BORDEAUX REPORT
19. September 2010

Im Bordeaux beginnt die Weinlese 2010

In Saint-Emilion startet die Weinlese: Luxus-Bordeaux so teuer wie nie, die unbekannten Winzer mitten in der Krise

In Saint-Emilion wird gefeiert. Krise hin, Existenzängste her: einmal im Jahr wird im Epizentrum von Frankreichs Bordeaux-Weinanbaugebiet so richtig Stimmung gemacht. Die feierliche Eröffnung der Weinlese in dem beschaulichen Ort ist eine Art Gradmesser für die Lage bei der Winzer-Elite.

An diesem Wochenende steht sie auf Zuversicht. Denn inmitten einer allgemeinen Absatzkrise in der Region geht es den Produzenten edler Tropfen so gut wie kaum zuvor. Zu Höchstpreisen von mehreren hundert Euro die Flasche verkaufen sich ihre Grand Cru Classés - vor allem in China, das außerhalb Europas längst der wichtigste Bordeaux-Weinkunde ist.    

«Das Land dürfte in spätestens zwei Jahren mein größter Abnehmer sein», sagt Hubert de Boüard von Château Angelus, das einen der begehrtesten und damit teuersten Weine der Region herstellt. Der Winzer kam gerade aus Schanghai zurück. So wie er sehen heute viele seiner Kollegen ihre künftigen Absatzmärkte in den neuen aufstrebenden Wachstumsmärkten in Asien, aber auch Brasilien oder Russland. Rote Spitzentropfen aus dem klassischsten der französischen Weinbaugebiete erzielen dort Schwindel erregende Preise. Doch am unteren Ende bangen viele Winzer um ihre Existenz.    

Denn ausgerechnet in 2009 - einem Jahr, in dem angesichts perfekter Wetterbedingungen ein regelrechter Ausnahmewein produziert wurde - knickte der Absatz vom Wert her um 23 Prozent auf 1,29 Milliarden Euro ein. In Deutschland, vom Volumen her mit 252 000 Hektolitern der bisher wichtigste Exportmarkt für Bordeaux-Weine, schrumpften die Verkäufe nach Angaben der Winzervereinigung um 18 Prozent auf 119 Millionen Euro. Ein wahres Katastrophenjahr: Der schnelle, brutale Absatzeinbruch brachte viele kleinere Güter an den Rand des Ruins. Denn schon vorher hatte es dort gekriselt.

«Viele Winzer sind am Ende, andere haben bereits aufgegeben. Wir befinden uns mittlerweile auf dem Preisniveau von vor 25 Jahren», sagt im nur wenige Kilometer entfernten Fronsac Michel Ponty vom Château Pavillon. Seiner Meinung nach leiden viele Winzer zudem unter dem Image der auf Edelgüter fixierten Bordeaux-Weine: «Die Edelweine waren noch nie so teuer wie heute - und die kleinen Winzer leiden unter der vorherrschenden Verbrauchermeinung, dass Bordeaux-Weine viel Geld kosten. Dabei waren deren Preise noch nie so niedrig wie heute.» Seine Botschaft: Für Genießer war selten der Augenblick so günstig, sich zu erschwinglichen Preisen mit Bordeaux-Weinen einzudecken.

Denn die Euphorie der vergangenen Jahre über stetig steigende Preise ist längst Vergangenheit. De Bouard, der auch als Berater für rund zwei Dutzend andere Güter tätig ist, schätzt den Anteil der Winzer im Bordeaux-Anbaugebiet mit finanzieller Schieflage als recht hoch ein: «Etwa 40 Prozent von ihnen befinden sich in einer prekären Lage. Viele sitzen auf vollen Lagern und müssen zu Preisen weit unterhalb der Produktionskosten verkaufen - ein Teufelskreis!»

Kein Wunder, dass die Hoffnungen auf einem erneut guten Jahrgang ruhen. Im französischen Südwesten hatte die Natur bereits 2005 mit nahezu perfektem Wetter geholfen, einen Spitzenwein zu produzieren. Die Folge waren explodierende Preise im Top-Segment, die Wein zum Spekulationsobjekt machten. Im nun auf den Markt kommenden 2009er-Jahrgang waren die Wetterbedingungen noch besser: Er wird unter die besten der vergangenen Jahrzehnte in Frankreich eingereiht. (Ralf E. Krüger, dpa)

Zum Bordeaux-Report: Bordeaux 2009, das Medoc, Parker und Preise