06. August 2018

Historisch frühe Weinlese Start am 6. August

Foto DWI

In einem Weinberg in Lörzweiler bei Mainz hat am Montag bei strahlendem Sonnenschein die diesjährige Weinlese offiziell begonnen - nach Angaben des Deutschen Weininstituts der bisher früheste Lesebeginn hierzulande.

Die bisherige Rekordmarke für den frühesten Beginn der Weinlese hielten die Jahre 2007, 2011 und 2014 - jeweils am 8. August. Im vergangenen Jahr startete die Lese am 16. August, damals in einem Weingut in der Pfalz.

Süß, warm und verheißungsvoll sind die Trauben. Vielleicht sogar zu süß. Mit dem bislang frühesten Beginn der Weinlese am Montag wächst bei allen Winzern in Deutschland die Sorge, dass dann der Alkoholgehalt steigt. Viel Zucker wird in der Gärung zu viel Alkohol, daher sind die Weine aus Italien oder Spanien auch besonders schwer. Die Stärke der 13 Anbaugebiete in Deutschland aber ist der leichte Weißwein.

Bei der Lese der ersten Trauben für den Federweißen, den noch gärenden frischen Wein, drückt Winzer Mathias Wolf in Lörzweiler bei Mainz die Trauben mit der Faust aus, lässt den Saft in die Öffnung des Refraktometers laufen. 96 Grad Oechsle zeigt das Gerät für die Messung des Mostgewichts an, also für die Menge des Zuckergehalts im Traubensaft - nochmal fünf Grad mehr als vor einer Woche. «80 Grad hätten mir auch gereicht», sagt Wolf. Bei mehr als 100 Grad Oechsle steige der Alkoholgehalt auf 13 oder 14 Grad Volumenprozent.

Wenn es immer wärmere Sommer in Deutschland gibt, so die Einschätzung der Winzer, könne es auch am Rhein schwere Rotweine geben. «Beim roten Wein wird mit Sicherheit ein Jahrhundertjahrgang herauskommen», sagt der Präsident des Weinbauverbands Rheinhessen, Ingo Steitz. Mit Blick auf den Klimawandel hat Winzer Wolf seine Liebe für die spät reifende Rebsorte Syrah (auch Shiraz genannt) entdeckt. Andere pflanzen deswegen vermehrt Spätburgunder oder Merlot an.

In allen 13 deutschen Weinanbaugebieten beginnt die Lese nach dem langen und warmen Sommer etwa drei Wochen früher als sonst. Selbst im nördlichsten deutschen Anbaugebiet Saale-Unstrut werde die Hauptlese bei Rebsorten wie Müller-Thurgau schon Ende August beginnen, erwartet das Deutsche Weininstitut. Der Riesling dürfte dann Mitte September folgen.

«Die Sonne knallt voll drauf», sagt Winzertochter Selina Wolf, die in Geisenheim im Rheingau internationale Weinwirtschaft studiert. Einige Trauben der Solaris-Reben im Lörzweiler Hohberg zeigen leichte Trockenschäden. «Das wird ein gutes Jahr für die Trockenbeerenauslese», sagt die 24-Jährige.

Mit einem leisen Plopp fallen die Trauben in den Eimer. Die Parzelle in Lörzweiler hat Südlage, der Blick weitet sich vom Rheintal bis zum Donnersberg, wo die Pfalz beginnt, das nach Rheinhessen zweitgrößte deutsche Weinanbaugebiet. Sieben Familienmitglieder und Freunde sind am ersten Erntetag im Einsatz.

Schnell ist der Maischewagen hinter dem Traktor gefüllt. Winzer Wolf ist besonders auf den Ertrag gespannt, der dann aus der Kelter in den Tank fließt. «Ich bin noch skeptisch, irgendwo müssen sich ja die Folgen der Trockenheit zeigen.» Aber dann ist die Wanne nach dem ersten Keltern fast voll, mit rund 900 Litern Most. «Das geht dann in Richtung eines Hektarertrags von etwa 8000 Litern», sagt Winzer Wolf. Im zurückliegenden Jahrzehnt lag der durchschnittliche Hektarertrag aller deutschen Anbaugebiete bei 9100 Litern.

Der Markt ist jedenfalls aufnahmebereit für den neuen Wein. «Die Keller sind gut geräumt», sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weinbauinstitut. «Die Winzer würden sich über einen normalen Ertrag freuen.»

Das Weingut Wolf hat sich auf Federweißer spezialisiert, etwa ein Drittel der Ernte wird für den angegärten neuen Wein verwendet. Nach der Solaris-Ernte - diese Rebsorte hat Sonne schon im Namen - fließen auch Ortega, Huxel und Phoenix in die Federweißer-Produktion.

«Wir werden diesmal mehr auf Säure achten als auf das Mostgewicht», sagt der Präsident des Weinbauverbands Rheinhessen, Ingo Steitz. «Das Jahr 2018 wird für den ganzen deutschen Weinbau als Ausnahmejahr in die Geschichte eingehen.»  dpa

Federweißer: Es gärt wieder

Federweißer, Rauscher oder Neuer Wein heißt das spritzige Getränk auf halbem Weg zwischen Most und Wein. Es wird in allen 13 Weinanbaugebieten in Deutschland hergestellt und meist im Direktvertrieb der Winzer oder auch im regionalen Handel verkauft. In den bundesweiten Handel kommt vor allem Federweißer aus der Pfalz und Rheinhessen, den beiden größten deutschen Anbaugebieten. Dafür haben sich regionale Strukturen mit großen Kellereien und Abfüllbetrieben etabliert.

Für die Federweißer-Produktion werden vor allem früh reifende Rebsorten verwendet wie Solaris, Ortega, Bacchus und Huxel, etwas später in der Weinlese wird auch gern Müller-Thurgau verarbeitet. Federweißer wird zu einem großen Teil im Gutsausschank konsumiert, für die Winzer ist er ein Instrument der Kundenbindung. Über den Handel werden nach einer Schätzung der Industrie- und Handelskammer Trier bundesweit etwa elf Millionen Liter Federweißer im Jahr vertrieben. Der Anteil der deutschen Produktion liegt im Schnitt bei 50 Prozent, die andere Hälfte wird zumeist aus Italien importiert.

Seinen Namen hat Federweißer von den kleinen Hefeteilchen, die von der Kohlensäure im Gärungsprozess aufgewirbelt werden und wie kleine Federn im Glas tanzen. Verbreitet ist die Mahnung, dass die Süße im Federweißen über den Alkoholgehalt hinwegtäuscht und dass deswegen Federweißer schneller berauschend wirken kann als erwartet.

Beim Verkauf in Flaschen mit einer luftdurchlässigen Kapsel hat die Gärung gerade erst eingesetzt, sodass empfohlen wird, den Federweißen noch einen Tag bei Zimmertemperatur gären zu lassen, bis ein Alkoholgehalt von fünf bis sechs Volumenprozent erreicht ist. Im rheinhessischen Zentrum der Federweißer-Kultur dauert die Saison bis etwa Ende Oktober. Der neue Wein soll einen ersten Vorgeschmack auf den neuen Jahrgang geben.