REISE
07. März 2009

Heritage-Hopping belebt Indiens Hotel-Tourismus

Eine Zeitreise durch Indiens Heritage-Hotels: Gäste können in Burgen und alten Landhäusern übernachten. Ein Feature

Der Bus hat den kurvenreichen Abstieg aus dem Himalaya geschafft. Links sind noch schneebedeckte Berge zu sehen, rechts geht es hinab in die Gangesebene. Und hier in den grünen Hügeln soll es irgendwo sein, das nächste Heritage Hotel. So heißen in Indien die Burgen und Landhäuser, in denen Touristen übernachten können. Ob in Dörfern oder Städten, Adelssitzen oder Bauernhäusern - die Idee, das kulturelle Erbe als Hotel zu nutzen, boomt.

   Die britischen Touristen sind gespannt, wo sie die nächste Nacht verbringen werden. "Jedes Haus, jedes Zimmer ist anders, man lernt ein ganz anderes Indien kennen", sagt Sue Chandler aus London. Spitzbögen und Säulen, Springbrunnen in Innenhöfen, Wandbilder und schattige Veranden - Heritage Hotels bieten eine Zeitreise mit Frühstück. "Viel zu schade, um abends spät anzukommen und morgens gleich wieder weiterzufahren", meint Chandler.

   Diesmal steht Pragpur im Bundesstaat Himachal Pradesh auf dem Programm. Der Bus fährt durch die engen Gassen des Dorfs, und die Passagiere fragen sich, wo sie hier wohl übernachten sollen. So ist das fast immer auf dem letzten Kilometer zu einem Heritage Hotel - bis dann ein befreites "Aahhh" durch den Bus geht. Diesmal wird es vom Judge's Court ausgelöst, einem Haus mit roten Ecktürmen und weißen Säulengängen, in dem zu Kolonialzeiten ein Richter lebte.    

Sein Nachfahre Vijay Lal entschloss sich 1997, das Anwesen in ein Hotel zu verwandeln. "Am Anfang fühlte es sich etwas merkwürdig an, Fremde an den Tischen zu sehen, an denen meine Ahnen gesessen hatten. Aber es wurde mir immer mehr zur Freude, Gäste hier zu haben", sagt Lal. Die fühlen sich sichtlich wohl, sitzen auf dem Balkon und lesen, kommen zum Abendessen an die festlich gedeckten Tische im Garten und lassen sich von Lal die Geschichte seiner Familie erzählen.    

"Wir sind seit elf Generationen hier im Dorf", sagt er, "und mir war es wichtig, dass wir uns mit dem Hotel nicht isolieren." Deshalb ging er einen für Heritage Hotels außergewöhnlichen Weg. Er vermietet nicht nur Zimmer im Haupthaus, sondern richtete auch Häuser seiner Familie mitten im Dorf her, ein altes Ziegelhäuschen mit zwei Etagen als Doppelzimmer zum Beispiel, wenige Minuten zu Fuß von Marktplatz und mit ganz normalen Nachbarn links und rechts.    

"Die Einkünfte durch den Tourismus sollten dem Dorf zugutekommen, in dem das Heritage Hotel steht", meint Lal. "Wir holen unsere Fahrer und Fremdenführer aus der Umgebung, wir kaufen das Gemüse hier auf dem Markt, wir schicken unsere Gäste in die Andenkenläden am Ort."    

Aber Heritage Hotels sind keine Wohltätigkeitsveranstaltungen, sondern in erster Linie ein Geschäftsmodell, das die Erben üppiger Patrizierhäuser in die Lage versetzt, den Familienbesitz zu halten. "Das Haus war viel zu groß für mich, und es musste renoviert werden", erzählt R.D. Singh, der in Jaipur das Nana ki Haveli betreibt. "Bei uns Rajputen wurde Gastfreundschaft immer schon großgeschrieben - da hatte meine Frau die Idee, einen Beruf daraus zu machen."    

Ganz ähnlich sieht das Devendra Singh. Er wagte mit dem Roop Niwas in Shekhawati im Nordosten Rajasthans schon 1992 den Sprung vom Landgut zum Touristenhotel. Er und seine Nachbarn bieten den Gästen noch etwas Besonderes: Reitersafaris auf den Marwari-Pferden mit den markanten Sichelohren. "Als wir anfingen, was das sehr speziell, aber heute sind die Straßen aus Delhi und Jaipur so gut, dass Shekhawati auf dem touristischen Weltmarkt angekommen ist", sagt Singh.    

Touristen, die heute nach Delhi und Jaipur, zum Taj Mahal und ans Ufer des Ganges reisen, haben die Wahl: Sie können in Standardhotels übernachten, die in Indien genauso aussehen wie überall sonst auf der Welt. Oder sie entscheiden sich für Heritage Hotels. Allerdings ist diese Bezeichnung nicht geschützt und sagt nichts über Preise und Komfort. Architektonische Perlen mit viel Charme und Tradition für 50 Euro pro Nacht zählen ebenso dazu wie Neubauten im alten Stil oder teure Paläste, aber auch Häuser, die einfach nur alt sind.    

Indien-Touristen, die mit Heritage-Hopping liebäugeln, tun deshalb gut daran, sich vorher genau zu erkundigen, wo sie die Nächte verbringen. Viele verlassen sich auf Berichte von Freunden und Bekannten, vertrauen auf etablierte Heritage-Ketten wie die Neemrana-Hotels oder buchen Pauschalangebote.    

Aber auch dann sollten sie genau wissen, was auf sie zukommt, sagt Michaela Tedsen von Studiosus Reisen: "Man kann in solchen Häusern Geschichte live erleben, noch näheren Kontakt zur Kultur des Landes bekommen. Aber wir bereiten unsere Gäste auch darauf vor, dass solche Hotels eben nicht quadratisch, praktisch, gut sind."    

Nicht jeder Raum ist gleich, es gibt enge Treppenhäuser, manche Balkongeländer hätten bei der deutschen Bauaufsicht keine Chance. Die Bäder mit Dusche und westlichem Klo sind zwar tadellos sauber, aber aus einer anderen Zeit. Es gehe eben nicht darum, möglichst luxuriös zu übernachten, sondern authentisch, sagt Tedsen. Dem stimmt auch die indische Reiseagentin Anita Gurnani zu, die immer auf der Suche nach neuen Heritage Hotels ist: "Sie müssen einzigartig sein, nicht einheitlich, Charakter ist wichtiger als Komfort."    

Genau danach suchte auch Giri Singh - bis sie zwischen Jaipur und Agra fündig wurde. Sie kaufte das Chandra Mahal Haveli, ein Großgrundbesitzerhaus im Mogul-Stil, das leer stand und verfiel, und richtete es her. Inzwischen zählen nicht nur Indien-Touristen zu ihren Gästen: "Wir haben Klimaanlagen und Heizung in die Zimmer eingebaut, jetzt kommen auch im Sommer und im Winter Leute aus Delhi, die einfach mal raus wollen aus der Stadt." (Jürgen Hein/dpa)