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24. August 2017

Foodwatch-Kritik an Rückrufaktionen Zu spät und ohne Breitenwirkung

Fipronil im Ei, Metallstücke im Keks, Salmonellen im Fleisch: Hunderte Male wurden in den vergangenen Jahren Lebensmittel zurückgerufen. Verbraucherschützern zufolge läuft dabei aber längst nicht alles rund.

Todesfälle wegen belasteter Lebensmittel sind selten - aber es gibt sie. Unternehmen, Behörden und der Handel tun aus Sicht von Verbraucherschützern nicht genug, um Konsumenten vor solchen Gefahren zu schützen.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat das System der Lebensmittelwarnungen in Deutschland als "mangelhaft" gerügt. Warnungen vor möglicherweise gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln erreichten die Menschen in Deutschland oftmals zu spät oder gar nicht, sagte Geschäftsführer Martin Rücker am Donnerstag bei der Vorstellung eines auf Foodwatch-Recherchen basierenden Reports.

"Zu oft kommt es nicht zum Rückruf, obwohl dieser geboten wäre", sagte Rücker. Auch werde die Öffentlichkeit nicht immer über Rückrufe informiert, teils mit Wissen der Behörden. "Das ist ein handfester Skandal." Foodwatch kann jedoch nicht belegen, wie oft dies vorkommt und beruft sich auf Angaben von Branchenexperten.

Foodwatch erklärte, die "verfehlte Informationspolitik" im aktuellen Skandal um mit dem Insektizid Fipronil belastete Eier sei kein Einzelfall. Zu viel Entscheidungsmacht liege aktuell noch bei den Herstellern, sagte Lena Blanken von Foodwatch. Diese entschieden, ob ein fehlerhaftes Produkt für Verbraucher ein Gesundheitsrisiko darstellt und überhaupt zurückgerufen wird. Selbst überschrittene Grenzwerte seien nicht zwingend ein Grund. Behörden fehle in vielen Fällen die Rechtssicherheit, einzugreifen - falls sie überhaupt davon erfahren. Sie müssten Schadenersatzforderungen fürchten. Klarere Vorgaben im deutschen und europäischen Lebensmittelrecht seien erforderlich.

Und selbst wenn gewarnt und zurückgerufen wird, passiert das dem Report zufolge häufig zu spät. Auf dem staatlichen Portal lebensmittelwarnung.de erschien im Untersuchungszeitraum fast jede zweite Warnung verzögert. Es gehe zumeist um Tage, in Ausnahmefällen auch um Wochen Verspätung - selbst bei schnell verderblichen Produkten, die in der Regel Stunden nach dem Kauf verzehrt werden. Foodwatch hatte gut 90 Rückrufaktionen ausgewertet. Auch sei die 2011 ins Leben gerufene Webseite wenig verbraucherfreundlich, so Rücker: Sie sehe aus, als sei in den 90er Jahren eine Excel-Tabelle versehentlich ins Netz gestellt worden.

In den vergangenen Jahren wurden im Schnitt rund 100 Lebensmittel pro Jahr zurückgerufen, Tendenz steigend. Schwere Erkrankungen und Todesfälle ausgelöst von belasteten Lebensmitteln sind selten. Allerdings starben dem Report zufolge zum Beispiel 2009/2010 acht Menschen in Österreich und Deutschland im Zusammenhang mit einem mit Listerien belasteten Käse. Diese Bakterien können für Schwangere und Immungeschwächte gefährlich sein.

In anderen Fällen ging es bei Rückrufen zum Beispiel um Glasscherben in Brot oder Metallteilchen in Würstchen. Auch fehlende Angaben, etwa zu allergieauslösenden Zutaten, können ein Rückrufgrund sein. dpa

Fragen und Antworten
Von Gisela Gross

Wie häufig werden Lebensmittel zurückgerufen?

Im Schnitt der vergangenen Jahre gab es nach Foodwatch-Berechnungen zwei Rückrufe pro Woche. Die Anzahl hat allerdings über die Jahre zugenommen, von 83 Rückrufen im Jahr 2012 auf 148 im vergangenen Jahr. Meist ging es um Verunreinigungen mit Bakterien wie Salmonellen. Aus Sicht von Experten hängt die Zunahme mit einer gestiegenen Bereitschaft der Unternehmen zusammen, fehlerhafte Produkte auch tatsächlich zu melden.

Wie läuft ein Rückruf ab?

Betroffene Chargen werden nicht weiter ausgeliefert und der Verkauf gestoppt, die Ware wird aus den Regalen und Lagern von Händlern geräumt, Kunden werden informiert und zur Rückgabe gekaufter Ware aufgerufen. So sollte es jedenfalls sein. Die öffentliche Warnung gebe es aber nicht immer, berichtet Foodwatch - es komme "immer wieder zum Rechtsbruch". Genaue Zahlen liefert die Organisation dazu aber nicht, sie beruft sich auf Angaben anonymer Branchenexperten. Je nach Fall kann es auch reichen, wenn ein Unternehmen nur Verzehrhinweise herausgibt - zum Beispiel, dass belastetes Hackfleisch gut durchgegart werden sollte.

Was tun die Behörden?

Ihnen seien oftmals die Hände gebunden, so Foodwatch. Denn Risikoeinschätzung und öffentliche Warnung seien vorrangig Aufgabe der Unternehmen. Behörden würden in der Regel überhaupt nur informiert, wenn ein Hersteller sich für Rückruf oder Rücknahme entschieden hat, so Foodwatch. Hinzu kommt: Behörden-Warnungen bergen die Gefahr, dass betroffene Unternehmen Schadenersatz fordern.

Wie erfährt man als Verbraucher von Rückrufen?

Eigentlich gibt es viele Möglichkeiten: Medien, Aushänge, soziale Netzwerke, Firmenwebseite, Newsletter - doch diese werden aus Sicht der Verbraucherschützer längst nicht ausgeschöpft. Unternehmen legen dem Report zufolge weitgehend selbst fest, wie und in welchem Umfang sie warnen. Das staatliche Portal lebensmittelwarnung.de kommt nicht gut weg: Fast jede zweite der gut 90 für den Report untersuchten Warnungen gelangte demnach mit Verspätung auf die Seite, teils geht es um Tage oder gar Wochen. Gründe seien etwa eine verzögerte Weitergabe von Informationen zwischen Behörden, das Warten auf eine Reaktion des Herstellers oder Feiertage.

Was bestimmt die Informationspolitik von Unternehmen?

Die Verbraucherschützer sehen Firmen in einem "unauflösbaren Interessenkonflikt" - es gehe um die Angst vor Umsatzeinbrüchen und vor einem Imageschaden. Entsprechend werde zum Beispiel von einer Information über breitenwirksame, aber für Werbebotschaften gedachte Kanäle wie Facebook tendenziell eher abgesehen. Einheitliche Vorgaben zu den zu Informationskanälen gebe es nicht, beklagt Foodwatch.

Gibt es auch positive Beispiele?

Foodwatch schildert einen Fall, in dem eine Firmenchefin sogar ihre Handynummer veröffentlicht habe, um Verbrauchern bei Fragen zur Verfügung zu stehen. So etwas sei aber die Ausnahme. Dabei betont die Organisation, dass etwa vorsorgliche Rückrufaktionen zunehmend als Zeichen verantwortlichen Handelns von Kunden honoriert würden. Über den vorsorglichen Eier-Ruckruf großer Discounter im Zuge des Fipronil-Skandals hatte ein Marketing-Experte zum Beispiel kürzlich der dpa gesagt: "Sie signalisieren den Kunden damit, wir kümmern uns, wir tragen Sorge für Euch."

Was sollte sich beim Rückruf-System ändern?

Neben gesetzlichen Klarstellungen - es gehe um das deutsche und das europäische Lebensmittelrecht - und einer Überarbeitung des staatlichen Warn-Portals müssten aus Sicht von Foodwatch Supermärkte an zentraler Stelle über alle Rückrufaktionen informieren, die ihr Sortiment betreffen. Bislang machten das die wenigsten Händler.