REISE
01. Juni 2010

Insel der Aphrodite: Zypern im Focus

Die Kreuzritter und die Venezianer haben Burgen gebaut. Von den Arabern stammen die orientalischen Vorspeisen Meze, von den Briten der Linksverkehr und von den Türken der Nationalitätenkonflikt, der 1974 zur Teilung der Insel führte

Viele Herren haben Zypern regiert, und alle haben ihre Spuren hinterlassen. Das merkt auch der Tourist rasch, wenn er in das Land im östlichen Mittelmeer kommt, von dem Nikos Kazantzakis einst sagte «Und gingest Du bis ans Ende der Welt, Du fändest keine zweite Insel wie diese.» Und ebenso schnell stimmen die Urlauber dem Autor von «Alexis Sorbas» zu, denn Zypern ist tatsächlich eine kleine Welt mit großer Vielfalt.    

Zypern liegt am Schnittpunkt dreier Kontinente: Europa, Asien und Afrika. An der - nach Sizilien und Sardinien - drittgrößten Insel im Mittelmeer schätzen viele Reisende zwar vor allem die feinen Sandstrände, das türkisblaue Meer und den vielen Sonnenschein. Ein Pfund, mit dem Zypern wuchern kann, sind aber auch seine Kunst- und Kulturschätze. Und es gibt kaum einen Reisekatalog, der ohne eine Hymne an eine überirdisch schöne Frau beginnt, die im griechischen Götterhimmel Aphrodite und im römischen Pantheon Venus hieß.    

Unscheinbar sind die Felsen, die schroff und zerklüftet bei Petra tou Romiou in Zyperns Südwesten am Meer liegen. Es ist kaum zu glauben, dass die Göttin der Schönheit und Liebe ausgerechnet hier an diesem einsamen Kieselstrand nackt und in vollendeter Schönheit dem Schaum - griechisch «aphros» - der Brandung entstiegen sein soll. «Wenn Sie sich für den Mythos von Aphrodite interessieren, können Sie den Spuren dieser sagenumwobenen Dame auf einem neu angelegten Themenweg folgen», erzählt Georgius, der an der Straße einen Kiosk betreibt und Urlaubern frisch gepressten Orangensaft serviert.    

Die Fahrt nach Paphos dauert auf einer kurvigen Straße, die meist direkt am Meer entlangführt, gerade mal eine halbe Stunde. Bei Kouklia, einem kleinen Dorf, liegt Palaia Pafos. In der Antike war hier das Zentrum des Aphrodite-Kults. Die Pilger schmückten sich mit Myrten, der «Pflanze der Aphrodite»; hier gab es Musik- und Theaterwettbewerbe. Im Zentrum der Festlichkeiten aber standen die Mysterien um Aphrodite und ihren jugendlichen Liebhaber Adonis.

 «Schnurgerade Gassen ziehen sich in alle Richtungen, und auf ihnen gehen die fremden Männer hin und her und suchen sich eine aus. Wenn sich eine Frau dort niedergelassen hat, darf sie nicht eher nach Hause gehen, als bis ihr einer der Fremden Geld in den Schoß geworfen und sie außerhalb des Heiligtums beschlafen hat», kann man beim Geschichtsschreiber Herodot nachlesen. Und er fügte hinzu: «Die nun hübsch aussehen und stattlich sind, können bald wieder gehen. Die Hässlichen aber müssen lange Zeit dableiben, weil sie das Gesetz nicht erfüllen können; ja manche warten wohl drei oder vier Jahre.»

Diese Zeiten sind natürlich lange vorbei, auch von der Kultstätte selbst ist nicht mehr viel zu sehen. Sie wurde durch Erdbeben zerstört, nur noch Fundamente und Mauerreste haben sich erhalten.    

Kulturhistorisch bedeutsamer sind die römischen und frühchristlichen Mosaike aus dem Palast des römischen Statthalters und den Villen der Oberschicht, die im Archäologiepark von Paphos besichtigt werden können. Der als Weltkulturerbe geschützte Park ist die Hauptattraktion der 50 000 Einwohner zählenden Stadt, die sich seit den 1980er Jahren von einem verschlafenen Fischerdorf in eine Touristenhochburg verwandelt hat. Der Eingang zum weitläufigen Areal liegt nur wenige Schritte von der Flaniermeile am Hafen entfernt.    

Die Besucher wandern teilweise auf hölzernen Galerien - die griechische Götterwelt liegt ihnen so buchstäblich zu Füßen. Im «Haus des Dionysos» zum Beispiel zeigen die bunten Steinchen lebensfrohe Szenen aus der Welt der Götter. Dargestellt werden Aspekte der Liebe, der Jagd und des Weins - sie spiegeln das Selbstverständnis einer zufriedenen römischen Oberschicht wieder. Auch hier tritt Aphrodite in Erscheinung: Auf einem Mosaik wird Narziss lebendig, der schöne Jüngling, der so selbstverliebt war, dass er die um ihn werbende Nymphe Echo verschmähte, die daraufhin vor Kummer starb. Zur Strafe ließ ihn Aphrodite sich in Sehnsucht nach sich selbst verzehren, bis er sich in die Blume verwandelte, die seither seinen Namen trägt.    

Wer will, kann einige Schritte zum Odeion laufen und sich auf den rekonstruierten Stufen niederlassen. Einst war hier Platz für 3000 Zuschauer. Weiter oberhalb steht auf einer Anhöhe der Leuchtturm. Vor ihm erstreckt sich das 1000 Quadratmeter große Forum. Sehenswert ist auch die spätbyzantinische Kirche Agia Kyriaki Chrysopolitissa mit der Paulussäule etwas nördlich des eingezäunten Ausgrabungsgeländes. Und dann sind da noch die sogenannten Königsgräber. Sie liegen wenige Kilometer weiter nordöstlich und beeindrucken die Besucher durch ihre unterirdischen, aus dem Fels geschlagenen Grabkammern mit steilen Treppen, dorischen Säulen und verwinkelten Nischen.    

Nach so vielen Besichtigungen ist erstmal eine Pause angesagt. An der quirligen Hafenmeile von Paphos buhlen unzählige Fischlokale und Cafés um hungrige und durstige Gäste. Vom bequemen Sitzplatz lässt sich das Treiben im Hafen gut beobachten. Es sind vor allem Privatjachten, die hier ankern. Einige Glasbodenboote warten auf Kundschaft. Zu sehen sind auch ein paar Fischerboote, die im klaren Wasser dümpeln. Doch längst sind die Küstengewässer überfischt, und so mancher in den Lokalen als fangfrisch deklarierter Fisch kam aus ganz anderen Regionen tiefgefroren auf die Insel.

Das Bild von Paphos wird auch von Hotels mit mehr oder weniger fantasievollen Namen geprägt, die sich wie Perlen auf einer Schnur an der Küste aneinanderreihen. Viele Touristen baden in den Pools. Natürlich kann man auch im Meer schwimmen, sich mit einem Gleitschirm übers Wasser ziehen lassen oder Tauchgänge buchen, doch die meisten Urlauber liegen bewegungslos auf ihren Strandliegen und sehen ihrem ersten Sonnenbrand entgegen. Die Sonne strahlt hier intensiv - und zwar an immerhin 340 Tagen im Jahr.    

Weniger touristisch geht es in der Oberstadt von Paphos in Ktima zu. Dort sind die Einheimischen in der Überzahl, und es lässt sich durch die engen Gassen bummeln. Wer mag, besucht den Obst- und Gemüsemarkt. Kaffeehäuser und Tavernen bieten landestypische Kost zu zivilen Preisen. «Probieren Sie doch mal unser köstliches Kleftiko, Sie werden begeistert sein», umwirbt einer der Wirte die Passanten. «Das ist ganz zartes Fleisch vom Zicklein, stundenlang im Lehmbackofen geköchelt.»    

Natürlich gibt's hier auch die «Meze»-Vorspeise, das sind Appetithäppchen auf kleinen Schalen. Fast immer sind Oliven und aufgespießte gebackene Kartoffeln dabei, eingelegte Kapern, rohes und gekochtes Gemüse und Halloumi, der feste weiße Schafskäse. Dazu stellt der Wirt eine Karaffe mit fruchtigem Weißwein auf den Tisch. Schließlich hat Zypern eine lange Tradition im Weinbau, auch wenn der süße, sherryartige Commandaria etwas aus der Mode gekommen ist.    

Am Tag darauf geht es weiter nach Norden auf die Halbinsel Akamas. Am Anfang säumen noch Hotelbauten die Straße, später führt die Fahrt durch bewässerte Plantagen, in denen Bananen, Zitronen, Orangen und Oliven wachsen. Bald taucht die Kirche Agios Georgios auf, die auf einer Anhöhe über einem kleinen Fischerhafen thront. Der Blick geht hinüber zur Geronisos-Insel und zum Kap Drepano, wo die Asphaltstraße endet und in eine Schotterpiste übergeht. Für die Weiterfahrt empfiehlt sich ein geländegängiges Fahrzeug. Noch besser ist es, auf ein Mountainbike umzusteigen oder hier die Wanderschuhe zu schnüren.    

«Die Akamas-Halbinsel steht unter Naturschutz und ist deshalb zum Glück hotelfrei geblieben», erzählt Wanderführer Andreas. Er hofft, dass das auch so bleibt; viele Hotelinvestoren würden gern die schönen Strände und wilden Felsküsten in ihre Planungen einbeziehen. Hier gedeihen fast 600 Pflanzenarten, darunter viele Orchideen und wilde Tulpen. Meeresschildkröten legen im Sommer nachts ihre Eier an den Strand von Lara, sie werden von freiwilligen Helfern bewacht. Die Nutzung des Strandes ist zugunsten der Schildkröten eingeschränkt.    

Das wohl spektakulärste Wanderziel ist die zerklüftete Avgas-Schlucht. An einigen Stellen rücken die senkrecht aufragenden Kalksteinfelsen bis auf wenige Meter zusammen und spenden an heißen Tagen kühlen Schatten. Wer die Akamas-Halbinsel besucht, sollte auch einen Abstecher zum berühmten «Bad der Aphrodite» machen - dort freilich ist es wieder vorbei mit dem Zauber der Stille.    

Ganze Busladungen von Touristen und junge Paare pilgern zu dem grün überwucherten «Jungbrunnen» in einer schattigen Felsnische. Dort soll die Liebesgöttin gebadet und sich in den Jüngling Akamas verliebt haben. Der Überlieferung zufolge garantiert die Quelle Liebesglück, ewige Schönheit und Kindersegen.    

Das «Bad der Aphrodite» ist auch Ausgangspunkt von zwei jeweils rund 7,5 Kilometer langen Naturlehrpfaden. Sie sind nach Aphrodite und Adonis benannt und führen auf den 370 Meter hohen Berg Moutti tis Sotiras. Unterwegs ergeben sich immer wieder schöne Ausblicke auf das Meer und die einsamen Buchten dieser vielfältigen Insel. (Detlef Berg, dpa)

Reise nach Zypern

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Verschiedene Fluggesellschaften fliegen Larnaka und Paphos von mehreren deutschen Flughäfen direkt an. Zypern ist seit 2004 EU-Mitglied. Zur Einreise genügt der Personalausweis.    

WÄHRUNG: Seit 2008 ist der Euro die nationale Währung Zyperns. Geldautomaten sind auf der Insel an vielen Orten zu finden.    

REISEZEIT: Die Insel gilt als Ganzjahresreiseziel. Gute Zeiten sind Frühjahr und Herbst, denn im Sommer wird es sehr heiß.    

INFORMATIONEN: Fremdenverkehrszentrale Zypern, Zeil 127, 60313 Frankfurt, Tel. 069/25 19 19, www.visitcyprus.com