15. Oktober 2009

Glokalisierung

Weltläufig und regional: Beim Essen geht der Trend zur Glokalisierung - global und lokal

Für Konrad Geiger ist die Sache einfach: Sein gebackener Kichererbsen-Kürbis-Salat ist so regional wie international. Der Kürbis ist ein heimisches Produkt, Kichererbsen stammen ursprünglich aus dem Orient - angebaut werden sie aber inzwischen in Österreich. Der Biospitzenkoch serviert den Salat zu geräucherter Hähnchenbrust, die er mit Sojasoße und Honig leicht asiatisch mariniert und im Dampf aus grünem Tee verfeinert hat. Das Ganze bezeichnet er als «Ethnic Food» oder «Fusion Cuisine».

Gemeint ist damit ein Trend, den Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut in Kelkheim (Taunus) schon länger beobachtet. «Glokalisierung» nennen sie und ihre Kollegen dieses Erscheinungsbild. Authentisches, Heimatliches, Erdgebundenes werde in überraschender Weise mit fremden Einflüssen kombiniert. Bislang sei das vor allem in der Mode oder im Gesundheitsbereich zu beobachten gewesen: So boome etwa die Integrationsmedizin, wo zum Beispiel Akupunktur mit schulmedizinischen Ansätzen verbunden wird - das globale Wissen verschmilzt mit dem lokalen.

Beim Essen sei das ähnlich: «Soja-Soße läuft der guten alten Maggi-Würze den Rang ab und Wasabi ist der neue Meerrettich», nennt Huber zwei Beispiele. Auf der Anuga erläuterte sie anhand der Studie «Trends shaping Drinks» die Idee der Glokalisierung näher: «Dieser Trend beinhaltet das Erstarken regionaler Wirtschaftskreisläufe, aber auch eine Werte-Renaissance des Vertrauten, des Authentischen und der Heimat», heißt es darin. Aber mit Heimat sei längst nicht mehr das Ewig-Gestrige gemeint. Die Welt wachse vielmehr kulinarisch zusammen.

So können die Gehetzten von heute mit einem Antistress-Drink entspannen, der sich aus heimischer Brennnessel und fernöstlichen Zutaten wie Ginkgo, Ginseng und Aloe Vera zusammensetzt. Wer den Geschmack des Orients unterwegs nicht missen will, kann sich einen an die altbekannte Fünf-Minuten-Terrine angelehnten Couscous-Snack mit heißem Wasser aufgießen. Und die große Welt der Molekular-Küche lässt sich mit einem Bastelset für Einsteiger ins Haus holen: Innerhalb weniger Minuten können damit Geschmacksperlen und Gelees auf Algenbasis hergestellt werden, wie sie sonst nur Sterneköche oder Naturwissenschaftler hinbekommen.

Eine entscheidende Rolle bei der Glokalisierung kommt laut Zukunftsinstitut dem Internet zu. Hersteller können Konsumenten nicht nur gezielt einzeln anzusprechen, sondern sind ortsunabhängig. Das Internet ermögliche deshalb die ganze Spannbreite von eng begrenzt lokaler Aktion bis zur globalen Kommunikation, sagt Huber. «Und es nivelliert Größenunterschiede und ist damit ein hervorragendes Sprungbrett für kleine und mittlere Anbieter.»

Das machen sich zum Beispiel Online-Marktplätze wie lokalgold.de mit Sitz in Hamburg zunutze. Dort bieten kleine Manufakturen deutschlandweit handgefertigte Produkte wie Konfitüren, Senf oder Gebäck an, die sie ohne Internet nur in ihrer Region vertreiben könnten. Und die Kunden wissen um die Herkunft der bestellten Ware: Vertrauen in den Produzenten und das Wissen, dass jemand rechtschaffen wirtschaftet, sei ihnen wichtiger als irgendein unbekanntes Qualitäts-Zertifikat, sagt Betreiber Björn Schäfer.

Auch so spielt das Internet in Zeiten der Glokalisierung auch bei der Rückverfolgbarkeit der Waren eine Rolle: Das Unternehmen fish & more aus Friedrichshafen zum Beispiel bietet das nach eigenen Angaben weltweit erste Online-Tracking-System für Tiefkühl-Fisch. Auf der Packung steht ein Code, über den der Verbraucher im Internet sehen kann, woher genau der Fisch kommt, den er gekauft hat. Ein vergleichbares System bietet das Label Dole Organics für Bananen: Jede Frucht ist mit einem individuellen Produktcode ausgezeichnet, der online zu der Farm führt, die sie hergestellt hat.

Lückenlose Transparenz werde in Zeiten wachsenden Misstrauens aufseiten der Konsumenten zum Wettbewerbsvorteil, bestätigt auch Zukunftsforscherin Huber. «Bei der Glokalisierung geht es gerade um die Kombination aus Tradition und Moderne», ergänzt sie. Der Konsument der Zukunft sei Glokalpatriot: weltoffen und geerdet zugleich. «Der Frankfurter Äppelwoi wird veredelt, wie Champagner vergärt und dann auf 'Pomming Partys' getrunken», fasst sie den Trend zusammen. (Nina C. Zimmermann, dpa)