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27. April 2009

Fatih Akin und Soul Kitchen: Die Liebe zum Restaurant

Seine aktuelle Arbeit ist der Film Soul Kitchen, in dem er die Geschichte eines Restaurantbesitzers erzählt, Schauspieler wie Moritz Bleibtreu, Birol Ünel und Adam Bousdoukos wirken mit. Regisseur Fatih Akin über den Film und die Liebe zu den Restaurants in Hamburg

Fatih Akin (35) gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Filmemachern. Der türkischstämmige Regisseur, der in Hamburg lebt, wurde mit Filmen wie «Gegen die Wand» oder «Auf der anderen Seite» auf internationalen Festivals gefeiert. Seine aktuelle Arbeit ist der Film «Soul Kitchen», in dem er die Geschichte eines Restaurantbesitzers erzählt. Schauspieler wie Moritz Bleibtreu, Birol Ünel und Adam Bousdoukos wirken darin mit.

Mit Ihrem Film «Auf der anderen Seite» gewannen Sie vor zwei Jahren in Cannes den Preis für das beste Drehbuch und den Sonderpreis der Ökumenischen Jury, Ihr jüngstes Werk «Soul Kitchen» wurde nicht rechtzeitig fertig für die diesjährigen Filmfestspiele im Mai. Sind Sie enttäuscht?

Fatih Akin: «Wir haben zwei Jahre daran gearbeitet, dass wir das mit Cannes hinbekommen. Zuletzt, als wir dachten, wir schaffen es noch, saßen wir rund um die Uhr im Schneideraum. Doch irgendwann mussten wir uns eingestehen: Der Film ist einfach noch nicht fertig. Nicht nur im Schnitt, sondern ich würde auch gern noch nachdrehen, denn es gab ein paar Szenen, mit denen ich nicht so ganz zufrieden war. Wir haben den Druck rausgenommen und beschlossen, nicht nach Cannes zu gehen. Das Wichtigste für uns ist der Film, nicht das Festival.»

Sie waren 2008 Jury-Präsident der Sektion «Un Certain Regard» in Cannes, saßen in den Jurys anderer Festivals und wurden damit zitiert, dass so manchem Film mehr Zeit für den Schnitt gut getan hätte.

Akin: «Ja, das denke ich hin und wieder. Meiner Meinung nach waren viele dieser Filme eben einfach noch nicht fertig. Natürlich kann man auch zwischen einem Festival und dem Kinostart noch schneiden, aber die Filmwelt hat ihn dann bereits unfertig gesehen. Und die negative Presse, die man sich dann damit einhandelt, kann sehr schaden. Ich bewundere ganz ehrlich Kollegen wie Quentin Tarantino, der seine Filme in so kurzer Zeit hinbekommt! Ich schaffe das leider nicht.»

Und für wann ist nun der Kinostart für «Soul Kitchen» geplant?

Akin: «Für Ende des Jahres. Vielleicht wird er ja vorher auf einem Festival in Italien zu sehen sein. Cannes ist das wichtigste Film- Festival der Welt und ich wäre liebend gern dort gelaufen, aber was nützt es mir, wenn der Film noch nicht fertig ist.»

Wollten Sie sich nach den beiden ersten Teilen Ihrer Trilogie um Liebe, Tod und Teufel nun eine Komödie gönnen, bevor der dritte Teil sich wieder einem ernsten Thema widmet?

Akin: «Man muss meine Filme im Zusammenhang sehen. Nach "Gegen die Wand" und vor allem nach "Auf der anderen Seite" hatte ich das Gefühl, ich mache jetzt nur noch ernste Sachen. Die Idee zu "Soul Kitchen" hatten wir schon lange und immer zwischendurch aus Lust und Laune weiterentwickelt. Immer, wenn wir nichts Besseres zu tun hatten oder uns mal ablenken wollten, haben wir uns kräftig bei "Soul Kitchen" amüsiert.»

Auch ein Projekt, um sich als Regisseur nicht auf ernste Themen festlegen zu lassen?

Akin: «Zum einen hatte ich das Gefühl: Jetzt noch einen ernsthaften Film - das halte ich nicht durch. Zum Leben gehört nicht nur eine ernste Miene, das Leben besteht auch aus Lachen, Sonnenschein, Leichtigkeit. Zum anderen wollte ich, weil ich mit ernsten Themen erfolgreich wurde, auch nicht einfach dem Erfolg dienen. Es sollte etwas Leichtes sein, etwas zum Austoben, bevor ich die Trilogie beende. Es sollte ein kleiner Hamburg-Film quasi nebenbei werden. Dass er uns dann doch so sehr einnimmt und uns verschlingt, hätte ich auch nicht gedacht.»

Sie betonten bereits vor dem Drehstart, dass es Ihr erster Heimatfilm wird.

Akin: «Es ist ein sehr persönlicher Film, der mein Verhältnis zu Hamburg zeigt. Es ist eine Liebeserklärung an meine Heimatstadt! Ich liebe Hamburg und hänge sehr an dieser Stadt. Hier habe ich mein soziales Netzwerk, weiß, wo es die besten Restaurants gibt, in welche Clubs die Türsteher mich reinlassen und in welche nicht (wenn ich Turnschuhe trage, eben auch mal nicht). Ich weiß, welche Abkürzungen ich bei Stau nehmen muss, wann ich am besten mit der U-Bahn zur Arbeit fahre - eben alles solche Dinge, die man man sich über Jahre angeeignet hat. Ich wäre viel zu faul, das in einer anderen Stadt noch einmal zu entdecken.»

Die Vorlage für das Restaurant in «Soul Kitchen» lieferte Ihr Stammlokal «Sotiris» in Hamburg. Sind Sie denn dort noch oft zu Gast?

Akin: «Inzwischen nicht mehr, denn Adams Bousdoukos, der ja auch die Hauptrolle im Film spielt, hat es nach dem Dreh verkauft. Mit Adam zusammen habe ich auch das Drehbuch geschrieben. Früher saßen wir immer im "Sotiris". Mittlerweile treffen wir uns in anderen Lokalen, in anderen Stadtteilen - ein bisschen dankbar dafür bin ich ja, denn man sieht mehr von der Stadt.»

Was denken Sie, wie Ihr erster «Heimatfilm» in der Türkei gesehen wird?

Akin: «Ich denke, eher wie eine ausländische Produktion. Während "Auf der anderen Seite", "Crossing The Bridge" und auch "Gegen die Wand" dort als heimische Filme angesehen wurden, wird man diesen wohl wie einen europäischen wahrnehmen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass sich meine Landsleute dort auch bisschen danach sehnen: Dass ich etwas mache, das weniger von den Problemen ihres Landes zeigt.»

An der Langzeitdoku «Der Müll im Garten Eden» über den Kampf der Bürger des türkischen Bergdorfs Camburnu gegen ihren Staat, der oberhalb ihrer Siedlung eine riesige Mülldeponie errichten will, arbeiten Sie aber weiterhin?

Akin: «Ja, und wenn der Film irgendwann fertig wird, ist es kein Film, der das Umweltbewusstsein und die Umweltpolitik der Türkei in strahlendem Licht zeigen wird. Ich fühle mich nach wie vor verpflichtet, diese Arbeit zu machen. Es ist auch das einzige Projekt im Moment, das ich in der Türkei mache.»

Mit Ihrer Firma Corazón International engagieren Sie sich auch als Produzent, etwa bei dem gerade beim Deutschen Filmpreis für das Drehbuch und den Schnitt ausgezeichneten Streifen «Chiko» von Özgür Yildirim. Bleibt Ihnen denn überhaupt neben Ihren eigenen Werken noch Zeit dafür?

Akin: «Bislang war ich da auch nicht rund um die Uhr gefragt, sondern habe etwa die Drehbuchfassungen gelesen und meinen Kommentar dazu gegeben. Aber inzwischen habe ich für mich begriffen, dass mir selbst dazu Kraft, Zeit und Ausdauer fehlen, wenn ich mich auch noch meinen eigenen Filmen richtig widmen will. Produzieren ist ein ernstzunehmender Job, den macht man nicht zwischen Tür und Angel. Deshalb ziehe ich mich künftig daraus ein bisschen zurück und überlasse das meinen Mitarbeitern.»

Und mal wieder als Schauspieler aufzutreten wie früher gelegentlich - haben Sie dazu Lust und Zeit?

Akin: «Ich würde sehr gern mal wieder spielen. Vor allem bei "Soul Kitchen" habe ich das gemerkt. Gar nicht so sehr, weil mich das Spielen so reizt oder weil ich mich so toll finde vor der Kamera, sondern aus Gründen der Weiterbildung. Bei "Soul Kitchen" war ich dann und wann ungeduldig mit den Schauspielern und gelegentlich auch patzig, deshalb wäre es wohl hilfreich, sich wieder besser in sie hineinversetzen zu können. Wenn ich einfach mal wieder die Erfahrung machen würde, auf der anderen Seite zu stehen, wäre ich vielleicht wieder einfühlsamer und liebevoller mit ihnen.» Interview: Dorit Koch, dpa