REISE
14. September 2009

Erde statt Sandwich

Im südostafrikanischen Staat Mosambik bereichern nicht nur Peri-Peri- Gewürz, Langusten und andere Meeresfrüchte die Speisekarte, sondern auch eine eher merkwürdige Delikatesse: Erde

Auf dem zentralen Markt der Hauptstadt Maputo wird sie in kleinen Kaffeetassen feilgeboten. «Area delicioso!», preisen sie die Verkäufer an: «Köstliche Erde!» Es gibt sie in weiss, in rot und auch in gelb - je nach Geschmack. Und über Geschmack lässt sich ja bekanntlich trefflich streiten.

Maria Cumbe hat die Erde erst vor kurzem in ihr Sortiment aus Früchten und Gemüse aufgenommen. Die 50-Jährige, die ihren Stand auf dem Xipamanine-Markt am Rande Maputos aufgebaut hat, hält sie für eine lukrative Bereicherung ihres Angebots: «Sie verrottet nicht - sobald man sie einmal hat, kann man sie bis zum letzten Krümel verkaufen», meint sie verschmitzt. An manchen Tagen verdient sie damit bis zu 300 Meticais - umgerechnet 13 Euro. Der jüngste Hit auf der Speisekarte hat einen ganzen Wirtschaftszweig entstehen lassen: vom Graben und Trocknen bis zum Verpacken und zum Transport.

Das Geschäft läuft gut - vor allem Frauen kommen als Stammkunden. Das hat nach Ansicht von Experten biologische und traditionelle Gründe. Nach der Menstruation oder während der Schwangerschaft haben Frauen in Mosambik ihren Mineralien-Haushalt schon früher durch das Essen von Erde wieder auf Trab gebracht. Auch in anderen Teilen der Welt ist das Phänomen mit dem Fachnamen Geophagie bekannt. Das Journal der britischen Medizinischen Gesellschaft berichtete 2002 darüber, dass der Verzehr von Erde - in all seinen Formen als Ton, Lehm oder Sand - selbst in einigen Regionen der USA praktiziert werde.

Das Rezept für die Herstellung des marktgerechten Produkts ist einfach: Man nehme Erde, reinige sie mit Wasser und lasse sie einen Tag an der Sonne trocknen, erklärt eine der Verkäuferinnen. Bevor sie dann zu feinem Pulver gemahlen wird, wird als Geschmacksverbesserer Salz oder Rinderwürze hinzugegeben. «Ich kaufe jeden Tag eine Tasse Erde und teile sie auch mit Kollegen», sagt eine der Käuferinnen, die das ungewöhnliche Produkt als eine Art Appetitanreger zu sich nimmt.

Zwischen einem und drei Meticais kostet eine Tasse, der 50- Kilogramm-Sack bei Dona Joana in Maputos Armenviertel Mafalala kommt auf stolze 150 Meticais. Die 60-Jährige gehört zu den Produzenten des aufstrebenden Nischenmarktes. Aufträge kommen auch von Migranten, die in Nachbarländern leben. Eine Spezialität ganz besonderer Art ist Seifenpulver-Sand, bei dem Seifenflocken den Geschmack abrunden. «Er ist salzig und schmeckt irgendwie erdig - ich mag's«, sagt eine der Kundinnen, bevor sie ergänzt: «Ich kaue etwas auf den Körnern herum. Das hilft mir, Krankheiten zu vermeiden und stimuliert die Geschmacksnerven, fast ein wenig wie Kaugummi.» dpa