Reise
27. Juli 2008

Holunder auf der Holler-Alm

Susan Bäthge auf den Spuren des Allheilmittels im Salzkammergut: Alles über seine Wirkung, Herstellung und den vollendeten Genuss. Die große Holunder-Reportage

"Ich vertraue Dir mein Leben an", stand in einem kleinen Büchlein über bedeutungsvolle Blumen und Heilkräuter geschrieben. Doch wem oder was vertraut man ohne weiteres sein Leben an? Dem Holunder! Ein Geißblattgewächs, das schon vor Urzeiten die "lebende Hausapotheke des armen Mannes" war und von den Österreichern liebevoll "Holler" genannt wird.

Holunder ist in beinahe ganz Europa, Asien und Nordafrika heimisch, doch nirgendwo ist er so populär und wird so verehrt wie rund um die Mozartstadt Salzburg. Es ist Juni, die Hollerstauden präsentieren sich in weißen Blütenkleidern, und ich begebe mich auf Spurensuche im Salzburger Land. Bei einer zweitägigen Holleralm-Wanderung soll alles Wissenswerte über die weiße Wunderblüte vermittelt werden.

Nur eine halbe Stunde vom Flughafen entfernt erschließen sich die Regionen Wolfgangsee und Fuschlsee, 11 urige Holleralmen haben leckere Erzeugnisse vom begehrten Holunder auf der Speisekarte. So kann sich jeder tüchtige Wanderer von der Qualität der schmackhaften Beere überzeugen. "Die von uns ausgezeichneten Holleralmen müssen in der Erntezeit mindestens zwei Gerichte und zwei Getränke anbieten", sagt Harald Prohaska, Ortsmanager vom Wolfgangsee Tourismus.

Der neueste Gag: Die gratis Holler-Einreibe, eine Art Franzbranntwein, vom Hüttenwirt persönlich einmassiert. "Das macht müde Wadln garantiert wieder munter!". Gemeinsam mit dem ehemaligen Förster Gisbert Rabeder machen wir uns auf den Weg, die Postalm zu erwandern. Auf über 1000 Meter Höhe, nach Erkundung des zauberhaften Almblumenweges auf Österreichs größter Bergweide, schmeckt die deftige Jause aus kräftiger Speckknödelsuppe und süßem Hollerbeerenschmarrn doppelt so gut. Der Almsommer im gemütlichen Salzkammergut hat begonnen, die Spezialitäten werden frisch aufgetischt.

Ist es eigentlich ein Hollerbaum, Strauch oder aber eine Staude? Da scheiden sich die Geister, darüber wird heiß diskutiert und heftig gestritten, auf der Hüttn. "Geologisch gesehen ist es ein Baum. Aber der Volksmund sagt gern Staude", erklärt unser ehemaliger Förster, und er muss es ja wissen! Fest steht, dass die weißen Blüten im Juni und Juli geerntet werden, die schwarzen Beeren im August und September.

Schwarz-weiß sind auch die unzähligen Sagen und Mythen, die sich um den Holunder ranken. So soll Frau Holle im Hollerstrauch wohnen und jede Menge guter Hausgeister mit ihr. "Vor blühendem Holunder soll man seinen Hut ziehen", besagt ein altes Sprichwort. Der Baum erreicht eine Höhe von bis zu vier Meter und fühlt sich am wohlsten an Sonnen speichernden Hausmauern. Er gilt als Schutzbaum für Mensch, Hof und Vieh und wurde früher vor Almen, Bauernhöfen und Schuppen gepflanzt. War der Riegel der Stalltür aus Holunderholz, so konnte dem Vieh kein Leid geschehen.

Holunder, das Allheilmittel. Schon Hippokrates und Paracelsus kannten und priesen die Heilkraft der Blätter, Blüten, Rinde und Wurzeln. Tee aus getrockneten Blättern und Blüten fördert die Wasserausscheidung, wunderbar bei grippalen Infekten und Lungenentzündung. Die Beeren sind dank der vielen ätherischen Öle reich an Vitaminen und Mineralstoffen, die wiederum stärken das Immunsystem. Heißer blutroter Holunderbeersaft lindert Erkältungen, Bronchitis und Husten. Da kommen Erinnerungen aus der Kindheit hoch, als uns meine Mutter das saure heiße Getränk aus verschnörkelten Porzellanbechern einflösste. Heute steht eine Flasche in meiner Speisekammer, der perfekte Begleiter durch kühle Wintertage!

Im Salzkammergut wird derweil heller Hollersirup mit kühlem Quellwasser und einem Schuss Zitronensaft zu einem erfrischenden Getränk gemixt. Die gute Seele der Grubenbachhütte, auf der Alm sind 36 Rinder und Ziegenbock Maxi daheim, heißt Helga. Auf 1036 Meter kann man der herzlichen Sennerin nicht nur beim Käsen zusehen. Nach einer zünftigen Speck- und Käseplatte bietet sie gebackene Hollerblüten an, eine Köstlichkeit, die nach einem einstündigen Fußmarsch hinunter in das Gemeindegebiet Hintersee garantiert nicht auf den Hüften landet. Wer es ins Tal nicht mehr schafft, der kann im Bettenlager nächtigen und sich früh morgens von den Kuhglocken stilecht wecken lassen.

Ein kräftiger Klarer darf dennoch nicht fehlen. "Der Sepp brennt den besten Hollerschnaps der Welt, dafür wurde er 2006 auf der Destillata ausgezeichnet", sagt Karl Riegler vom Salzburger Land Tourismus. Bei Schnapsbrenner Sepp Rieger brodelt es geheimnisvoll im Hinterstübchen seiner urigen Brennstube des Primushäusls in Gschwendt. "Hollerschnaps ist wahre Medizin", erklärt der Obstbaufachmann gelassen.

Seine Edelbrände weiß auch das legendäre Hotel Im Weissen Rössl am Wolfgangsee zu schätzen. Hier kann man nach einem zünftigen Tag auf der Alm seine müden Muskeln bestens entspannen, im 32 Grad warmen, auf dem See schwimmenden Pool und im noch viel heißeren Whirlpool. Wahrhaft luxuriös sind Hollermassagen und Gesichtskompressen aus den Zauberhänden von Kosmetikerin Bettina im gemütlichen Ebners Waldhof am Fuschlsee. Exklusiv vertreibt die Familie Ebner in ihrem Spa Hollerprodukte von einer Kräuterfee aus Kuchl: Seifen, Badeöle, Apfelessig, Blütenessenzen und Tees. "Wir wollen die Kraft von Mutter Natur nutzen, das ist authentischer, gesünder und preiswerter als Pillen und andere Arzneimittel", erzählt Bettina.

Die gesamte Palette an Hollerprodukten gibt es beim Oberhinteregger Hofverkauf in Faistenau. Familie Klaushofer stellt Schnaps, Marmeladen, Tinkturen, Gelees, Sirup und Cremes in Eigenproduktion her. Ein Abstecher lohnt sich, denn die herzliche Chefin Brigitte hat eines garantiert immer da: Belebende, erfrischende, durchblutungsfördernde Holler-Einreibe, die Kräuter werden nach dem Mondrhythmus geerntet und angesetzt!

Ankunft Berlin. Auf dem Heimflug treffe ich einen alten weisen Mann, dem ich von meinen Erlebnissen rund um das Wunder Holunder berichte. Er lächelt sanft und lädt mich für das nächste Wochenende auf seinen Hof im Spreewald ein. "Meine Frau ist eine wahre Holunder-Expertin. Sie kocht die besten Marmeladen und Gelees." Das Wunder ist manchmal so nah! (Text/Fotos: Susan Bäthge)

Anreise:

Mit TuiFly ab Berlin, Hamburg, Hannover oder Köln nach Salzburg, ab 40 EUR, www.tuifly.com, Austrian Airlines fliegt von Düsseldorf nach Frankfurt und Salzburg, ab 100 EUR, www.aua.com

Unterkunft:

Urig und direkt in den Bergen, die Kuhglocken im Ohr: Grubenbachhütte: www.gruberalm-grubenbachhuette.at, Tel: 0043 664 392 1589, Übernachtung inkl. Almfrühstück. Im Bettenlager 12 EUR, DZ 14 EUR.

Nach dem Märchenwanderweg kann man von hieraus direkt weiter marschieren auf dem Meditationsweg: Familie Kurz betreibt liebevoll die Schafbachalm: www.schafbachalm.at , Tel: 0043 664 531 89 54; Ferienwohnung (bis zu 5 Pers.) ab 100 EUR.

Mondän, kuschelig und mit einem riesigen Wellnessbereich: Ebners Waldhof:  www.ebners-waldhof.at, Tel: 0043 6226 82 64, DZ ab 188 EUR

Traditionshaus mit schwimmendem Pool und Whirlpool auf dem Wolfgangsee: Im Weissen Rössl am Wolfgangsee: www.weissesroessl.at, Tel: 0043 6138 23060, DZ ab 176 EUR

Essen & Trinken:

Nach Erkundung des Almblumenweges gibt es hier eine zünftige Jause: Stroblerhütte/Postalm, Tel: 0043 664 254 2237

Die besten Hollerprofesen macht bei Karin Kurz auf der Schafbachalm, www.schafbachalm.at

Gebackene Hollerblüten nach einer zünftigen, mit Liebe zubereiteten Speck- und Käseplatte gibt es auf der Grubenbachhütte bei Helga Oberascher, www.gruberalm-grubenbachhuette.at

Einkaufstipps: Hier haben Sie die größte Auswahl an Holunderprodukten: Oberhinteregger Hofverkauf: www.klaushofer.info, Tel: 0043 6228 2208