf: Nach dem vorgezogenen Sommer im April war der eigentliche Sommer zwar durchschnittlich warm aber viel feuchter als in normalen Jahren. Alles in allem waren dies jedoch ideale, stressfreie Wachstums- und Entwicklungs-Bedingungen für die Reben.

Graf Adelmann (Württemberg): „Es war kein Liegestuhlsommer, aber ein „heimlicher“ Super-Sommer für den Deutschen Weinbau.“

Toni Jost (Mittelrhein) merkt an: „Erstmals seit Jahren war keine Bewässerung nötig. Die Reben blieben gesund und lange leistungsfähig, Assimilation war bei grüner Laubwand bis Mitte Oktober möglich.“

Die zu allen Zeiten optimale Wasserversorgung begründet eine hohe Mineralstoffeinlagerung in den Reben – Garant für komplexe Weine. Kühle Temperaturen, vor allem nachts, bilden stabile Fruchtsäuren und feinste Fruchtaromen in den Beeren. Als Herausforderung sehen die Winzer das Auftreten von früher nicht gekannten Problemen wie Sonnenbrand, der die Beerenhaut beschädigt und damit die weitere Reife stoppt. Auch Schädlinge wie Rebzikaden, blattsaugende Insekten, die die Blätter zerstören, oder Eska, ein Pilz, der in wenigen Wochen die Rebstöcke absterben lässt und damit das Potenzial auch alter Reben zerstört, gilt es in den Griff zu bekommen.

Insbesondere Ökobetriebe, im VDP überproportional vertreten, sind hier vor spezielle Herausforderungen gestellt. Die Güter melden für betroffene Weinberge teils bis zu 20% Schaden.

Lange Weinlese: So früh wie 2003, dem sogenannten Jahrtausendsommer, gingen die Trauben in die Reife. Folglich begannen die Regionen auch alle eins bis drei Wochen früher als normal mit der Lese. Im Gegensatz zur Blitzlese des Vorjahres zog sich die „entspannte“ Ernte jedoch bei gutem Wetter über fast 8 Wochen hin. Die Trauben am Stock waren aromatisch und gesund, jedoch teils unterschiedlich reif, so dass die Weinberge in bis zu vier Staffellesen von Hand geerntet wurden. Bei dieser Selektionsarbeit werden „frühreife“ Beeren geerntet, beschädigte und faule Beeren ausgelesen, und so den übrigen Trauben die Topreife ermöglicht.

Ein Arbeitsaufwand, der für die Prädikatsweingüter, die auf Spitzeniveau arbeiten und Weine von herausragender Qualität erzeugen, zwar durchaus selbstverständlich ist, aber ungefähr doppelt so viele Lesetunden pro Hektar als bei normaler Handlese erforderlich macht. Frühgelesene Trauben, z.B. Müller-Thurgau und Silvaner, wiesen in diesem Jahr eine sehr markige Beerenhaut und hohe Pektingehalte auf, wodurch sich eine geringe Saftausbeute ergab. Die anfangs recht hohen Säurewerte balancierten sich mit zunehmender Reife bestens aus. Eine obendrein optimale Nährstoffversorgung der Moste sorgt für eine zügige und reintönige Gärung.

Eine interessante Feststellung äußert Hansjörg Rebholz (Pfalz): „Es wird in diesem Jahr „September- und Oktober- Weine“ geben. Bis Ende September hatten wir zwar schon hohe Zuckerwerte (und hohe Säure), aber die Trauben waren noch nicht „physiologisch reif“. Erst das Wetter vom 1. bis 3. Oktober, warm und feucht, brachte die Reife. Von da an schmeckten die Trauben und die Säure war normaler. Ich erwarte insbesondere von den „Oktoberweinen“ große Weine mit enormem Entwicklungspotenzial.

Annegret Reh-Gartner, Reichsgraf v. Kesselstatt, bekräftigt diese Eindrücke: „Zunächst war viel Citrus im Spiel, später dann Cassis, reife Birne, Pfirsich.“ Schon jetzt haben die Moste einen intensiven Geschmack mit feinstem Fruchtsäurespiel. Das spricht für Weine mit einer komplexen Struktur. Und das bei nicht zu hohen Alkoholausbeuten, obgleich viele Winzer von Top-Mostgewichten sprechen: „Nichts unter 95° Öchsle!“

Gerhard Gutzler (Rheinhessen) schwärmt: „Ich kann mir die Spätburgunder in fünf Jahren vorstellen, einfach nur lecker mit Kraft und viel Typizität. Horst Kolesch vom Würzburger Juliusspital sieht neben den Burgundersorten, auch Silvaner und Rieslinge als die Gewinner des Jahrgangs. Und ergänzt: “Gute Lagen werden sich heuer ganz deutlich absetzen können.“

Edelsüße Spitzen: Das i-Tüpfelchen auf die perfekte Lese setzt eine Phalanx von Beeren- und Trockenbeerenauslesen mit herrlichen Fruchtsäuren wie sie in vielen Regionen seit Jahren nicht möglich war. Liebhaber und Sammler dieser edelsüßen Spitzen dürfen sich auf die traditionellen VDP-Versteigerungen freuen, wo die besten Weine alljährlich unter den Hammer kommen. Das zehnthöchste jemals in Deutschland gemessene Mostgewicht brachten 60 Erntehelfer des Weingut Wegeler in der Lage Rothenberg in Geisenheim ein: 21 Liter einer hochkonzentrierten Riesling Trockenbeerenauslese mit 312 Grad Oechsle. Doch etliche VDP-Weingüter pokern noch mit dem Wetter, um die Jahrgangskollektion mit einem raren Eisweine zu krönen.

Menge, Preise & Markterwartung Nachdem die Prädikatsweingüter 2006 mit einer extrem kleinen Ernte bei weitem nicht die Nachfrage decken konnten, liegen die Erträge in diesem Jahr 30 % höher im Vergleich zum Vorjahr und 7% höher als im langjährigen VDP-Schnitt (65 hl/ha), jedoch immer noch 30 % unter dem allgemeinen deutschen Erntedurchschnitt.

Die Klassifizierung der Weine teilt sich auf in 50% Gutswein, 35% Lagenweine und 15% Weine aus Erster Lage. Die Prädikatsweingüter werden ihr Preisniveau halten. Zarte Erhöhungen sind höchstens geplant, um gestiegene Material- und Energiekosten abzudecken. Das durchschnittliche erzielte Preisniveau in VDP-Gütern liegt aktuell bei rund neun Euro.

Unisono werden die Absatzchancen als sehr gut bis ausgezeichnet beurteilt. Die Güter verzeichnen seit Jahren eine steigende Nachfrage und besonders hohe Steigerungsraten bei Weinen der Ersten Lage. Deutscher Wein zählt damit noch immer zu den günstigsten Spitzenweinen der Welt.

Das Fazit des neuen VDP-Präsidenten Steffen Christmann: „Es verspricht ein wirklich großes Jahr zu werden. Wir dürfen uns 2007 über die seltene Konstellation freuen, dass erhöhte Menge und Güte zusammen kommen. Nachdem wir in den letzten Jahren und vor allem 2006 der Natur nur mit höchsten Anstrengungen die gewünschten Qualitäten abringen konnten, konnte man in diesem Jahr aus dem Vollen schöpfen. Nun ist es an den 200 Winzerpersönlichkeiten im VDP mit ihrer Erfahrung und Kreativität aus der naturgegebenen Güte Weine von herausragender Qualität zu erzeugen.“

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