WEIN
18. Dezember 2009

Erster Eiswein des Winters

Winzer starten die Eiswein-Lese in Deutschland

Bei klirrender Kälte hat am Freitag in Deutschland die Eisweinlese begonnen: In vielen Weinregionen rückten Winzer in den frühen Morgenstunden aus, um gefrorene Trauben von den Rebstöcken zu schneiden.

In Wiltingen an der Saar im Anbaugebiet Mosel erntete das Weingut Reichsgraf von Kesselstatt bei minus acht Grad zwischen 2500 und 3000 Kilo Riesling-Trauben. «Das wird um die 500 Liter Eiswein ergeben», sagte Betriebsleiter Wolfgang Mertes. Der edelsüße Wein mit einem Mostgewicht von voraussichtlich 130 Grad Öchsle sei das «i-Tüpfelchen auf einem super Wein-Jahrgang».

Im bayerischen Sommerach ernteten 16 Helfer vom ansässigen Winzerkeller in der Morgendämmerung die Trauben von 0,3 Hektar am sogenannten Katzenkopf. Der Geschäftsführer des Weinbaubetriebs, Frank Dietrich, rechnete mit etwa 600 kleinen Bocksbeuteln (0,375 Liter), die im Frühsommer 2010 verkauft werden.

Auch im Rheingau wurden gefrorene Trauben gekeltert. Nach Angaben von Winzer Norbert Barth aus Hattenheim ist der Ertrag in diesem Jahr jedoch gering. Die Qualität gilt dagegen als ausgesprochen gut.

Beim Pressen der gefrorenen Trauben laufen Zucker und Extraktstoffe in konzentrierter Form ab. Das in den Beeren enthaltene Wasser bleibt als Eis auf der Kelter zurück.

Auch im rheinhessischen Bingen-Dromersheim haben dick vermummte Helfer am Freitag ganz früh morgens die ersten gefrorenen Trauben des Jahrgangs 2009 geerntet. Eine ausgeklügelte Logistik und verlässliches Frühaufstehen sind nötig, dazu warmer Eintopf zum Aufwärmen. Kein Job für Weichlinge, ganz klar.

In klirrender Kälte um kurz vor 7.00 Uhr steht Ernst Fischers Lese-Mannschaft bereit. Mit Eimern, Scheren und Stirnlampen. Für Klaus Heisterkamp gehört der eisige Dunkel-Einsatz zum Jahr wie Ostern oder Silvester. Der Finanzbeamte hilft seit 30 Jahren einen Morgen lang bei der Dromersheimer Eiswein-Lese. Ehrensache. Zusammen mit dem Dutzend anderer Ernte-Helfer hat er seine Kniffe gegen Kälte. Eisweinlese ist auch in Zeiten von Maschinen-Einsatz im Weinbau noch häufig Handarbeit und kein Zuckerschlecken.

Minus acht Grad muss das Thermometer nachts zeigen, damit die überreifen Trauben wie aus der Tiefkühltruhe am Rebstock hängen. Dann ist Erntezeit für Eiswein-Spezialisten wie Ernst Fischer. Der 56- jährige Dromersheimer bewirtschaftet 16 Hektar. Immerhin 4000 Quadratmeter davon hat er in diesem Jahr für Eiswein reserviert. Rund ein Drittel weniger als im Vorjahr wird er ernten. «Aber Eiswein produziert man nicht, um davon zu leben.» Zu ungewiss ist der Ausgang beim Wetter-Poker.

«Frosting» heißt die weniger mühselige Alternative. Normal geerntete Beeren einfach einfrieren und behandeln wie Eiswein - in Neuseeland praktiziert, deutschen Eiswein-Winzern jedoch verboten. Das Besondere an den gefrorenen Trauben demonstriert Winzer Fischer durch Aufbrechen einer Beere. Eiskristalle statt Traubensaft glitzern im Schein der Stirnlampe. Zucker und Fruchtsäuren bilden ein Extrakt.

Die aus den rosinenartigen Frost-Trauben gepresste Flüssigkeit ist dürftig, die Öchslegrade dagegen hoch, der Ertrag kostbar. Im Weinregal sind Eisweine an der deutlich kleineren Flaschen zu erkennen. Gut gelagert können sie Jahrzehnte überdauern. Genießer trinken den Edelwein in kleinen Mengen am Ende eines feinen Essens, meist zum süßen Dessert.

Dromersheim nimmt für sich den Titel in Anspruch, Geburtsort des deutschen Eisweins zu sein. Am 11. Februar 1830 sind aus der Not heraus gefrorene Trauben gepflückt worden, um sie ans Vieh zu verfüttern. Durch Zufall entdeckten die Bauern den wunderbar süßen Saft und kelterten ihn.

War der Wein aus der Kälte zunächst noch ein Zufallsprodukt, so hat sich das inzwischen geändert. Seit sechs Jahrzehnten spekulieren zunehmend mehr deutsche Winzer auf kalte Wintertage für edle Erträge. «Seit 1972 lese ich fast in jedem Jahr Eiswein», sagt Fischer. Seine Ahnentafel kann er stolz bis auf die Entdecker-Familien zurück verfolgen.

Echte Spezialisten wie er wissen ihre Reben und Hänge perfekt zu nutzen - und haben eine ausgetüftelte Lese-Logistik entwickelt. Morgens um 4.00 Uhr startet die Telefon-Lawine durch das Rheinhessen- Dorf. Landfrauen und Fastnachter sind ein eingespieltes Team. Extra dick gefütterte Gummistiefel stehen bereit zum Hineinschlüpfen. Im Weingut wird der Linseneintopf aufgesetzt, Kaffee und Glühwein stehen parat. Nach knapp zwei Stunden ist die Ernte der Grauburgunder- Trauben eingesammelt.

«Wir müssen fertig sein, bevor die Sonne auf den Rebhängen steht», erklärt der Winzer. Die Trauben dürfen nicht tauen. Gefroren müssen sie ins Weingut und auf die Kelter. Eile ist angesagt, wenn erst einmal der Startschuss gefallen ist. Davor braucht der Winzer eher Langmut und Gespür für Wetterlagen. Wer zu lange mit den Minusgraden pokert, der riskiert den Totalverlust. Am Wochenende soll das Thermometer steigen.

Die Ernte der Trauben für den begehrten Eiswein hat am Freitagmorgen auch an der Bergstraße in Südhessen begonnen. Auf einer etwa 0,2 Hektar großen Fläche seien Trauben für rund 200 Liter gelesen worden, teilte der Geschäftsführer der Bergsträßer Winzer eG, Otto Guthier, in Heppenheim mit. «Mit 175 Grad Oechsle haben wir einen Spitzenwert. Wir sind sehr zufrieden.»

Guthier rechnete damit, dass bis zum Ende der Lese voraussichtlich an diesem Sonntag noch etwa 100 bis 150 Liter dazukommen. Die Winzer bewirtschaften eine Fläche von 263 Hektar. Davon liegen 222 Hektar an der hessischen und 41 Hektar an der badischen Bergstraße.

Der erste Württemberger Eiswein ist in der Nacht zu Freitag gelesen worden. Wie der Weinbauverband mitteilte, sanken die Temperaturen in der klaren Nacht überraschend auf unter minus zehn Grad. «Das ist ideal», sagte Verbandsdirektor Karl Heinz Hirsch. Viele Weinbauern hätten die Gunst der Stunde genutzt, etwa die Fellbacher Weingärtner (Rems-Murr-Kreis). «Es besteht die Gefahr, dass es wieder wärmer wird», erklärte deren Kellermeister Werner Seibold den schnellen Entschluss zur Lese.

Etwa 200 Liter Riesling mit 175 Grad Oechsle hätten sie in eineinhalb Stunden eingefahren. Damit kann der neue Eiswein nicht ganz an die Qualität des Eisweins vom Januar mit 207 Grad Oechsle anknüpfen. «Es ist aber immer noch eine gute Qualität», sagte Seibold. Für das Anbaugebiet Baden wird der Start der Eisweinlese für dieses Wochenende erwartet.

Mit etlichen Stunden Verzögerung haben die Winzer im Weinanbaugebiet Saale-Unstrut am Freitag Eiswein gelesen. Bei minus 11,5 Grad wurden am Nachmittag Trauben in einem Weinberg bei Müncheroda geerntet, wie die Winzervereinigung in Freyburg mitteilte. An dem Weinberg waren bei der regulären Ernte im Herbst auf 1000 Quadratmetern Riesling-Trauben stehen gelassen worden, um daraus Eiswein zu machen. Am Morgen war die Lese verschoben worden, weil die Trauben noch nicht durchgefroren waren.

Lange Zeit war die Eiswein-Herstellung aus klimatischen Gründen nur in Deutschland und Österreich möglich. Inzwischen gilt Kanada als der weltweit größte Erzeuger-Land. dpa