REISE
01. September 2009

Hainan ist das Hawaii Asiens

Chinas größte Tropeninsel Hainan hat pro Jahr 300 Sonnentage

Pro Jahr 300 Sonnentage, durchschnittlich 25 Grad im Schatten, ein badewannenwarmes Meer, das an kilometerlange weiße Strände plätschert, dazu Ananas und Mangos, Orchideen und Kokospalmen. Das klingt wie Hawaii? Ist es aber nicht. Nein, es geht um Hainan, Chinas größte Tropeninsel, die ganz im Süden des «Reichs der Mitte» liegt und nur etwas kleiner als Nordrhein-Westfalen ist. Völlig aus der Luft gegriffen ist der Hawaii-Vergleich aber nicht.

Denn, erstens, das chinesische Eiland vergleicht sich selbst gern mit der ein paar Tausend Kilometer weiter östlich gelegenen US-Inselgruppe im Pazifik. Zweitens ist das Klima ähnlich, drittens gibt es hier wie dort Massentourismus: Auf Hainan wurden 2008 rund 6 Millionen Besucher gezählt, davon immerhin 6000 aus Deutschland. Der aktuelle Fünf-Jahres-Plan sieht eine Steigerung der Besucherzahl auf 50 Millionen vor.    

Viertens sehen sich Hawaiis Hauptstadt Honolulu und Sanya, die Touristenmetropole im Süden Hainans, recht ähnlich: Hochhäuser direkt am Strand, viel Verkehr, viele Hotels, viele Fast-Food-Restaurants. Mit dem Unterschied allerdings, dass die chinesische Schnellküche deutlich besser schmeckt als die Produkte der US-Restaurantketten.    

Der Hang zur Hawaii-Verehrung geht - fünftens - so weit, dass auf Hainan sogar das Hawaiihemd imitiert wird: So gut wie alle chinesischen Touristen auf Hainan kaufen sich ein solches Stück Stoff mit knallbunten Mustern. Die farbenfrohen Hemden werden freilich nicht in Hawaii hergestellt, sondern irgendwo in einer chinesischen Textilfabrik. Den Chinesen ist es aber ziemlich egal, ob sie ein Original am Leib tragen oder eine Fälschung: Hauptsache, die Urlaubsoptik stimmt. Und weil Chinesen gern in Gruppen reisen und sich ungern individuell geben, tragen die Mitglieder einer Reisegruppe oder einer Familie oft Hawaiihemden mit identischen Farben und demselben Muster - und manchmal sogar passende Hosen dazu.    

Sechstens: Hawaii und Hainan sind gleichermaßen Einwandererinseln, die ursprüngliche Bevölkerung ist längst in der Minderheit. Auf Hawaii werden Touristen, die sich für die alte polynesische Kultur interessieren, in folkloristische Hula-Shows geschickt, und wer auf Hainan das ursprüngliche Leben kennenlernen will, muss das Volk der Li im Inneren der Insel besuchen. Es lebt hier noch in Hütten aus Reisstroh und geht mit Pfeil und Bogen auf die Jagd, posiert aber längst auch friedlich für touristische Erinnerungsfotos.    

Ein großer Unterschied ist allerdings sofort zu erkennen: Während die Strände auf Hawaii oft voll sind, sind sie auf Hainan erstaunlich leer. Was nicht daran liegt, dass es hier zu wenig Sand gibt. Doch die meisten chinesischen Hainan-Touristen buchen zwar Strandurlaub, aber am Baden im Meer sind sie nicht interessiert, genauso wenig wie am Sonnenbaden. Lieber geht man hier mit einem Sonnenschirm spazieren und begibt sich allenfalls bis zu den Knien ins Wasser, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass viele Chinesen nicht schwimmen können.    

Während auf Hawaii viele Japaner Urlaub machen, sind auf Hainan die Russen die größte Gruppe der ausländischer Besucher, es kommen etwa 150 000 pro Jahr. Das ist vor allem mit der geografischen Nähe zu erklären: Von Sibirien sind es nur wenige Flugstunden nach Hainan. Russisch ist deshalb, noch vor Englisch, die am meisten verbreitete Fremdsprache auf Hainan. Viele Geschäfte sind auch mit kyrillischen Schriftzeichen beschriftet, und auch Speisekarten gibt es viel eher mit russischer als mit englischer Übersetzung.    

Hainans Hauptstadt Haikou liegt im Norden der Insel. Hier spielt Tourismus aber nur eine Nebenrolle, die Hauptrolle hat der Süden rund um Sanya inne, wo es eine Bilderbuchbucht neben der nächsten gibt, inzwischen aber auch ein Hotel neben dem nächsten. Der Bauboom war so ausgeprägt, dass Sanya längst die höchste Dichte an Fünf-Sterne-Hotels in ganz China hat, noch vor Peking und Schanghai. Vertreten sind fast alle großen Ketten: Von Marriott bis Hilton, von Sheraton bis Ritz-Carlton. Auch Kempinski hat ein Strandresort in Sanya aufgemacht - im hauseigenen «Paulaner» servieren Chinesinnen dort in deutscher Tracht deutsches Bier, frisch gezapft vom Fass.    

Wer nicht den gesamten Urlaub am Strand verbringen will, vertreibt sich die Zeit in Sanya - mit Einkaufen und Essen. Die lokale Spezialität sind frittierte Seidenraupen. Hauptsehenswürdigkeit in der Stadt ist der Luhuitou-Park, ein begrünter Hügel, auf dem das Denkmal eines Rehs, das den Kopf dreht, steht. Weniger die Skulptur als vielmehr das Verhalten balzender Chinesen ist hier interessant zu beobachten, denn das vierbeinige Denkmal gilt als Glücksbringer für Verliebte.    

Vor den Toren Sanyas lockt das neu gebaute Nanshan-Kloster mit einer 108 Meter hohen Buddhastatue viele Touristen an. Im benachbarten Tempelrestaurant werden vegetarische Gerichte aufgefahren, die aus Tofu geformt sind, aber wie Fleischspeisen aussehen. «Das passt», denkt sich der Urlauber. Schließlich ist er in China, da wird der Wirklichkeit schon mal auf die Sprünge geholfen.    

Außerhalb der von Hochhäusern geprägten Stadt gibt es üppige Natur zu bewundern, so wie es sich gehört für eine Tropeninsel: Palmenwälder wuchern neben riesigen Plantagen von Wassermelonen; Bauern mit Wasserbüffeln bewirtschaften Äcker und Reisfelder, die so fruchtbar sind, dass drei bis vier Ernten pro Jahr möglich sind.    

Als jüngste Touristenattraktion wurde 2008 der Yanoda-Nationalpark eröffnet, ein Urwald, der eine knappe Autostunde von Sanya entfernt ist. «Yanoda» ist die Grußformel der einheimischen Insulaner, weshalb die Parkmitarbeiter jedem Besucher ein lautstarkes «Ya! No! Da!» zurufen, wo auch immer sie ihm begegnen, selbst auf der Toilette.    

Den Park kann man nicht individuell erkunden, vielmehr schließen sich die Urlauber einer Tour an, die auf perfekt ausgebauten Fußwegen unter Baumriesen und Riesenfarnen entlangführt, vorbei an Wasserfällen, Lianen, Orchideengärten, über Felsschluchten und Hängebrücken. Wer nicht zu Fuß gehen will, setzt sich in eines der vielen Elektrowägelchen, die hier auf einem 18 Kilometer langen Straßennetz durch den Regenwald surren.    

Hainans Hauptattraktion ist das Ende der Welt, ein von großen runden Felsbrocken geprägter Strand an der Südküste. Der Name rührt daher, dass an diesen Ort schon vor rund 1000 Jahren Beamte verbannt wurden, die bei der Obrigkeit in Ungnade gefallen waren. Damals war Hainan der Außenposten des «Reichs der Mitte», wer hier lebte, war abgeschnitten vom Rest der Zivilisation.

Heute geht es am Ende der Welt dagegen hoch her: Chinesische Touristen fallen in Heerscharen ein, kaufen Souvenirs und Wassereis, bestaunen den Strand und die Wellen, die Felsen und die wenigen westlichen Touristen, die sich hierher verirren. Und am Ende wird für das obligatorische Erinnerungsfoto posiert - im Hawaiihemd natürlich. (Thomas Gross, dpa)

Die Hainan-Infos:

REISEZIEL: Hainan ist eine tropische Insel und Chinas südlichste Provinz mit etwa acht Millionen Einwohnern.    

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Mit Cathay Pacific und Dragonair geht es ab Frankfurt/Main über Hongkong auf die Insel. Hainan Airlines fliegt ab Berlin mit Stopp in Peking. Zur Einreise nach China ist ein Visum erforderlich, das von der chinesischen Botschaft in Berlin und den Generalkonsulaten in Hamburg, Frankfurt und München ausgestellt wird (Informationen dazu unter www.china-botschaft.de). Der Reisepass muss noch mindestens sechs Monate gültig sein. Gruppen ab fünf Personen, die im Rahmen einer vorher gebuchten Pauschalreise über Hainan nach China ein- und wieder ausreisen, sind von der Visumspflicht befreit.    

BESTE REISEZEIT: Tropisches Klima. Frühjahr und Herbst sind die angenehmsten Jahreszeiten.    

GELD: Für einen Euro gibt es etwa 10,003 Yuan Renminbi (Stand: September 2009).    

Hainan Tourism Board, c/o TCME, Berlin (Tel.: 030/84 71 08 10); Chinesisches Fremdenverkehrsamt, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt (Tel.: 069/52 01 35).  www.fac.de.