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08. September 2010

Foodwatch, Verbraucherschutz und die Essenfälscher

Als Täuscher und Trickser prangert Thilo Bode in seinem Buch "Die Essenfälscher" die Nahrungsmittelindustrie an. Gespräch mit dem Chef der Verbraucher-Organisation Foodwatch

Thilo Bode fordert die Konsumenten auf, ihren Ärger zu zeigen. Die öffentliche Empörung müsse so groß werden, dass die Industrie unter Druck kommt, meint Bode: «Die Politik wird nur dann intervenieren, wenn eine kritische Stimmung da ist.» Das Interview:

Sie werfen der Lebensmittelindustrie in dem Buch «Die Essensfälscher» vor, mit ihren Produkten systematisch zu täuschen. Kann sich der Verbraucher in Deutschland nicht mehr gesund ernähren?

Bode: «Diese Täuschung geschieht ja nicht in moralisch-verwerflicher Absicht. Die Konzerne sind quasi zur Täuschung verdammt, weil sie keine Wachstumsspielräume mehr haben. Mehr als sich sattessen können die Leute nicht. Die Unternehmen sind Rendite getrieben und müssen sich Innovationen einfallen lassen. Da es beim Essen aber nicht mehr viel zu erfinden gibt, entwickeln sie Täuschungsstrategien.»

Sind Verbraucher nicht naiv, wenn sie Versprechungen der Industrie erliegen?

Bode: «Wenn eine Wurst mit light beworben wird, kann der durchschnittliche Verbraucher nicht erkennen, dass sie zwar weniger Fett, aber umso mehr ungesundes Salz enthält. Es hat also nichts mit Naivität zu tun, sondern die Produktinformationen erschließen sich ihm nicht.»

Was sind die dreistesten Täuschungen?

Bode: «Die toppen sich alle gegenseitig. Das sogenannte Functional Food suggeriert den Verbrauchern, dass sie gleichzeitig eine Art Medikament kaufen. Ein Beispiel ist Actimel von Danone, das dreimal so viel wie ein Naturjoghurt kostet, der die Abwehrkräfte ähnlich stärkt. Wenn ich mir denke, dass Nestlé plant, in ein paar Jahren 50 Prozent des Umsatzes mit Functional Food zu machen, ist das eine ganz furchtbare Welt. Es gibt Gourmetsüppchen, die nichts anderes sind als versalzenes, aromatisiertes Wasser. Kinderprodukte, die als gesunde Snacks daherkommen, stellen in Wirklichkeit Zuckerbomben dar. Die Konzerne drücken sich erfolgreich vor ihrer Verantwortung, weil sie glauben, sie müssten wie Ferrero irgendwelche Kinder-Sportabzeichen fördern und nicht ehrliche Produkte liefern.

Wie können effektive Regeln aussehen?

Bode: «Das reicht von einer klaren Nährstoffangabe bis zu einer aussagekräftigen Zusatzstoffkennzeichnung. Wir brauchen auch eine ehrliche Definition von "regional". Schwarzwälder Schinken darf so beworben werden, obwohl das Fleisch aus ganz Europa aus Massentierhaltung in den Schwarzwald transportiert und dort geräuchert wird. Die Informationsrechte sollten gestärkt werden, so dass Unternehmen Auskunft erteilen müssen, welche Inhaltsstoffe wie zum Beispiel Aromen sie einsetzen. Deutschland muss aber auch auf europäischer Ebene aktiv werden. Verbraucher brauchen das Recht, Gesetze gerichtlich zu hinterfragen. Dann können wir eine Verordnung, die beinhaltet, dass Zusatzstoffe nicht deklariert werden müssen, anfechten.»

Welche Rolle spielt die Politik dabei?

Bode: «Die Politik spielt eine erbärmliche Rolle beim Verbraucherschutz. Sie agiert als Dienstleister der Wirtschaft. Man kann das mit dem Finanzmarkt vergleichen. Einem Finanzmarktpapier kann man nicht ansehen, was es für eine Anlage ist und welches Risiko es birgt. Bei einem Lebensmittel ist es genauso: Die Herkunft, Art der Herstellung oder die Wirkung der Zutaten sind nicht unmittelbar zu erkennen. Wenn diese Transparenz nicht besteht, funktioniert der Markt nicht. Dann ist Tür und Tor der Täuschung geöffnet.»

Braucht es also auch in der Nahrungsmittelbranche einen Crash?

Bode: «Ich hoffe nicht. Aber die öffentliche Empörung muss so groß werden, dass die Industrie unter Druck kommt. Die Politik wird nur dann intervenieren, wenn eine kritische Stimmung da ist. Es ist wie im Finanzwesen: Die Nahrungsmittelbranche ist mit allen Bereichen der Politik eng verflochten. Das Verbraucherschutz-Ministerium ist ein ausgesprochenes Klientelministerium der Agrar- und Lebensmittelindustrie. Deswegen wird sich nur etwas ändern, wenn die Verbraucher sauer werden.» (Florian Lütticke, dpa)