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07. Juli 2009

Functional Food

Functional Food, verzehrfertige Lebensmittel mit Zusatznutzen, ersetzt keine ausgewogene Kost

Es klingt praktisch: mit ein paar Löffeln Joghurt den Darm gesund halten, mit der richtigen Margarine den Cholesterinspiegel senken und durch die spezielle Salami ein paar Vitamine zusätzlich tanken. Solche verzehrfertigen Lebensmittel mit Zusatznutzen - neudeutsch Functional Food genannt - gibt es mittlerweile in jedem Supermarkt. Und das Angebot wächst stetig: Schätzungen zufolge wird spätestens im kommenden Jahr jedes vierte Produkt mit funktionellen Zusätzen angereichert sein. Wer braucht da noch frisches Obst und Gemüse?    

«Als funktionelle Lebensmittel versteht man Lebensmittel, die über ihren reinen Nährwertcharakter hinaus eine positive gesundheitliche Wirkung haben sollen», erläutert Prof. Gerhard Rechkemmer, Präsident des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. Gedacht seien sie vor allem für Menschen, die zusätzlich etwas für ihre Gesundheit tun wollen - etwa diejenigen, die im Rahmen eines Diätplans wegen zu hohen Cholesterins ihre Ernährung umstellen.    

Functional Food sei aber nichts für Bequeme, schränkt Rechkemmer ein. Es ersetze weder eine ausgewogene Ernährung noch könne es einen ungesunden Lebensstil kompensieren. «Es ist grundsätzlich möglich, sich ohne funktionelle Lebensmittel gesund zu ernähren», urteilt die Ernährungswissenschaftlerin und Autorin Annette Sabersky aus Hamburg. Aus Rechkemmers Sicht spricht aber nichts gegen die Produkte, wenn ihre Wirkung «seriös wissenschaftlich» untermauert ist.    

Genau das war lange ein Problem. So haben einige Hersteller diesen wissenschaftlichen Nachweis zwar schon immer geführt. Daneben gab es aber auch «Trittbrettfahrer», die einfach irgendetwas beigemischt und dann damit Werbung gemacht haben, wie Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn kritisiert. Seit Ende 2006 dürfen Verbraucher auf diese Weise aber nicht mehr in die Irre geführt werden. Seither regelt die EU-Richtlinie 1924/2006, dass gesundheitsbezogene Angaben nur erlaubt sind, wenn sie sich anhand allgemein anerkannter wissenschaftlicher Erkenntnisse belegen lassen.    

Doch auch das sehen manche Experten skeptisch. Wie Keller bemängelt Sabersky, dass nicht genügend aussagekräftige Studien vorliegen. Meist seien es herstellereigene Untersuchungen. Und die wenigen unabhängigen Studien beruhten nicht auf verzehrten Lebensmitteln, sondern auf Tabletten, die Probanden zu sich nahmen.    

Die bekanntesten und ältesten Beispiele für Functional Food sind probiotische Milchprodukte, allen voran Joghurts. Sie enthalten meist sogenannte Lactobazillen, also Milchsäurebakterien. «Sie sollen, je nach Keim, das Immunsystem stärken und die Verdauung in Schwung setzen», erklärt Sabersky. Von der Idee her sei das nicht schlecht, ergänzt Keller. So sei bekannt, dass der Verzehr bestimmter Bakterienstämme die Durchfallrate und -dauer bei Kindern senken kann.    

Doch auch normaler Naturjoghurt enthält solche Keime - wenn auch nicht in ganz so großer Anzahl wie sein um etwa 30 Prozent teureres probiotisches Pendant. Hinzu kommt: «Für gesundheitliche Auswirkungen muss man eine bestimmte Menge konsumieren», sagt Rechkemmer. Wer nur einmal im Jahr einen probiotischen Joghurt isst, dürfe nicht erwarten, dass das einen Effekt hat. Die DGE rät im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung grundsätzlich zum regelmäßigen Verzehr von herkömmlicher Sauermilchware wie Kefir, Joghurt oder Buttermilch. «Damit kann man auch etwas für seine Darmflora tun», betont Keller.    

Eine ähnlich Wirkung wie die Probiotika sollen die sogenannten Prebiotika haben. Häufig sind es neben Milchprodukten angereicherte Müslis. Sie enthalten laut Sabersky Wirkstoffe wie pflanzliches Inulin oder den Ballaststoff Oligofructose, der im Darm das Wachstum der «guten» Keime fördern soll. Und als positiv für Herz und Kreislauf bewerben Hersteller Eier oder Brot mit zusätzlichen Omega-3-Fettsäuren. Keller rät aber zu Nahrungsmitteln, die von Natur aus reich an solchen Fettsäuren sind. Wer ein- bis zweimal pro Woche fetten Seefisch oder Kaltwasserfisch isst und stets hochwertige Öle wie Raps-, Walnuss- oder Leinöl verwendet, sei bestens versorgt.    

Bonbons, Säfte oder Salami mit den zugesetzten antioxidativen Vitaminen A, C und E oder Mineralstoffen wie Kalzium stellen eine weitere Gruppe funktioneller Lebensmittel. Sie sollen im Körper unter anderem für zusätzlichen Zellschutz sorgen. Nötig seien sie dafür aber nicht, sagt Keller. «Es gibt noch viel mehr Antioxidantien in Form von sekundären Pflanzenstoffen, die in Obst und Gemüse enthalten sind.» Sie empfiehlt daher, viel und abwechslungsreich von den naturbelassenen Gewächsen zu essen. Dann bestehe auch nicht die Gefahr, zu viel Vitamin A oder dessen Vorstufe Beta-Karotin zu sich zu nehmen: Denn das kann in größerer Menge krebserregend sein.    

Noch heikler sind Phytosterine: Das sind mit pflanzlichen Substanzen (Sterinen) angereicherte Produkte wie Margarine oder Käse, deren regelmäßiger Verzehr nachweislich das Cholesterin senkt. Rechkemmer rät dazu, diese Lebensmittel nur in Absprache mit dem Arzt zu essen. So sollte nicht die ganze Familie eine Spezial-Margarine wählen, wenn nur bei einem Mitglied der Cholesterinspiegel erhöht ist. Generell gilt laut Rechkemmer: «Man muss nicht zu funktionellen Lebensmitteln greifen, wenn man sich ausgewogen ernährt, ausreichend bewegt, kein Übergewicht oder andere Erkrankungen hat.» Preiswerter ist solch eine gesunde Ernährung ohnehin. (Nina C. Zimmermann/dpa)