Reise
08. Mai 2009

Insel Föhr geht touristisch neue Wege

Reise nach Föhr: Nicht nur Familienidyll im Watt

Für mutige Naturen sind Gummistiefel kein Thema: Ins Watt vor der nordfriesischen Insel Föhr gehen sie zumindest im Sommerhalbjahr nur barfuß. Doch an diesem Frühlingstag hat das Wasser keine zehn Grad. Selbst die Sonne wärmt im Ostwind nur wenig. Walter Stubenrauch, Leiter des Nationalparkzentrums in Wyk auf Föhr, kennt das Watt, seine Faszination ebenso wie seine Tücken. Er greift heute lieber zu den schützenden Stiefeln. «Viele unterschätzen das Wattenmeer», sagt der 52-jährige gelernte Biologie- und Geschichtslehrer.    

Stubenrauch sticht eine stählerne Grabgabel in den festen Nordseeboden vor dem Wyker Südstrand und fördert einen beachtlichen Wattwurm zu Tage. Von diesen bis zu 20 Zentimeter langen Burschen leben bis zu 50 auf einem Quadratmeter. Sie hausen in j-förmigen Röhren, fressen sich durch den Boden, verdauen das organische Material darin und versuchen, sich dabei nicht selbst von hungrigen Vögeln erwischen zu lassen. Weil das Leben in diesem produktivsten Ökosystem der Welt weitgehend im Verborgenen tobt, müssen sich Touristen an den Boden unter ihren Füßen halten. «Wir haben einen Bück-Nationalpark», erklärt Stubenrauch seinen Gästen.    

Neben Rentnern und Kurgästen kommen Schulklassen und vor allem Familien mit Kindern zu seinen Führungen. Denn in den vergangenen Jahren hat sich die knapp 83 Quadratmeter große Insel, die von ihren Schwestern Amrum und Sylt gegen die Nordsee abgeschirmt mitten im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer liegt, vor allem einen Namen als Familien-Urlaubsziel gemacht. Das soll auch so bleiben. Weil die klassische Familie seltener wird, sucht Föhr aber nach Alternativen. Singles, junge Paare ohne Kinder und Reisende im Rentenalter stellen zum Teil andere Ansprüche, weiß die Marketingchefin der Tourismus GmbH Föhr, Sandra Lessau.    

Die Saison im Frühjahr und Herbst außerhalb der Ferien soll verlängert werden. «Das können wir nicht mit Familien mit schulpflichtigen Kindern, dazu müssen wir die Menschen ab 50 oder 55 ansprechen.» Die Anbieter müssen sich auf kurzfristigere Buchungen und kürzere Reisen einstellen. Dazu seien mehr Hotels mit höherem Niveau nötig. Einen ersten Schritt in der Vermarktung hat Föhr bereits gemacht. Seit Anfang 2007 arbeiten alle Gemeinden in der Tourismus GmbH zusammen. Sie bieten einen einheitlichen Internetauftritt und eine gemeinsame Buchungsplattform. Im vergangenen Jahr hat Föhr ein Tourismuskonzept beschlossen, bis 2012 sollen die Ziele erreicht werden.

   Marianne und Brar Roeloffs haben schon reagiert und ihr kleines Garni-Hotel «Rackmers Hof» im beschaulichen Friesendorf Oevenum erweitert. Im alten Kapitänshaus und in zwei Neubauten bieten sie unter Reet elf Suiten an, die speziell auf die Bedürfnisse von Paaren und kleinen Familien ausgerichtet sind. «Die Buchungen kommen sehr kurzfristig und meist für einige Tage», bestätigt Marianne Roeloffs den Trend. «2009 ist tatsächlich ein Spätbucherjahr, wie die Experten vorausgesagt haben.» Obwohl die Eröffnung des jüngsten Neubaus mit vier Suiten erst ein paar Wochen zurückliegt, schauen die Vermieter schon in die Zukunft: «Wir haben jetzt eine Größe, die für uns wirtschaftlich ist, aber wir planen, noch ein Café mit Terrasse zu eröffnen», sagt Marianne Roeloffs.

   Neben den traditionellen Stärken wie Strand, Meer und Watt, Friesendörfern und Reetdachromantik, Golfplatz und Segelbootmarina will Föhr künftig noch andere Akzente setzen. So möchte sich die Insel als Vorreiter bei der Nutzung von erneuerbarer Energie etablieren. Viele Landwirte haben erkannt, dass sie mit Solarzellen auf ihren großen Scheunendächern nicht nur ein grünes Image, sondern auch viel Geld bekommen können. Seit Jahren schon drehen sich 19 Windräder über Föhr verteilt. «Wir wollen sie durch 5 größere ersetzen und räumlich zusammenfassen», sagt der Bürgermeister von Wyk auf Föhr, Heinz Lorenzen. Dafür gibt es landespolitisch aber noch kein grünes Licht.    

Der 63 Jahre alte ehrenamtliche Chef der Inselhauptstadt, der vor seiner Pensionierung Lehrer war, kann sich eine Einrichtung zur Information über die erneuerbare Energie auf Föhr vorstellen. «Wir haben ein Hundert-Prozent-Ziel und wollen dabei nicht stehen bleiben», sagt Lorenzen. Das heißt, auf Föhr soll mit Solar- und Windenergie sowie Erdwärme mindestens so viel Strom produziert werden, wie Einwohner und Urlauber verbrauchen. Das ist eine Menge. Denn zu den Insulanern kommen übers Jahr immerhin 200 000 Urlauber, die für insgesamt 1,9 Millionen Übernachtungen sorgen.    

Die Nase vorn haben will Föhr bei aller Tradition auch mit moderner Kommunikation. Junge Menschen, die lieber einen SMS-Feriengruß tippen als Postkarten schreiben, dürften es gut finden, dass ihr internetfähiges Foto-Handy jetzt auch ein Reiseführer ist: An 140 Punkten wie dem Dom in Nieblum oder dem Friesenmuseum in Wyk brauchen sie nur ein Schild mit einem Zeichencode zu fotografieren und können anschließend auf einer speziellen Internetseite die dazugehörigen Informationen lesen. «Föhr stellt diese neue Technik als erstes flächendeckend zur Verfügung», sagt Lessau. (Sönke Möhl, dpa)