REISE
14. Juni 2009

Ferien auf dem Bauernhof

Im Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern öffnen immer mehr Landwirte ihre Höfe für Touristen

«Toll!», entfährt es der 13-jährigen Katharina aus Berlin, als sie nach einer Runde mit dem Trecker fröhlich von dem Gefährt in den Ackermatsch hüpft. Dafür klettert dann die siebenjährige Anna rasch hinauf und übernimmt - zusammen mit einem Profi-Traktoristen - das Steuer der Landwirtschaftsmaschine von Bauer Holger Kliewe in Mursewiek auf Rügen. Auch in Mecklenburg- Vorpommern öffnen immer mehr Landwirte ihre Höfe für Touristen. Doch was in Bayern oder Baden-Württemberg lange Tradition hat, steckt im nordostdeutschen Bundesland noch in den Kinderschuhen, weiß Kliewe.

Gerade einmal fünf Prozent der Gäste in der Region machen Schätzungen zufolge im Land zwischen Ostsee, Elbe und Oder Urlaub auf dem Bauernhof, sagt er. Das liege vor allem an der Agrarstruktur des Nordostens, die mehr durch großflächige Unternehmen denn kleine Familienbetriebe gekennzeichnet sei. «Uns fehlen die klassischen Bauernhöfe», sagt der Landwirt. Cornelia Hass, Geschäftsführerin vom Landurlaub Mecklenburg-Vorpommern e.V. in Dummerstorf, bestätigt: «Strukturell bedingt gibt es nur wenig Bauernhofurlaub im Nordosten.» Über Jahrhunderte herrschte die Gutsherren-Landwirtschaft vor, zu DDR-Zeiten die LPG und jetzt dominieren die großen Agrargenossenschaften, sagt sie.

Von über 300 Anbietern für Landurlaub in Mecklenburg-Vorpommern könnten höchstens zehn Prozent wirkliches Bauernhof-Ambiente bieten und noch weniger seien Bauern im Haupterwerb. «Landurlauber» - die wenigsten von ihnen kommen in richtigen Agrarunternehmen unter - bleiben gut zwei Millionen Nächte pro Jahr in Mecklenburg-Vorpommern und stellen damit rund acht Prozent aller Touristenübernachtungen. Der Verband setzt nicht auf mehr Betten beim Bauern, sondern auf landwirtschaftliche Attraktionen für die Nebensaison wie Essen, Hofladen-Hopping und Führungen über grandios riesige Felder, die bis zum Horizont reichen, erklärt die Expertin.

Bauer Kliewe auf Rügen baut künftig noch stärker auf Touristen, weil ihn die wirtschaftliche Situation dazu zwingt, wie er sagt. Der Geflügelzüchter, der den 170 Jahre alten, verhältnismäßig kleinen Familienbetrieb mit 55 Hektar 1990 aus der Genossenschaft zurückerhalten hatte, erlebte seinen jüngsten großen Einbruch mit der Geflügelpest 2006. Obwohl das Virus nie in einen von Kliewes Ställen gedrungen war, wurden seinerzeit 2200 Enten, Gänse und Hühner vorsorglich getötet. Bei der Lage des Hofes unmittelbar neben den Rastplätzen tausender Saatgänse und Schwäne habe es keine Alternative gegeben, sagt Kliewe.

Damals entschied sich der heute 46-Jährige für den Umbau zum Erlebnis-Bauernhof. Dieser lockt mittlerweile rund 50 000 Urlauber und Tagesgäste im Jahr an, die 30 Prozent des Betriebsumsatzes - in Vier- und Fünf-Sterne-Ferienwohnungen, Hofladen und Restaurant - bringen. Haupterwerbszweig sei wieder die Geflügelzucht mit rund 10 000 Tieren, sagt Kliewe. Ackerbau, Mutterkuh- und Pferdehaltung bringen zehn Prozent seines Jahresumsatzes. Um ein «Paradies für stressgeplagte Städter» zu schaffen, schloss sich Kliewe sogar mit der Konkurrenz zusammen für «Landpartien» über mehrere Höfe.

Landurlaub sei bundesweit Trend und weit mehr als nur ein Zubrot für die Bauern, betont Frank Wetterich, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus in Deutschland. Bundesweit böten Schätzungen zufolge etwa 25 000 Landwirte Ferienunterkünfte an. Jeder 14. Bauer arbeitet damit auch im Tourismus. Fast die Hälfte dieser Höfe erwirtschaftet im Fremdenverkehr mehr als ein Viertel des Einkommens. dpa www.bauernhofurlaub-deutschland.de