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03. Mai 2018

Eckart von Hirschhausen Ist Zucker der neue Tabak?

So etwas wie Sahnetorte zu essen, das ist in manchen Kreisen schon heute verpönt. Gleichzeitig bringen Tausende Deutsche zu viel auf die Waage und leiden unter Folgekrankheiten. Ärzte fordern, dass die Politik einschreiten soll.

Von Gisela Gross

Die Limo hätte weniger Zucker. In Schulen gäbe es keine Cola-Automaten und auch keinen Hausmeister mit Schokoriegel-Angebot. Im Supermarkt wären Quengelkassen ebenso abgeschafft wie die Werbespots für überzuckerte Kinderprodukte im TV. Und Zutatenlisten von Lebensmitteln könnten Verbraucher ohne Fremdwörterbuch verstehen. So oder so ähnlich sähe die Zukunft aus, wenn ein Bündnis aus mehr als 2000 Ärzten - darunter Eckart von Hirschhausen -, Fachorganisationen und Krankenkassen mit seinen Forderungen Gehör fände.

Zum Schutz der Menschen vor ungesunder Ernährung appelliert das Bündnis in einem am Mittwoch vorgestellten offenen Brief an die Bundesregierung, verbindliche Vorgaben zu machen. Die Unterzeichner sprechen sich für eine Zuckersteuer, verständlichere Kennzeichnungen, Werbeverbote und Standards für die Schul- und Kitaverpflegung aus. Nur damit könnten auch bildungsferne Schichten erreicht werden, hieß es - Aufklärung allein reiche nicht.

Die Forderungen stehen teils schon seit Jahren im Raum, bislang setzt die Bundesregierung aber auf freiwillige Vereinbarungen mit der Lebensmittelindustrie und Programme zur Ernährungsbildung. Auch die Industrie lehnt etwa eine Zuckersteuer als "Symbolpolitik" ab, krankhaftes Übergewicht hänge von vielen Faktoren ab, zum Beispiel dem Lebensstil.

"Wir haben einfach keine Geduld mehr", sagte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVJK), Thomas Fischbach, in Berlin über die gemeinsame Initiative mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft, der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, der Techniker Krankenkasse und dem AOK Bundesverband. Die Ärzte sähen, dass die Gesundheit der Menschen in Deutschland drastisch leide, so Fischbach. "Bitte machen Sie ernst mit der Prävention von Adipositas, Typ-2-Diabetes und anderen chronischen Krankheiten", heißt es in dem offenen Brief.

Gegen die Folgeerkrankungen gebe es keine Tablette und keine OP, vorbeugen lasse sich am besten mit Bildung und auch staatlicher Lenkung, sagte der Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen. Er wundere sich, warum man Deutschland bei dem Thema "so einen Eiertanz" mache - zumal Zucker ein gewisses Suchtpotenzial habe. Er rechne damit, dass es einen ähnlichen Verlauf geben werde wie bei der Einführung des Rauchverbots in Kneipen und Restaurants vor Jahren. Nach anfänglichem Aufschrei vermisse dort inzwischen niemand den Qualm.

Die Einführung einer Steuer auf gesüßte Getränke könne ein Anreiz für Hersteller sein, den Zuckergehalt zu senken, wird im offenen Brief argumentiert. Die Einnahmen daraus ermöglichten es auch, Obst und Gemüse billiger zu machen. Erfahrungen aus Ländern wie Mexiko, Finnland und Frankreich zeigten darüber hinaus, dass mit dem höheren Preis auch der Konsum dieser Getränke zurückgehe.

Keinen Handlungsbedarf sehen hingegen die Hersteller: Die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke verweist darauf, dass der Konsum von Erfrischungsgetränken pro Kopf in Deutschland bereits von 125,5 Litern 2013 auf 113,9 Liter 2017 gesunken sei. "Wir als Lebensmittelwirtschaft benötigen keine Belehrungen von Interessensgruppen, weil wir seit Jahren handeln und beispielsweise stetig innovative Rezepturen entwickeln, bestehende optimieren und über Nährwerte und Inhaltsstoffe aufklären", erklärte der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL. "Wir zeigen Verantwortung und sind dialogbereit."

BVKJ-Präsident Fischbach konterte: "Wir sind der Überzeugung, dass man nicht die Frösche fragen kann, wenn man den Sumpf trockenlegen will." dpa

Ernährungsministerin Klöckner zweifelt Sinn einer Zuckersteuer an

Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) stellt sich gegen die Forderung eines Ärzte-Bündnisses nach einer Zuckersteuer. "Eine ausgewogene Ernährung ist keine Frage des Geldbeutels", sagte sie der "Bild am Sonntag". "Eine Zuckersteuer klingt vielleicht gut, ob das aber die Fehl- und Überernährung verhindert, ist zu bezweifeln."

Ein Bündnis aus mehr als 2000 Ärzten, darunter Eckart von Hirschhausen, sowie Fachorganisationen und Krankenkassen hatte Mitte der Woche an die Bundesregierung appelliert, eine Zuckersteuer, verständlichere Kennzeichnungen, Werbeverbote und Standards für die Schul- und Kitaverpflegung einzuführen. Nur mit solchen Maßnahmen zum Schutz der Menschen vor ungesunder Ernährung könnten auch bildungsferne Schichten erreicht werden, hieß es.

Die Einführung einer Steuer auf gesüßte Getränke könne ein Anreiz für Hersteller sein, den Zuckergehalt zu senken, so das Argument des Bündnisses. Die Einnahmen daraus ermöglichten es, Obst und Gemüse billiger zu machen. Durch eine Strafsteuer würden nicht alle gesund, sagt hingegen Klöckner: "Vielmehr müssen wir den Lebensstil und die Gesamtkalorienzahl in den Blick nehmen." Als Beispiel nannte sie der "Bild am Sonntag" eine "bessere Ernährungsbildung von der Kita an, theoretisch wie praktisch".

Aufklärung allein reiche nicht, hatte dagegen das Bündnis betont. "Wir haben einfach keine Geduld mehr", hatte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVJK), Thomas Fischbach, über die gemeinsame Initiative gesagt. Ärzte sähen, dass die Gesundheit der Menschen in Deutschland drastisch leide.

Klöckner gab sich überzeugt, dass es möglich ist, sich günstig gesund zu ernähren. "Eine ausgewogene Ernährung ist keine Frage des Geldbeutels." Fertigprodukte seien im Vergleich zu Rohwaren oft teurer. "Wer mit frischen Lebensmitteln selbst kocht, kann sich gesund und durchaus günstig ernähren", sagte die Ministerin der Zeitung. "Mein Eindruck ist, dass viel mehr in die Kücheneinrichtungen investiert wird als in die Nahrungsmittel, die darin zubereitet werden."

Gegen die Folgeerkrankungen ungesunder Ernährung gebe es keine Tablette und keine OP, hatte der Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen am Mittwoch betont. Vorbeugen lasse sich am besten mit Bildung und staatlicher Lenkung. Er wundere sich, warum man Deutschland bei dem Thema "so einen Eiertanz" mache - zumal Zucker ein gewisses Suchtpotenzial habe. Er rechne damit, dass es einen ähnlichen Verlauf geben werde wie bei der Einführung des Rauchverbots in Kneipen und Restaurants vor Jahren. Nach anfänglichem Aufschrei vermisse dort inzwischen niemand den Qualm. dpa