RESTAURANTS
07. Juli 2010

Freitagsküche im Atelier Frankfurt

Krimi-Autor Jan Seghers oder Biennale-Künstler Tobias Rehberger stehen am Herd im Atelierfrankfurt

Der tunnelartige Durchgang zum Hinterhof des «Atelierfrankfurt» ist düster. Durch eine verbeulte Eisentür ohne Aufschrift - rechts in der Tunnelwand - dringt Gemurmel und Indie-Musik. Nur Szenekundige finden das wöchentliche Koch- Ereignis «Freitagsküche». Im ehemaligen Frankfurter Polizeipräsidium, wo sonst Designer oder Filmemacher arbeiten, hat sich ein Event etabliert, das längst kein Geheimtipp mehr ist. Es hat sogar schon Gastspiele gegeben - zum Beispiel 2005 im Berliner «Palast der Republik».

«Früher war das Ganze etwas illegaler. Da kam schon öfter Mal die Polizei vorbei und hat die Veranstaltung beendet», berichtet Thorsten Seeber (41), der gerade sein Essen am Tresen abgeholt hat: Minestrone und Rindsleber mit Zwiebel und Apfelringen.

Die Idee der «Freitagsküche»: Wechselnde Vertreter der Kunstszene - darunter war schon der Krimi-Autor Matthias Altenburg alias Jan Seghers oder der Biennale-Künstler Tobias Rehberger - bekochen das Publikum - und das in etwa zum Einkaufspreis. Die Küchenzeile ist offen und geht in die Restaurant-Halle über. Meist steht ein Gericht mit Fleisch oder Fisch auf der Karte, ein vegetarisches und Nachtisch. Die Besucher stellen sich vorab in die Schlange, und lassen sich in Listen eintragen, was sie haben möchten. Später - häufig viel später - werden die Namen der Gäste quer durch den mit Essensdämpfen und Zigarettenrauch durchzogenen Raum gerufen.

«In der Freitagsküche geht es um möglichst viel Freiraum und Ungezwungenheit, was man in einem normalen Restaurant nicht hätte», erläutert Thomas Friemel (33), einer der Organisatoren. Die Initiatoren des am Anfang nur für kurze Zeit geplanten Projekts betreiben die «Freitagsküche» eher als ein Hobby. «Keiner von uns verdient damit sein tägliches Brot», erklärt Friemel, der als Regisseur auch Festivals leitet. Trotzdem investieren sie viel Zeit. Es müsse mit 16 Stunden Vorbereitungszeit pro Veranstaltung gerechnet werden, zum Beispiel für das Einkaufen.

«Uns geht es mit der Freitagsküche nicht um den Dreck des Untergrunds, wir suchen nicht bewusst die verwinkeltsten Absteigen», sagt Friemel. Den konspirativen Charakter hat die «Freitagsküche», ein eingetragener Verein, in den sechs Jahren seit ihrer Gründung zwar nicht völlig abgelegt. Inzwischen ist sie aber doch soweit in der Gesellschaftsmitte angekommen, dass selbst Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) von ihr schwärmt: «Sie stiftet in ganz eigener Weise Verbindungen zwischen Künstlern, Kulturinteressierten und einfach Neugierigen.»

Ein herkömmliches Restaurant ist die «Freitagsküche» trotzdem nicht. «Die Leute und die Atmosphäre sind sehr angenehm und irgendwie außergewöhnlich», sagt etwa Projektmanagerin Antje Reinert. Die 35- Jährige ist heute zum ersten Mal in der «Freitagsküche». Ihr Arbeitskollege Thorsten Seeber, mit dem sie gekommen ist, ist schon seit den Anfängen dabei. Zwischendurch habe er mal eine Pause eingelegt, «aber man kommt halt immer wieder».

Auf das Essen muss schon mal bis zu zweieinhalb Stunden gewartet werden. Den meisten fällt das aber gar nicht auf, dafür tummeln sich zu viele interessante, gesprächige Leute neben einem an den langen Tischen auf den Bier-Bänken unter den tiefhängenden Lampenschirmen. Zwischen Hauptgang und Nachtisch tanzen die ersten Gäste bereits. Der DJ spielt «Helden», die deutsche Version von David Bowies «Heroes».

«Wir sind zu spät gekommen und haben kein Essen mehr gekriegt», erzählt die 25-jährige Sarah Dittmann - trotz allem vergnügt. Sie ist mit Freunden in die «Freitagsküche» gekommen, um einen Geburtstag zu feiern. Egal, Getränke gibt's noch und auch Musik bis in die Nacht. Am Ende ist sich Sarah Dittmann sicher, dass sie wiederkommen wird. «Das nächste Mal nur ein bisschen früher.» (Franziska Völlinger, dpa)